Jahrgang 
01-25 (1864)
Seite
376
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376 Novellen⸗

ſchwärmeriſchen Sehnſucht getragen iſt, die über die ganze Erſcheinung jenen unwiderſtehlichen Zauber verbreitet. So lebte Louiſe in Carl's Phantaſie, und das war es, was ihm alle Sinne verwirrte und was ſein Herz bedurfte, um die Oede wieder aus⸗ zufüllen.

Von den übrigen mit verſchiedenem Erfolg aus⸗ geführten Bildern ſah Carl Nichts, er ſaß da wie ein Träumender, und nur ein Präludium auf dem Flügel konnte ihm wieder Lebendigkeit geben. Raſch überflog er den Saal und betrachtete dann aufmerk⸗ ſam Gruppe für Gruppe: Louiſe war auch jetzt nicht zu ſehen. Er näherte ſich der Hausfrau und erbot ſich, wie er ſchon ſo oft gethan, zum Accompagniren. Iſt nicht nöthig, und eine leichte Handbewegung ſagte ihm, daß er läſtig ſei. Betroffen wollte er mit einer andern Dame ein Geſpräch anknüpfen, um viel⸗ leicht durch ſie etwas von ſeiner Angebeteten zu er⸗ fahren: ſie wandte ſich nach einer kurzen Erwiderung des Grußes zu einem naheſtehenden Herrn. Nach mehrſeitiger kühler Abweiſung begab ſich Hermann zurück auf ſeinen Platz, wo ihn ſein Freund mit einem verdutzten Geſicht empfing.

Boͤſe Nachrichten, Carl; Deine Liebſte iſt heute früh mit ihrem Vater auf ihr Landgut verreiſt. Gräme Dich nicht, es giebt wohl ein anderes Mal wieder Gelegenheit, ſie zu ſehen.

Aber ſage mir doch, Adolf, was die fremden Geſichter bedeuten, die mir überall begegnen.

Ja, das iſt eine dumme Geſchichte. Im ganzen Saale ſpricht man von faſt Nichts, als daß Du re⸗ legirt ſeiſt. Hab' Dir's oft geſagt, ſei vernünftig, geh' nicht bei Allem ins Extrem. Es iſt ausgemacht, Du giltſt jetzt für das liederlichſte Subject der Stadt. Doch nur ruhig, Freund, die werden Dir ſchon wie⸗

derkommen. Arbeite jetzt fleißig, wirf den Kopf in

den Nacken, tritt ihnen mit dominirendem Stolze entgegen, und ich wollte Gift darauf nehmen, daß Du

in einem halben Jahre wieder der Liebling aller äſthe⸗ tiſchen Theegeſellſchaften biſt. Mit der Relegation

wird es doch ſo ernſt nicht ſein.

Hermann drückte ſeinem Freunde die Hand, eilte in die Garderobe und von da, wie von Furien gehetzt,

nach ſeiner Wohnung.

In dem Poſtwagen, der noch in tiefer Nacht

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Zeitung.

Louiſe war es geweſen, für die er anders werden und deren gute Meinung er bewahrheiten wollte; nun mußte ſie Alles erfahren und konnte ihn nicht mehr achten. Das Leben war ihm zwecklos geworden: wozu auch ſollte er kämpfen, wenn nicht ſie der Preis war? Und ſie war für ihn auf immer verloren. Sein ferneres Leben glich ihm einer troſt⸗ und freude⸗ loſen Oede; bald ſah er ſich in der ſchmuzigſten Ver⸗ ſunkenheit, die ihn anwiderte und der er doch nicht den Rücken kehren konnte, ohne vor Scham und Verzweiflung zu vergehen, bald in matter, ſtumpfer Thätigkeit ſein Leben hinſchleppen ohne Feuer und ohne Luſt. Als der Wagen aus der letzten Straße in das Thal einbog, blickte er zurück und ſagte der Stadt ein wehmüthiges Lebewohl.

Um ſeinen Gefühlen zu entgehen, zwang ſich Hermann zu einem unruhigen Schlummer. Als er erwachte, lag um ihn auf dem Fluß und den Bergen zauberiſch der Mondſchein, aus deſſen Lichte er eine wohlthuende Ruhe ſchöpfte, ſo daß er allmählich fühlte, wie er der Welt wiedergegeben ward. Jetzt erſt ſab

ſich Carl nach ſeiner Begleitung um, die bald in die⸗

ſem, bald in jenem Theile des Wagens mühſam nach Schlaf rang, gewiß froh, wenn irgend ein belebendes Geſpräch anginge. Er regte und räuſperte ſich, die Schläfer erwachten wie auf ein gegebenes Zeichen, und es wurden einige Worte über woher und wohin geweckhſelt; der Conducteur blieb ſtumm wie ein Fiſch, nur bisweilen brummte er fluchend vor ſich hin, wenn der Poſtillon nicht nach ſeinem Willen fuhr.

Carl näherte ſich ſeiner Heimath und das Herz ſchlug ihm bang. Er fuhr jetzt durch das letzte Dorf und in einer halben Stunde mußte er zu Hauſe ſein.

Von da an kannte er jeden Baum und jeden Stein,

tauſend Erinnerungen wachten auf und doch kam ihm die ganze Gegend ſo anders vor. Sie war die nämliche geblieben, der gleiche freundliche Himmel, die gleichen armen, aber braven Bewohner riefen ihm den Gruß entgegen; aber er war entfremdet gewor⸗ den: er fühlte, daß er, reicher an Erfahrungen und Anſchauungen, nicht mehr zu dieſer kleinen Umgebung paſſe; er fühlte auch, daß er, reicher an Fehlern und Schmerzen, nicht mehr zu dieſer ungetrübten Un⸗ ſchuld paſſe.

Jetzt zeigten ſich die erſten Häuſer ſeines Hei⸗ mathortes, dort drüben am Hügel das überwucherte Grab ſeines Vaters und dort hinten an der Häuſer⸗

durch die Stadt fuhr, ſaß ein unglücklicher, gebro⸗ chener Menſch. Er hatte die Drohung des Rectors mit Ruhe und mit der Gewißheit, daß ſein feſter Wille jedes Hinderniß überwinden werde, angehört; aber die Mittheilung Adolf's hatte ihm all die Schrecken ſeiner Zukunft lebhaft vor Augen geſtellt. V als er die Thür geöffnet, fiel auf eine bleiche Geſtalt,

gruppe die elende Hütte ſeiner Mutter. Er ſah nicht, wie ihn die Nachbarn neugierig muſterten, als er eilenden Schrittes und geſenkten

Hauptes durch das Gäßchen ging. Sein erſter Blick,