1 Verbeigeſchafft, und es bedurfte nur noch der Anwei⸗
Standesgenoſſen hielten ſich fern, weil ſie ſich mit ſeinen Anſichten nicht befreunden konnten, und glaubte
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benutzte er ſie, um die Langeweile fern zu halten. Einer dieſer Freunde, Hermann Rabeneck, war ſein Schulcamerad geweſen, er hatte die alte und neue Welt durchreiſt, eine ausſchweifende Lebensweiſe ge⸗ führt und bereits die Hälfte ſeines Vermögens im Er ſchloß ſich eng an Kuno an, lediglich nur in der Abſicht, den Freund an den grü⸗
Spiel verſchwendet.
nen Tiſch zu locken. Kuno fand an dem Umgang mit dem weitgereiſten Manne, der über fremde Länder und die Sitten aller Völker ſo intereſſante Mitthei⸗ lungen zu machen wußte, Gefallen, den Lockunge deſſelben aber widerſtand er, nicht aus Geiz, ſondern weil er die Leidenſchaft nicht wecken wollte. Er hatte lange danach getrachtet, mit einem jungen Manne ſeines Alters, deſſen Charakter und Geſinnungen mit den ſeinigen ſympathiſirten, ein Freundſchaftsbündniß zu ſchließen, aber er fand nicht was er ſuchte, ſeine
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er in den unteren Ständen einen Freund gefunden zu haben, ſo entdeckte er ſchon in den erſten Tagen, daß nur Eigennutz jenen beſeelte.
Als er an jenem Morgen ſeine Wohnung erreichte, hielt der Wagen, in welchem der Bettler lag, ſchon
voor der Thür; die Diener aber weigerten ſich, den Kranken in das Haus zu bringen. Es bedurfte des
ſtreugſten Befehls und der Erklärung, daß jeder, wel⸗ cher dem Kranken nicht dieſelbe Achtung beweiſe, wie dem Herrn des Hauſes, ſofort entlaſſen werde, um Lakaienſeelen, deren Stolz ſich dagegen ſträubte, einen Bettler anfaſſen, ja bedienen zu ſollen, zum Gehor⸗ ſam zu zwingen. Kuno beſtimmte, in welches Zimmer der Kranke gebracht werden ſollte, und ſchickte einen Diener zu ſeinem Hausarzte, während er ſelbſt, ſeinen Lakaien At autem Beiſpiel vorangehend, den Bettler ent⸗ kleidete. Als der Hausarzt anlangte, waren die erſten Vorbereitungen getroffen, der Erkrankte gerieben vn
gekürſtet, Thee, heiße Tücher und wollene Decken
ſung des Arztes, in welcher Weiſe man mit der be⸗
Novellen⸗Zeitung.
am zweiten Tage erklärte er den P Gefahr, und Kuno, welcher nicht auf halbem Wege ſtehen blieb, ließ den Schneider rufen, um einige An⸗ aüge für ſeinen Schützling anfertigen zu laſſen. Er ſſagte ſich, daß er dem Alten einen ſchlechten Dienſt leiſten würde, wenn er ihm das Leben nur gerettet hätte, um ihn nach erfolgter Geneſung wieder auf i Straße zu werfen, daß das gute Werk nur dann ganz gethan ſei, wenn er für die Zukunft des armen Mannes Sorge trage. Er hatte mit ſeinem Schütz⸗ ling noch nicht darüber geſprochen, eine Rückſprache aber war nöthig, bevor er einen für die Zukunft des Alten entſcheidenden Schritt that. In dieſer Abſicht trat er einige Tage ſpäter, an demſelben Morgen, an welchem der Schneider die Kleider gebracht hatte, in das Zimmer des Patienten. Er fand den Alten angekleidet, vor dem geöffneten Fenſter ſaß derſelbe
ſel, das ergraute Haupt auf die Hand
atienten außer
in einem Armſeſſe geſtützt und den Blick mit dem Ausdruck der Wehmuth V auf die entlaubten Bäume des Gartens gerichtet. Als der junge Mann eintrat, erhob der Bettler ſich; Kuno bat ihn, ſitzen zu bleiben.
Erſt jetzt, als er den alten Mann in einfacher, aber gewiſſermaßen eleganter Kleidung vor ſich ſah, fiel ihm die Jutelligenz in den Zügen deſſelben auf. Die hohe, männliche Stirn, die großen, dunkeln Augen, die ſcharf gebogene Naſe, die ſchmalen, feinen Lippen und die ebenmäßigen Züge weckten in ſeiner Seele un⸗ willkürlich die Vermuthung, daß dieſer Mann einſt beſ⸗ ſere Tage geſehen haben müſſe, und dieſe Vermuthung mußten die tiefen Furchen des Grams und der Sor⸗ gen, wie die Wehmuth, welche die dunklen Augen trübte, beſtärken. Auch die Beſcheidenheit, die ſcheue Zurückhaltung deuteten darauf, wie überhaupt das ganze Weſen des Alten eine tiefere Bildung verrieth, als man bei einem Bettler zu finden pflegt. Giebt es wohl ein drückenderes Gefühl, als das, einem Manne gegenüber zu ſtehen, der mit peinlicher Aengſtlichkeit zu verdecken ſucht, daß er einſt beſſere Tage geſehen hat? Wir bemerken es an der ängſtlichen Sorgfalt,
welche er auf ſeinen abgenutzten Anzug verwendet hat,
onnenen Cur fortfahren ſolle. ſch uttelte zwar ebenfalls mit bedenklicher Miene das 6 Sa Uyn als er auf dem ſeidnen Polſter des Stuhles
guten Pflege, ihm nicht ſchwer fallen dürfe. Schon .
an dem ſauber mit Waſſer gebürſteten Hut, wie an den mit Tiute geſchwärzten Nähten des fadenſcheini⸗ nigen Rocks, an der ſtolzen Haltung, welche mit dem ſorgenvoll umſchleierten Blick ſo grell contraſtirt, an der Schamroͤthe, welche plötzlich ſein Antlitz übergießt, wenn unſre Augen, vielleicht ohne eine beſtimmte Ab⸗ Menſchenfreundlichkeit Kuno's, als der Furcht vor ſicht, lange auf ſeiner Leibwäſche oder den defecten ihren Folgen. Er verſprach, ſein Möglichſtes zu thun, Stiefeln ruhen. Das Ehrgefühl dieſes Mannes iſt um den Erkrankten zu retten, und äußerte die Anſicht, ſo zart und empfindlich wie die Blüthe des noli me daß diſſe Rettung, Dank der raſchen Hülfe und der tangere. Hüte Dich und lege jedes Wort auf die Goldwage, wenn Du nicht Gefahr laufen willſt, den
Der alte Doctor
6 Lumpen ſah, wereſe man dem Bettler ausgezogen dette, aber dieſes Kopfſchütteln galt weniger der


