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Vierte
tzel in der Umgegend erhalten und die unter ſeiner Pflege geheilt wurde. Nachdem er ſich etwas beru⸗ higt hatte, fragte er nach meinen Begleitern, die eben in's Thor einritten und um die andere Ecke in die innere Stadt einbogen.
In gedrängter Kürze erzählte ich, wie ich mit dem vormaligen engliſchen Dragonerrittmeiſter zuſam⸗ mengetroffen und wie der Zweck unſerer Reiſe kein anderer ſei, als die Stätten unſerer früheren militä⸗ riſchen Thätigkeit längs der cataloniſchen Küſten wenigſtens aus der Vogelperſpective noch einmal zu überſchauen. Dann bat ich ihn, ſich der gewohnten Ruhe zu überlaſſen und fürerſt nicht weiter um mich zu ſorgen.
„Ruhe!“ rief er ſeufzend;„Pflege! Alle die Theu⸗ ren, die ſie mir ſo gern im Alter gewährt bhaben würden, ſind vor mir dahingegangen, wo die Ruhe nicht mehr geſtört wird, wie die Menſchen glauben. Ihr habt ihn gekannt, Señor! meinen herrlichen Sohn, den vielverſprechenden Knaben! Der Bruderkrieg hat ihn gewürgt; aber er iſt gefallen im Kampfe für Don Carlos, unſeren legitimen Herrn und König, den Gott ſegnen wolle; und mein gutes Weib iſt aus Gram um ihn vor zwei Jahren geſtorben. Jetzt ſind Nunez, der alte treue Diener, derſelbe, der Euch in der Nacht, als Ihr von den Franzoſen überfallen wurdet, die Waffen auf den Sammelplatz nachtrug, und eine alte Dienerin meine einzigen Pfleger.— Doch laßt Euch das nicht irren,“ fuhr er nach einer Pauſe fort„Euer altes Logement wieder zu beziehen; Ihr ſeid mir wie ſonſt ein lieber Gaſt; Haus, Küche, Keller und Stal⸗ lung ſtehen Euch zu Befehl; ich werde noch einmal wieder aufleben im Geſpräch über die gute alte Zeit, wo es nur einen König in Spanien gab und an ein Weiberregiment nicht gedacht wurde. O, die alte ge— ſegnete Zeit! daß ich ſie einmal noch erlebte, wo man nur einen Wahlſpruch in Spanien kannte: viva el rey y la santa religion!“ Dabei trat eine Thräne in das Auge des ſilberhaarigen Greiſes, und aus dem Blick, den er zum Himmel ſchickte, las ich deutlicher als aus Büchern Spaniens Geſchichte ſeit der Zeit, wo ich das ſchöne und doch ſo unglückliche Land nicht geſehen hatte.
Bald nach meiner Ankunft in der Fonda, wo Sir Robert für uns Quartier gemacht, fanden ſich einige alte Bürger aus der Vorſtadt ein. Es waren Nachbaren von Ignacio, von denen ich faſt keinen kannte, während ſie ſelbſt aber mir ganz treuherzig verſicherten, daß wir gute Freunde und Bekannte von Alters wären.
Abends brachten uns einige junge Männer ein Guitarrenſtändchen, und ſie ließen nicht nach, bis ſich
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die alten Befreier zuerſt auf dem Balcon, zuletzt an der Hausthüre zeigten, wo es dann ohne ein herz— liches Händedrücken und ein lautes„viva Inglaterra“ nicht abging.
„Sonſt hieß es viva Espafia, viva Inglaterra, viva el regimento de la muerte, abaxo los France- ses!“ rief ganz begeiſtert ein altersergrauter Don. „Eviva Espafa!“ gaben wir zur Antwort, und es wurde faſt Mitternacht, ehe der wiedererwachte altpa⸗ triotiſche Jubel ein Ende nahm.
Am nächſten Mergen, gleich nach Frühſtück, trab⸗ ten wir, der ſchönen camina real nach Barcelona fol— gend, St. Cujat links laſſend, an der ſtattlichen Meie⸗ rei St. Pedro Morante vorüber, in die blühende und fruchtbare Campagna hinein. Die prächtige Hochſtraße iſt, wie faſt ſämmtliche königliche Wege, ſo zweckmäßig und von einem ſo feſten Material erbaut, daß man ohnerachtet der fortwährenden Heereszüge, die auf den 7jährigen Kampf in der pyrenäiſchen Halbinſel folgten, faſt keine Veränderung daran wahrnimmt, obgleich in den bedrängten Zeiten keine ſonderliche Beſſerung damit vorgenommen ſein mag.
Als man unter Carl's III. Regierung die Neu⸗ bauten der Brücken und Wege durch das ganze König⸗ reich vornahm, hat man die vielen vorgefundenen, theilweiſe jetzt noch benutzten Römerſtraßen dabei zum Muſter genommen; ſo kommt es, daß die neuange⸗ legten Straßen eben ſo dauerhaft ſind als die alten.
Rechts und links von Villafranca bleibt die Gegend in einer Strecke von etwa vier Leguas ganz frei. Allmählich, hin und wieder wellen förmig, mit Ge⸗ treidefeldern, Weinpflanzungen in den Furchen, mit Fruchtbäumen bedeckt, an denen ſich die Reben bis in die Krone hinaufſchlingen, zieht das Gelände die rückwärtsliegenden Gebirgsrücken hinan. Dieſe treten ſchroffer und immer drohender hintereinander empor, jemehr man ſich dem Col de Ordal nähert. Von deſſen höchſten Gipfel ſenkt ſich dann die Straße in Schneckenwindungen in eine tiefe, faſt dunkele Thal⸗ ſchlucht nieder. Links tritt der Montſerrat in ſeiner ganzen Erhabenheit hervor. An trüben Tagen, ſelbſt wenn ſein mächtiges Piedeſtal ringsum nur von leichten weißen Wölfchen eingehüllt iſt, möchte man ſein Haupt eher für eine aus dem Ocean auftauchende Inſel, als für einen Felſen halten, deſſen granitener Fuß tief und unerſchütterlich in den Boden von Ca⸗ talonien eingeſenkt iſt.
Erſt bei einem alten Poſthauſe, dem Ostal de Ordal, ein wüſter Fleck, wo es einem am Tage ſchau⸗ ert, wenn man allein iſt, hat man die Sohle des fin⸗ ſteren Thales erreicht. Felſenſtücke und thurmhohe Wände hängen unverändert, wie ſie aus den letzten


