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Vierte Folge.
dieſer ſanfter, ruhiger wurde und keinen Haß, ſondern moraliſch gezähmte Anſichten blicken ließ, ſo war der König zu keiner Zuſammenkunft, zu keinem Verzeihen zu bewegen. Daß Carlos ein heimlicher Anhänger der Reformation geweſen ſei, iſt ein Märchen; es finden ſich keine Gründe, dies zu glauben. Sein Katholicismus erwies ſich immer als taktfeſt, und er war ganz in den Händen der ſpaniſchen Erzpfaffen. Uebrigens hat er das Gefängnißleben, welches beinahe einer Einzelhaft gleich, und während deſſen er bald merkte, daß er nie Verzeihung hoffen könne,
da der König alle ſeine Guter und Habſeligkeiten an
Andere vertheilte, nicht lange ausgehalten. Er ſtarb bereits in demſelben Jahre, ſechs Monate ſpäter, am 25. Juli 1568. Immer ging er damit um, ſeinen Tod durch eine ungeregelte Lebensweiſe, durch Hun⸗ ger und dann wieder durch unregelmäßige Diäten zu beſchleunigen, und da ſeine vielen Wächter ihn nicht binderten, ſo muß man dies allerdings als ein ſtill⸗ ſchweigendes Begünſtigen ſeiner Auflöſung anerkennen. Der König trug wenig Trauer im Herzen, ließ aber äußerlich vielen Pomp treiben.
Wir müſſen es freilich ſehr auffallend finden, daß am ſſ
3. October deſſelben Jahres Philipp's junge Gattin, die ſchöne ſtarb, mag es auch
Eliſabeth von Valois, gleichfalls
hiſtoriſch als ein bloßer Argwohn widerlegt ſein, daß der König ſie habe durch die Her⸗ zogin von Alba wegen überführter Untreue vergiften laſſen.
Eben ſo ſeltſam iſt es auch, daß zwei Jahre ſpäter der verwittwete König die Erzherzogin Anna von Oeſterreich heirathete, dieſelbe, welche er ſeinem ohne, wenn auch vielleicht aus humanen Gründen gegen die Frau, nicht gegeben hatte.
Im Jahre 1573 ſtarb der Fürſt von Eboli, und
ſeine Wittwe wurde auf eine Zeitlang die Geliebte des Königs. Dieſe iſt Schiller’'s Eboli, doch in Wahr⸗
—
heit war ſie ſehr leichtfertig, denn des Königs Eifer⸗ ſucht wußte z. B. darum, als der Ritter Escovedo wegen eines Verhältniſſes mit ihr ermordet wurde.
Philipp war dauerhaft. Anna hätte noch 28 Jahre an ſeiner Seite leben können, aber ſie hielt es nur 20 aus. Er ging einſam dahin und ließ ſich auf ſeinem Todtenbette 14 mal mit den Sterbeſacra⸗ menten verſehn.
Mit lebhaftem Intereſſe geſchah es, und ich hoffe mit ebenſo lebhaftem wird es aufgenommen werden, daß wir mehr als gewöhnlich auf den Inhalt dieſes Werkchens durch die Mittheilung eines freien Extrac⸗ tes aus demſelben eingingen. Dieſe von einem gewiſ⸗ ſen Myſticismus umgebene Geſchichte des unglückli⸗ chen Don Carlos bleibt ein für allemal eine der feſ⸗ ſelndſten, uns durch unſern deutſchen Weltdichter ſo nahe gerückten Partien der Univerſalgeſchichte, und ſie läßt einen tiefen Einblick in die eigenthümlichen Vorgänge jener Zeit thun. Zugleich bietet ſie ein Stück Roman, indem ſie uns mit wichtigen Perſonen und Verhältniſſen vertraut macht und uns die Cha⸗ raktere derſelben eröffnet.
Was die formelle Abfaſſung des Buches betrifft, ſo kann man dabei nur die natürliche Spannung des Gegenſtandes ſelbſt weſentlich hervorheben und die Gewiſſenhaftigkeit des Herausgebers loben. Styl, Vortrag, literariſche Faſſung könnten freilich bei wei⸗ tem gefälliger ſein und ſich in eleganterer Geſtalt dem Leſer noch unentbehrlicher machen. Ich zweifle nicht, daß demnächſt über dieſen Don⸗Carlos⸗Stoff ein großer Hiſtoriſcher Roman von irgend einem ge— wandten Vielſchreiber entſtehen wird, und bis dies geſchehen iſt, empfiehlt ſich gerade dieſes Buch in kur— zer Zwiſchenfriſt dem gebildeten Publicum. Hier er— halten ſie Wahrheit, während der Roman phanta⸗ ſtiſche Unrichtigkeiten bringen und die Thatſachen verwirren und entſtellen wird.
— Jeui
Eine italieniſche Proceſſion.
Zu den mannigfachen ſehr poetiſch anziehend beſchrie⸗ benen Scenen und Landſchaftseindrücken, welche Gregoro⸗ vius in ſeinem kürzlich erſchienenen„Lateiniſchen Sommer“ giebt, gehört auch eine Schilderung des am 8. September ſtattfindenden berühmten Madonnenfeſtes zu Genezzano in der Campagna di Roma. Den geehrten Leſern ſei hier Einiges aus dieſem Bilde als Probe zuſammengeſtellt.
Die Zahl der Wallfahrer, welche zu dieſer den Augu⸗
lleton.
ſtinern gehörigen Frauenkirche wandern, iſt ſehr groß, der Eindruck der reiche Opfer ſpendenden Schaaren ſehr phan⸗ taſtiſch. Sie mit dem dunklen Geſang des„Ora“ von den Hügeln herabwandern zu ſehn und zu hören, in ſo großartig ſtyliſirten Landſchaften, dort die breite Straße herab, hier am Fluß entlang, auf Feldpfaden und drüben und dorten wieder und wieder andere Pilgerſchaaren in bunten, rothen, grünen und blauen Farben, die hohen Pilgerſtäbe in den Händen, iſt ein Schauſpiel, welches dem Künſtler, dem Poe⸗ ten gleich merkwürdig ſein wird. An einer kleinen Brücke


