Jahrgang 
27-52 (1864)
Seite
455
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1864

Auflage.

Vierte

Halt aus, bald iſt dir der leuchtende Tag

Der Freiheit, der Rettung erſchienen,

Dann brauchſt du nicht länger in Kummer und Schmach Den hadernden Schypeſtern zu dienen.

Dann ladet zum Feſte der Königsſohn,

Auch du wirſt im Feſtſchmuck erſcheinen,

Er giebt ſich zu eigen mit Herz und Kron'

Der Halbvergeſſ'nen, der Einen!

Du ſchreiteſt dahin in leuchtender Pracht Durch die fürſtlich ſtrahlenden Hallen,

Erſt flüſtern ſie leiſe, dann tönt es mit Macht: Sie iſt die Schönſte von Allen!

Der König, ein mannlich, ein ritterlich Bild, Steht vor dir in Schauen verloren:

Du einzig Eine, gewaltig und mild,

Du ſei mir vor Allen erkoren!

Dann ſind deine Kinder, du kaiſerlich Weib, Mit Kraft und mit Einheit begnadet; Wenn Einer dir faßt an den heiligen Leib, Hin ſinkt er, im Blute gebadet.

Du Aſchenbrödel der Völker, erkannt

Biſt du dann in herrlicher Schöne,

Dann tönet dein Ruhm von Land zu Land Und der Ruhm deiner einigen Söhne!

Literariſche Briefe van Otta Bantt.

Don Carlos. Von Warnkönig. Stuttgart, bei Kröner 1864. 8

Schiller hat durch ſeine DichtungDon Carlos ein ſo bleibendes Intereſſe für dieſen Stoff der Ge⸗ ſchichte erweckt, daß ſelbſt die größten Kreiſe des Publicums dafür gewonnen ſind und gern etwas Nä⸗ heres über das wirkliche Leben und Weſen ſeines Helden erfahren möchten. 8

Die ſpaniſche Specialgeſchichte war uns lange vielfach verſchleiert, ſogar in ſo wichtiger Zeit wie die große Tyrannenepoche Philipp's II. Als die Hül⸗ len immer mehr durch die Hand der gründlichen Forſchung fielen, zeigte ſich, daß der Poet die Peſtalt des Infanten von Spanien noch viel gewaltſamer idealiſirt, ja gänzlich umgewandelt hatte, als ſein dramatiſcher Vorkämpfer den nicht minder beliebten Egmont. Während der hiſtoriſche Egmont wenigſtens doch ein tüchtiger Mann und wirklicher Freiheitsheld ſeines Vaterlandes blieb, aus dem Shakeſpeare wahr⸗ ſcheinlich ohne weſentliche Aenderung ſeiner Perſon und Familienverhältniſſe einen tragiſchen Heros ge⸗

Folge.

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macht haben würde, war der echte Don Carlos zur Poeſie gar nicht zu gebrauchen. Schiller hielt ſich, obwohl ihm an und für ſich vollkommne dichteriſche Freiheit ſelbſtverſtändlich zu Gebote ſtand, wahrſchein⸗ lich an eine franzöſiſche Darſtellung des Abbé de St. Real, die geſchichtlich falſch, überſchwenglich und romantiſch geſchrieben iſt und den jungen Prinzen als Märtyrer glorificirte.

Später gab der berühmte Geſchichtſchreiber der ſpaniſchen Inquiſition, Llorente, einiges Licht in der Sache, und der Deutſche Ranke vervollſtändigte dieſe Facta noch durch Hervorziehung bis dahin unbenutz⸗ ter und ungedruckter Quellen.

Die neueſten ausgezeichneten Arbeiten, welche dieſen Gegenſtand wohl für alle Zeiten abſchließen, ließen Mouy in Paris und der Belgier Gachard er⸗ ſcheinen. Sie haben alle Archive durchgearbeitet, und nach ihren ausführlichen Details iſt das vorliegende deutſche Werk in kürzerer Form durch Sorgfalt und Fleiß entſtanden. Es iſt mehr für das große, gebil⸗ dete Publicum, als für Fachmänner berechnet, da ſich Letztere den Originalquellen ſelbſt zuwenden können.

Unumſtößlich feſt ſteht nun, daß Don Carlos mit ſeiner jungen und ſchönen Stiefmutter Eliſabeth keinerlei Liebesverhältniß hatte. Er, der Sohn Phi⸗ lipp's II. und Maria's von Portugal, die vier Tage nach ſeiner Geburt wahrſcheinlich durch unzweckmäßige Behandlung der Mediciner ſtarb, war noch ein un⸗ reifer Knabe, als Eliſabeth ſeinen Vater heirathete. Dieſe ſcheint den Letztern geliebt und in treuer, auf⸗ richtiger Harmonie mit demſelben gelebt zu haben. Sie hegte eine mütterliche, zart weibliche Theilnahme für Don Carlos, und wenn ſie auch nicht hindern konnte, daß dieſer in ſie verliebt war, ſo hatte doch Philipp ſchwerlich Grund zur Eiferſucht, denn der Infant ſoll auch ſpäter gegen das weibliche Geſchlecht von angeborner Ungefährlichkeit geweſen ſein.

Jedenfalls litt er aber nicht bloß an großer Excentricität, ſondern an partiellem Wahnvitz, der durch ein aufbrauſendes Naturell, welches über einen ſchwächlichen Jünglingskörper doppelt dominirte, ſich bis zur allgemeinen Unzurechnungsfähigkeit ſteigerte.

Ein ſchwerer Sturz mit einer Kopfverletzung und vielleicht Gehirnerſchütterung, von einer tödtlichen Krankheit begleitet, veranlaßte die Aerzte zur Trepa⸗ nirung, die vielleicht überflüſſig war, da ſich das Ge⸗ hirn unverſehrt erwies, aber ſchwerlich ſeiner nervö⸗ ſen Reizbarkeit gut gethan hat..

Uebrigens zeigte ſich bei dieſer Gelegenheit, daß Philipp eine ſo große Liebe zu Don Carlos hatte, wie man ſie ſchwerlich von jenem grauſamen Auto⸗ kraten und Verherrlicher der finſtern Inquiſition er⸗