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Augenblick in ihrem Herzen zuſammendrängte, fühlte gewiß Jeder, der etwas Intereſſe an Hedwig nahm. Nachdem die Glückwünſche von allen Nah- und Fernſtehenden entgegengenommen waren, begab ſich das neuvermählte Paar allein nach der Ruheſtätte der Eltern. Im heißen Gebet hatten ſie Gott angerufen,
ihrem Bund ſeine Guade, ſeinen Schutz zu verleihen, ren geſehen. Ihre Geſtalt iſt etwas voller; ihre 4
Novellen⸗Jeitung.
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große Freude wartet ihrer: die Eltern William's ſollen heute eintreffen, um zum erſten Male ihre Kinder in Deutſchland zu beſuchen. Auch Toni, Lord Rich⸗ ton, mit ſeiner jungen Frau, der einzigen Schweſter William's, ſeinem einjährigen Söhnchen und dem alten John, begleiten die Eltern.
Hedwig iſt faſt noch ſchöner, als wir ſie vor Jah⸗
dann flehten ſie den Segen der theuren Eltern auf Wangen, etwas geröthet, tragen den Stempel der
denſelben herab und nahmen Abſchied von den ge⸗
liebten Todten. Im Herrenhauſe erwarteten die Freunde das in Glück und Heiterkeit, beſonders wenn ſie auf ihren
junge Paar. Zum Diner war Alles bereit, und nach⸗ dem dies eingenommen, reiſten ſie, begleitet von Pro⸗ feſſor Schweiger und den innigen Segenswünſchen ihrer Lieben, nach England ab.
Der Profeſſor Schweiger trennte ſich an der Grenze des Landes, bis wohin er ſeinem früheren Zögling das Geleite gegeben hatte, von den jungen Reiſenden, um nach München zu ſeinen Pflichten zurückzukehren, feſt verſprechend, die Frühjahrsferien in Reichheim, aber in ihrem Hauſe, zu verleben.
Brigitte hatte es ſich trotz ihrer vorgerückten
Jahre nicht nehmen laſſen, ihrem Herzensliebling, ihrer lieben, jungen Herrin, in die Fremde zu fol⸗ gen. ie und John hatten einen zweiten recht be⸗ quemen Wagen inne. Recht oft mußte die treue Alte
der Zeit, heim den gedenken. Glück, aber e
o ſie mit Carl aus der Schweiz nach Reich⸗ tern ihrer jungen Herrſchaft gefolgt war, t innig erbaten ſie von Gott daſſelbe auernderes, für die eben Vermählten.
Mehrere Jahre ſind verfloſſen, und noch ein Mal ſuchen wir unſere uns lieb gewordenen Freunde auf.
In Reichheim hat ſich äußerlich nichts geändert; nur wo in früheren Zeiten ſo häufig Trauer und Kummer eingekehrt war, herrſcht jetzt ein ungetrübtes Glüͤck, Frohſinn und Heiterkeit.
William und Hedwig haben in ihrer Ehe eine Glückſeligkeit hier auf Erden gefunden, wie wir ſie nur höchſt ſelten finden. Arbeit, Wohlthun und der Verkehr mit einigen wahren Freunden erheitern ihre Tage. Am glücklichſten fühlt ſich aber das junge Paar, wenn ſie ihre beiden niedlichen Kinder, einen Knaben von fünf und ein Mädchen von drei Jahren, im Garten, behütet von der alten Brigitte, ſpielen ſehen. Der treue Daſh, zwar jetzt alt und manchmal knur⸗ rend, wenn der kleine Edward William im kindlichen Frohſinn ihn zu ſtark liebkoſt, läßt es ſich doch nicht nehmen, der ſtete Begleiter der Kleinen zu ſein.
An dem Tage, wo wir ſie jetzt ſehen, iſt Alles doppelt feſtlich geſchmückt und freudig geſtimmt; eine
jugendlichen Friſche und Geſundheit. Ihr ſchönes Auge, früher ſo oft von Thränen feucht, läͤchelt jetzt
Mann und ibre lieblichen Kinder blickt!
Mit dem Pfarrhofe beſteht noch das alte freund⸗ ſchaftliche Verhältniß. Ihr früherer Vormund iſt noch immer ihr und ihres William treueſter Freund und Rathgebed. Der alte Herr hat ſich zur Ruhe geſetzt, und ſein Sohn Oskar, der glückliche Gatte Mariens, iſt ſein Nachfolger im Amte geworden. Marie iſt eine ebenſo glückliche Frau; ihr Frohſinn hat ſie nicht verlaſſen, im Gegentheil, er hat zugenommen, denn wie ſie oft ſchalkhaft verſichert, braucht ſie ihren Mann wegen ſeiner Eiferſucht jetzt nicht mehr zu ſchelten, er kann ſelbſt den Profeſſor Schweiger, den großen Verehrer Mariens, jetzt ohne Verdruß mit ihr plau⸗ dern und ſcherzen ſehen.
Toni, der heute auch erwartet wird, kehrt zum erſten Mal aus England nach Deutſchland zurück. Seine vom Onkel ererbten Beſitzungen verwaltet er ganz im Sinne deſſelben; all das Schlechte und Un⸗ rechte, was ſich unter ſeines Vaters Bewirthſchaftung wieder eingeſchlichen, iſt beſeitigt worden; alle ſeine Untergebenen hängen mit derſelben Liebe und Vereh⸗ rung, wie ſie früher Lord Edward beſaß, an ihm.
Zwiſchen Lord Elgin und ihm beſteht ein väter⸗ lich- kindliches Verhältniß. Der alte Lord liebt Toni wie ſeinen eigenen Sohn, und mit inniger Rührung und Freude hat er ihm ſeine einzige Tochter Ellen, die viel jünger als ihr Bruder William(der andere Bruder war ſchon als Knabe geſtorben) und ſein gro⸗ ßer Liebling war, zur Gattin gegeben.—
In dem Glücke William's mit ſeiner Hedwig, die auch von den Schwiegereltern innig geliebt ward, und in dem Toni's mit ſeiner Tochter ſah Lord El⸗ gin die Sühnung und gnädige Vergebung Gottes ſeiner aus verblendeter Leidenſchaft begangenen Schuld. Jetzt ging er nach Deutſchland, um ſeine Kinder zu beſuchen, aber auch die Sehnſucht, vor ſeinem Abſchei⸗ den einmal an dem Sarge ſeines themrnn doch ſo ſchwer von ihm beleidigten Jugendfreunde dete trieb ihn zu dieſer für den alten Herrn langen und
beſchwerlichen Reiſe.
zu beten.


