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verbanden, verkürzten bei lebhaften Geſprächen die Zeit auf dieſer romantiſchen Gebirgstour. Endlich öffneten ſich die Felſen, und es gab eine freie Ausſicht. Die Vegetation wurde üppiger und die Mannigfal⸗ tigkeit der Blumen, Bäume und Früchte wahrhaft überraſchend. Weinſtöcke, die, wo nur wenige Zoll Erde den ſteinigen Boden bedecken, ihre grünen Ran⸗ ken über die Felſen ziehen, verkündigten allmählich die Nähe des weiten Fruchtgefildes, das Villafranca vom Städtchen Vendrells bis zum Fuße des Montſer⸗ rat und im fernen Oſten bis zum Col de Ordal in maleriſchem Wechſel einſäumt.
Endlich war auch die letzte die freie Fernſicht noch hemmende Anhöhe erſtiegen, und da lag die prachtvolle, mir in allen Einzelheiten noch wohlbe⸗ kannte Landſchaft vor unſeren Blicken, hoch überragt vom Montſerrat, deſſen ſcharfe Zacken im Lichte der Abendſonne wie die Spitzen einer Königskrone am Horizont emporglühten.
Es iſt ſchwer zu begreifen, weshalb dieſer ſo hoch erhaben daſtehende, von allen anderen Bergen unabhängige, dabei ſo wundervoll geſtaltete Rieſe nicht öfter und ausführlicher von neueren Reiſenden beſchrieben iſt. Sie erzählen oft mehr von der Un⸗ ſicherheit der Straßen in Spanien, als von deſſen unvergleichlich erhabenen Naturſchönheiten. Nur die Wenigſten von denen, welche kürzlich über Spanien geſchrieben, erwähnen des Montſerrat ſo ausführlich, wie er es verdient. Von Catalonien überhaupt, das an Naturwundern ſo reich iſt, ſagen ſie Unbedeuten⸗ des, während ſie in öfterer Wiederholung die Schauer der Pyrenäen, ihre Schmuggler, Wolfshunde, ihre Hirten und Pflanzen darſtellen und mit Weitſchwei⸗ figkeit die trockenen Provinzen beſchreiben, welche die von Bayonne in das Innere des Landes führende Heerſtraße begrenzen, wenn ſie nicht unter vielen La⸗ mentos bei den Sandflächen von Caſtilien verweilen, die Madrid ungefähr in derſelben Art einſäumen, wie es die ſtaubigen Felder der Mark mit Berlin machen. Dann ziehen ſie gewöhnlich nach dem blü⸗ henden Granada hinab, um unter tauſend anderen mauriſchen Wundern nur die Alhambra zu ſehen, und dann hat die Reiſe und deren Beſchreibung ihr Ende erreicht.
Wir waren jetzt bei einem hohen ſteinernen Kreuz angekommen, wo die Wege nach Monlins del Rey und St. Sadurni ſich trennen. Wehmüthige Gefühle ſtiegen bei dem Anblicke des Platzes in uns auf, wo zwei hoffnungsvolle junge Männer meines Regiments ſich im Zweikampfe tödteten. Sie ſchoſſen a tempo und fielen Beide auf den erſten Schuß. Urſache war die leidenſchaftliche Liebe, in der ſie für eine ſchöne
Zeitung.
Spanierin entbrannt waren, die doch Keinen von ihnen hätte beglücken können, da ſie verheirathet war. Aber ſie hatte es ihnen angethan, die ſchöne Frau, wie man zu ſagen pflegt, durch ihr bezauberndes Lä⸗ cheln und ihre holdſeligen Blicke, wodurch ſie bald den Einen, bald den Andern beglückte oder zur Ver⸗ zweiflung brachte, bis Beide den Verſtand verloren und den Tod als letztes Mittel zur Befreiung ihrer Herzensqual erwählten.
Ich fühlte mein Herz ſchlagen, als ich des Tages gedachte, an dem wir die beiden jungen Männer be⸗ gruben, herrliche Kriegsgeſtalten, wie das Regiment ihrer nur wenige aufzuweiſen hatte! Donna Eleonor aber verließ am ſelbigen Tage noch Villafranca,— man ſagte, um in einer der vielen Zellen am Mont⸗ ſerrat ein Jahr lang unter Bußübungen zu verleben. Sie hatte alſo doch noch ein Herz; aber Niemand wußte, wem deſſen Gefühle gehörten.
Mein Thier war wieder ganz munter geworden, ſobald es die friſche Luft der freien Ebene einath⸗ mete, ſetzte ſich von ſelbſt in Trab, und als ich ihm die Zügel ließ, ſchoß es im Galopp auf der breiten Heerſtraße von dannen. Sir Robert, in der Meinung das feurige Mulo ſei im Begriff mit mir durchzu⸗ gehen, rief mir laut lachend nach, ob ich den alten Kriegscameraden am Ende der Fahrt noch verlaſſen wollte. Aber ich hatte jetzt nur noch Augen für das altersgraue Stadtthor, deſſen weitgeöffnete Gatter mir ſo freundlich entgegenwinkten, als ſeien ſie eigens
zu meinem Empfange erſchloſſen worden. (Schluß folgt.)
Gedicht von Friedrich Bodenſtedt*).
Steppenbrand.
Endlos wie das ewige Meer,
Nur vom Himmel trüb unzogen, Liegt die Steppe,— flüſternd wogen Grüne Wellen hin und her,
Schon verdorrt vom Sonnenbrande, Halme, die kein Schnitter mäht, Und, ſo weit das Auge ſpäh't, Wüſt und öde iſt's im Lande. Müde von dem langen Ritte, Hemmt' ich meines Roſſes Schritte, Kehrte meinen Blick nach innen,
*) Aus:„Ausgewählte Dichtungen von Friedrich Bodenſtedt.“ Berlin, 1864. Verlag der königl. Geh. Ober⸗Hofbuchdruckerei(R. v. Decker).
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Alſo Bilde Mein Todte
Ferng Mich
Lang
Wog
Wied Lang,
Wie
22ö28 S
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