Vierte
den!“ Man bedauert dann ſehr oft die Mutter, weil es uns in unſrer Eitelkeit nicht einfällt, daß man der Tochter eben anders erſcheinen könnte als zur Zeit, wo man in der vollen Blüthe des Lebens der Mutter als Verehrer gegenübergeſtanden. Der mit ſo glücklicher Phantaſie begabte Menſch gleicht der ſpäten Herbſtroſe, in deren halbgeöffneten Kelch der Weihnachtsſchnee fällt, ohne ſie zu entblättern.
Unſere Anweſenheit in Villanova fand vor einigen Jahren nach den letzten revolutionären Auf⸗ tritten in Barcelona ſtatt. Don Ramon konnte uns keine zuverläſſige Nachricht über die Lage der Dinge in und um Villafranca geben; er glaubte indeſſen, daß die königlichen Truppen unbeſtritten die Stellun⸗ gen bis zum Llobregat beſetzt hielten.
„Schlafen Sie ruhig, Seſore,“ ſetzte er hinzu, „ich ſchicke noch in dieſer Nacht meinen treuen Haus⸗ knecht über die Berge. Wenn Sie nur etwas ſpäter als gewöhnlich aufzuſtehen belieben, haben Sie ſchon beim Frühſtück ſichere Nachricht, wer von den Parteien in der Ebene von Villafranca Herr iſt.“
Wohl zufrieden mit dem freundlichen Anerbieten begaben wir uns in das angewieſene Schlafzimmer. Es war hinſichtlich der Einrichtung vollkommen ſo wohnlich als in Valencia. Die ſeidenen Bettmatratzen waren ſo nett und elaſtiſch, wie in der Hauptſtadt; die Ausſicht aber war ſchöner, denn vor uns lag die weite Meeresfläche, und der Mond warf ein Streiflicht drüber⸗ hin, ſo daß es zu ſchauen war wie eine lange ſilberne Straße, die hinüber nach der Inſel Minorca führte. Das Klingen der Meereswellen, die an der Küſte auf⸗ und niederrollten, tönte wie Aeolsharfen laut herüber, ſobald einmal die Guitarre pauſirte, die von nicht unfertigen Händen unter dem Balcon des Nachbar⸗ hauſes irgend Jemand eine Serenade brachte. Die Töne vom Meere aber ſchwollen und verſchwebten, je nachdem der Nachtwind ſich hob oder abfiel. Da dachte ich noch lange an Mariette und an Roſalie und an Lord Byron's dead brother's song, bis ſtatt des Gedankenmeeres, was mich bis dahin beſtürmte, der Schlaf zu mir kam, ſobald mein engliſcher Reiſe⸗ camerad, der in Frieden mit aller Welt eingeſchlafen war, ſich auf die andere Seite legte und aufhörte zu ſchnarchen.
Es war der Strahl der ſchon hochſtehenden Sonne, der uns, durch die Scheiben der Balconthür fallend, aus unſerem tiefen Schlafe erweckte.
„Es iſt Mittag, Sefores!“ ſagte der Padrone lächelnd, als er die duftende Chocolade und die ſchö⸗ nen braungeröſteten Brodſtückchen hereinbrachte,„doch immer noch früh genug, wenn Ihre Geſchäfte nicht dringend ſind drüben in Villafranca.“
Folge. 425
Der Bote war zurück und hatte die Nachricht gebracht, daß die Truppen der Königin die Gegend von Villafranca bis Monlins del Rey von den Rebellenhaufen geſäubert hätten. Es war ein Vet⸗ ter des aus der Zeit des Bürgerkrieges ſo übel be⸗ rüchtigten Cabrera, der die Fahne des Aufruhres in den cataloniſchen Bergen wieder erhoben, und plündernd und mordend eine kurze Zeit hindurch gleich einem numidiſchen Löwen Furcht und Entſetzen in den benachbarten Thälern verbreitet hatte. Nach der Beſchreibung, die man Don Ramon von dieſem Häupt⸗ linge gemacht hatte, war es ein bleicher, ſchmächtiger junger Mann, der, wie ſein Namensvetter, deſſen Blutthaten die Welt einſt mit Schauder erfüllten, eher einem von Liebe träumenden Minſtrel als einem Bandenchef glich, der aber ſeine Gefangenen, ſobald ſie kein Löſegeld bezahlen konnten, unter den raffinir⸗ teſten Qualen zu Tode martern ließ. Er wurde zur Errichtung ſeiner Bande durch die Brüderſchaften zweier Klöſter unterſtützt, die auf Befehl der Regie⸗ rung vor einem Jahre verkauft worden waren!
Wir nahmen vom Hauſe Don Ramon's keinen Abſchied, da wir um, an Bord des Dampfers zu ge⸗ langen, mit dem wir bei deſſen Rückkehr von Barce⸗ lona die Reiſe fortſetzen wollten, noch einmal nach Villanova zurückkehren mußten.
Einſchließlich unſrer Diener und eines ſtämmigen Burſchen aus der Fiſchergeſellſchaft, durch den wir uns bei unſrer diesmaligen Excurſion in's Innere verſtärkt hatten, beſtand unſere Karawane aus ſechs Perſonen. Sir Robert hatte Maulthiere beſtellt, ohne ſich an meinen Einſpruch zu kehren. Gern hätte ich dieſem, dem ſeine Corpulenz beim Bergſteigen an den heißen Tagen viel zu ſchaffen machte, die Bequemlich⸗ keit vergönnt, wenn er meine Perſon bei deren un⸗ beſieglichem Widerwillen gegen alle Eſelreiterei aus dem Spiele gelaſſen hatte. Da ich jedoch wußte, daß ich ihm einen Gefallen damit that, wenn ich mich deſſelben Transportmittels wie er ſelbſt bediente, ſo be⸗ ſtieg ich den mit einem gewöhnlichen Packſattel geſchirr⸗ ten Falben, der den Kopf ſtolz emporwarf, ſobald er von dem Führer bei ſeinem Namen„Coronello“ an⸗ gerufen wurde.
Von der Sonne hatten wir trotz der ſchon vor⸗ gerückten Tageszeit nicht viel zu fürchten, weil uns ſchon nach einer Stunde die tiefſchattigen Gebirgs⸗ ſchluchten aufnahmen. Der Anblick von Gießbächen, die ſich aus beträchtlicher Höhe über ſchroffe Felswände herabſtürzten, die ſtürmiſche Eile, mit der ſie im engen Bett dem Ausgange der Thäles entgegenzogen, ſchmale Stege, die in ſchwindelnder Höhe bald weite
Felsſpalten, bald die Ufer der ſchäumenden Gewäſſer
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