Jahrgang 
27-52 (1864)
Seite
429
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Vierte

Am ſchönſten aber nimmt ſich dieſer Schmuck aus, wenn er mit kleinen, künſtlich aus Colibrifedern gebildeten Blumen und einzelnen Brillanten verbunden als Kranz oder Coiffure in den Haaren getragen wird. So haben die Da⸗ men in Veracruz eine neue und jedenfalls glänzende Erobe⸗ rung der Toilette aus dem Gebiete der Zoologie gemacht.

Nachdem ich nun zuerſt die Neugierde der Damen be⸗ friedigt habe, füge ich noch Folgendes hinzu.

Der Cucujo gehört zu der Familie der Elateriden, welche, wenn ſie auf den Rücken gelegt werden, ſich nur als Springkäfer durch einen Schneller von mehreren Zoll hoch wieder auf die kurzen Beine helfen können.

Der Cucujo iſt einen Zoll groß, braun, mit zwei hell⸗ farbigen transparenten Buckeln in der Nähe der Augen und einem ähnlichen Membran am Bauche. Dieſer Käfer kann den von dieſen Organen ausgehenden Lichtglanz erhöhen, vermindern oder ganz unterdrücken, indem er andere Mem⸗ brane darüber zieht, welches letztere ſtets der Fall iſt, wenn er ſchläft. Während des Fliegens entwickelt dagegen das Thier den hellſten Glanz. Das ausgeſtrahlte Licht iſt ſo bedeutend, daß man dabei leſen kann. Wenn man die leuchtende Materie unterſucht, ſtellt ſie ſich als eine weiße mehlige, etwas klebrige Subſtanz dar, welche ihre leuchtende Eigenſchaft noch kurze Zeit behält. In den öſtlichen Küſten⸗ gegenden von Mexico iſt dieſe Species nicht ſelten. Die Indianer legen dieſen Thieren, wenn ſie dieſelben eingeſperrt halten, faules leuchtendes Holz in den Käfig, weil ſie behaup⸗ ten, der Käfer ſauge dieſe phosphorescirende Materie ein.

Um 9 Uhr Abends kehrten wir nach unſerm Spazier⸗ gange in's Hotel zurück, wo wir Alles in lebhafter Aufregung fanden. Der Amerikaner, welcher nach Tiſche den Brannt⸗ wein auf die Bananen getrunken hatte, war bald darauf er⸗ krankt. Nachdem er anfänglich alle ärztliche Hülfe zurück⸗ gewieſen, hatte er endlich, aber zu ſpät, ſie in Anſpruch ge⸗ nommen und lag nun als Leiche in ſeinem Zimmer.

Nicht ſo freundlich und erheiternd als die Erſcheinung der Leuchtkäfer im Haar der Schönen war ein anderer gleich⸗ falls nächtlicher Eindruck, den derſelbe Reiſende, Baron von Müller, im Mexicaniſchen mit vieler Ueberraſchung empfing.

Er befand ſich mit einigen Gefährten auf einem Aus⸗ flug zu Pferde.

Der Thau des üppigen Graſes, ſagt er, ſtob in glän⸗ zenden Funken von den Hufen unſerer Thiere, als wir an den unüberſehbaren Zuckerrohrfeldern dahinritten, aus wel⸗ chen der helle Geſang der Arbeiter, wetteifernd mit dem Ge⸗ zwitſcher zahlloſer bunter Vögel, die ſich unter dem Laubdach einiger Citronenbäume wiegten, zu uns herüberſcholl. Die weiche linde Luft zog ſpielend und koſend über das reizende Gefilde und ſtreute von Halm und Laub eine Saat ſtrahlen⸗ der Diamanten umher.

Vor uns ſtiegen verſchwommen, erſt im Morgenduft,

dann höher ſcharf ausgeprägt, die Terraſſenanſätze des mexi⸗

caniſchen Hochlandes empor. Scheinbar über alles Irdiſche erhaben ragte die Silberkuppe des Orizaba wie ein Al⸗ tar der Herrlichkeit Gottes in das tiefe, dunkele Blau des Himmels.

Im Anſchauen der prächtigen Umgebung waren wir ſchweigend vorwärts geritten, als unſere ernſte Stimmung plötzlich durch den klimpernden Ton einer Mandoline und das Gelärm eines Tanzes, den ein wunderlicher Geſang be⸗ gleitete, unterbrochen wurde.

Auf mein Anfragen nach dem Grunde der ungewöhn⸗ lichen Heiterkeit erwiderten meine Begleiter:Ein Velorio!

Folge. 429

Ein Velorio? fragte ich.

In dem ganzen tiefliegenden und heißen Theile Mexi⸗ cos ſind die Häuſer der Eingebornen, der großen Hitze wegen, aus einzelnen Stöcken erbaut, welche, ſenkrecht neben einan⸗ der ſtehend, das Dach aus Maisſtroh tragen, doch ſo, daß zwiſchen den Stöcken dem Licht und der Luft ungehinderter Durchgang geſtattet iſt. Durch dieſe den klimatiſchen Ver⸗ hältniſſen vollſtändig entſprechende Bauart gleichen die luf⸗ tigen und doch ſchattigen Wohnungen Vogelkäfigen. Dieſem Umſtande hatte ich es zu danken, daß unbehindert meine Blicke in's Innere der geräumigen Hütte, aus welcher die luſtigen Weiſen erſchallten, dringen konnten, um mir Auf klärung zu geben, was ein Velorio ſei.

Der Anblick, welcher ſich mir bot, gehörte zu den ſelt⸗ ſamſten. Zwanzig bis dreißig Männer und Frauen erfüll⸗ ten den Raum; ein Theil derſelben tanzte nach den Miß⸗ tönen einer Clarinette, welche die Mandoline und ein Ge⸗ ſang ohne Melodie begleitete. Andere kauerten in einer Ecke um eine ausgebreitete Sarage, auf welcher ſie ein Spiel Monte ſpielten, das Geklapper der kleinen Münzen nur durch ihre ſchon heiſeren Ausrufe unterbrechend.

In einem weiteren Winkel ſaßen oder lagen noch An⸗ dere, welche ſangen, lachten, rauchten und tranken, kurz die ganze Scene ſchien eine wilde Orgie zu ſein, geſtachelt durch den dreifachen Reiz von Frauen, Spiel und Branntwein. Mitten in dieſer Atmoſphäre von Tabak und Chinguerita (Branntwein mit Zucker) war aber ein Gegenſtand, um den ſich Niemand zu kümmern ſchien, während er mich am mei⸗ ſten frappirte. Auf einer Bank lag, von halbverwelkten Blumen faſt verdeckt, ein Kind von vier bis fünf Jahren; die bleiche Stirne, die gläſernen Augen, die Bleifarbe der Wangen und beſonders die bereits violetten Töne, welche die Haut an verſchiedenen Punkten zeigte, bewieſen, daß das Leben den kleinen Körper verlaſſen hatte und das jugendliche Weſen vielleicht ſeit mehren Tagen den ewigen Schlaf ſchlief. Der Anblick des todten Kindes hatte etwas tief Ergreifendes.

Der Mann, in welchem ich den Herrn des Hauſes ver⸗ muthete, trat unter die Thür:Me hace Vm. el favor de entrare, caballero redete er mich an und ſein Geſicht ſchien vor Freude zu leuchten, indem er mir ſeine zahlreichen Gäſte zeigte.An einem Tage, wie dem heutigen, wo mein Kind geſtorben, und Gott es als Engel zu ſich genommen hat, ſind alle Fremde doppelt willkommen! fuhr der Mann fort.

Obgleich ich zum erſten Male Zeuge der barbariſchen Sitte war, welche den Eltern gebietet, ihre Thränen zu unter⸗ drücken und mit lachendem Blick neben der Leiche ihres Kin⸗ des jedem, der nur kommen will, eine Orgie zu bereiten, lehnte ich die Einladung dankend ab und wollte meinen einſt⸗ weilen vorausgeeilten Gefährten nacheilen, allein eine Frau mit einem Becher Chinguerita trat ebenfalls zu mir. Ihr Geſicht war bleich, ihr Mund verſuchte zwar zu lächeln, als ſie mir den Becher bot, allein die Thränen in den Augen verriethen mir die Mutter des Kindes, welches, ein Engel im Himmel, den Engel auf der Erde nicht erſetzen konnte.

Den Becher kaum den Lippen genähert, dankte ich den Leuten und ſprengte meinen Begleitern nach, tief ergriffen von einer Scene, welche der abſcheuliche Aberglaube zu einer alltäglichen in Mexico macht. Ich wußte, was ein Velorio war.

Man muß übrigens mit Beſchämung geſtehen, daß die Sitte unſerer europäiſch⸗chriſtlichen Leichenſchmäuſe zwar in der Form etwas weniger roh und abenteuerlich geartet, aber in ihrer moraliſchen Bedeutung nicht um ein Haar beſſer iſt.