Jahrgang 
27-52 (1864)
Seite
457
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ſeiner Urgroßmutter geerbt zu haben ſcheint... Wenn Perſonen niedern Ranges bei ihm vorkommen, läßt er ſie zum Zeitvertreib durchprügeln, denn er findet Vergnügen am Uebelthun. Er liebt, wie man weiß, Niemand, hegt aber gegen Viele einen tödtlichen Haß.

Uebrigens war Don Carlos, wenn man ihn ohne Vorurtheil betrachtet, mit vielen guten Eigenſchaften geſegnet. Große Freigebigkeit, Dankbarkeit gegen ſeine Freunde, Anhänglichkeit an ſeine Lehrer, große Religioſität zeichneten ihn aus.

Dennoch machte er ſich, wie eine Menge geſchicht⸗ licher Zeugniſſe beſtätigen, eines ſo tadelnswerthen Betragens ſchuldig, daß man ſtaunen muß. Er hatte einen leidenſchaftlichen Hang zum Kartenſpiel und liebte es, an der Spitze einer Schaar junger Edel⸗ leute, verkleidet und bewaffnet, Nachts in den Stra⸗ ßen von Madrid umherzuſchweifen, die ihm begeg⸗ nenden Perſonen nicht bloß zu necken, ſondern auch ſelbſt zu mißhandeln, ohne ſich jedoch ſonſtigen Aus⸗ ſchweifungen hinzugeben. Selbſt bei Tage begegnete

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kurz darauf Don Carlos ihm in den Gängen des Schloſſes begegnete, ſtürzte er mit dem Dolch in der Hand gegen ihn und ſchrie:Sie haben Cisneros verhindert mir zu ſpielen; beim Leben meines Vaters, ich werde Sie ermorden! Dieſe Drohung ſtieß er in Gegenwart einer Menge Herren vom Hofe aus und wurde nur durch deren Dazwiſchentreten gehindert. Solche Vorfälle werden ſehr viel von dieſem Prinzen erzählt. Da Philipp, wie man nach neueren

Forſchungen weiß, durchaus ein den ganzen Tag be⸗

ſchäftigter und nach verblendeten religiöſen Ueber⸗ zeugungen handelnder Mann war, der durchaus nicht willkürlich herrſchte, ſondern ein außerordentliches Gerechtigkeitsgefühl beſaß, ſo mußten ihn ſolche Ex ceſſe ſeines Sohnes in größte Verlegenheit ſetzen. Daß Carlos nicht der Mann war, nach den auf⸗ ſtändiſchen Niederlanden geſchickt zu werden, begreift ſich wohl ſehr leicht. Der König, der es für eine Nothwendigkeit aller Königspolitik und Regierungs⸗ pflicht hielt, das innere Wollen und Sinnen hinter

er oft vornehmen Damen unehrerbietig, wollte ihnen einer äußeren Maske der Rube und eiſigen Verſchloſ⸗ Küſſe abnöthigen und überhäufte ſie mit Benennun⸗ V ſenheit zu verbergen, that lange Zeit ſo, als wolle

gen der niedrigſten Art. Auch von den Ausbrüchen ſeines Jähzorns ſind mehrere von den Geſchichts⸗ ſchreibern verzeichnet.

Während ſeines nächtlichen Umherziehens ge⸗ ſchah es einſt, daß Waſſer aus einem Hauſe auf ihn herabgeſchüttet wurde. Er gerieth hierüber ſo ſehr in Zorn, daß er, in ſeinen Palaſt zurückgekehrt, einem V

ſeiner Hofleute befahl, die Bewohner dieſes Hauſes ſofort zu tödten und das Haus in Brand zu ſtecken; der Beauftragte wandte jedoch das Unheil durch eine Liſt ab, indem er ausging und mit der Angabe wie⸗ derkam: es würden ſoeben in dem betreffenden Hauſe einem tödtlich Kranken die Sterbeſacramente ver⸗ abreicht.

Die jungen Herren des Adels pflegten damals Stiefel von weitem Schaft zu tragen, in denen ſie kleine Piſtolen verbargen. Als ein Schuſter aus Nachläſſigkeit ihm Stiefel mit einem engen Schaft brachte, gab er ſeinem Hofmarſchall, der ſie beſorgt hatte, eine Maulſchelle, zog heftig die Klingel, um einen Kammerherrn herbeizurufen, und wollte, als die ſer nicht ſchnell genug kam, ihn zum Fenſter hinaus in den Schloßgraben ſtürzen. Die herbeigeeilten Diener hielten ihn davon ab. Er befahl hierauf die Stiefel in kleine Stückchen zu zerſchneiden, zu kochen und ſie von dem Schuſter aufeſſen zu laſſen.

Eines Tages gab ein berühmter Schauſpieler Vorſtellungen in Madrid, an welchen der Prinz viel Wohlgefallen hatte. Der Cardinal Espinoſa, Präſi⸗

dent des Inquiſitionsgerichts, verbot dieſelben. Als

er ſelbſt nach Flandern gehen, und verſprach endlich ſogar ſeinem Sohn ihn mitzunehmen. Ja er ließ ihn ſpäter glauben, daß er anſtatt des Königs von dieſem geſandt werden würde.

Plötzlich aber kam der Plan anders zur Reife. Nach einer Staatsrathſitzung, in dem Alba ganz rich⸗ tig gegen Carlos geſprochen, indirect aber auf ſeine eigene Thätigkeit als die hier nothwendige eines Helden hingewieſen hatte, ſchickte Philipp dieſen in ſeinem Dienſt ergrauten treuen Diener, großen General und niedrig grauſamen Henker nach den Niederlanden. Der ſchreckliche Erfolg iſt bekannt und genug von der Geſchichte gebrandmarkt.

Als der Herzog von Alba vor ſeiner Abreiſe von dem mit dem König in Aranjuez verweilenden Prinzen Carlos ſich verabſchieden wollte, gerieth der enttäuſchte Prinz in den heftigſten Zorn und ſagte ihm: er und nicht der Herzog werde nach Flandern gehn, er würde ihn ermorden, wenn er darauf be⸗ ſtände. Vergebens machte Alba hiergegen Einwendun⸗ gen; der Prinz ſtürzte mit dem Dolch anf ihn los und wurde nur durch den ſtarken Arm des Bedrohten ver⸗ hindert, ihn zu verletzen. Als er indeß, wieder be⸗ freit, noch einmal ihn zu tödten verſuchte, wurde er bis zum Eintritt eines Kammerdieners von Alba feſt⸗ gehalten.

Der König war im hoͤchſten Unmuth, dennoch verſuchte er es noch einmal mit Güte. Carlos be⸗ kam 100,000 Dukaten Einkünfte, und man ſuchte ſei⸗ nen gekränkten Ehrgeiz zu entſchädigen, indem man