Jahrgang 
01-25 (1864)
Seite
366
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366 Rovellen⸗

Franz:Taſſo iſt von einer ganz eigenthümlichen Geiſtes⸗ krankheit befallen, er bildet ſich ein, ſich der Ketzerei ſchuldig gemacht zu haben, und fürchtet, vergiftet zu werden! Die Kirche alſo und nicht die Liebe hatte Taſſo wahnſinnig gemacht. Das Ende dieſer kläglichen Geſchichte iſt bekannt. Taſſo beſchnitt, veränderte, verſtümmelte ſein Werk, ſchrieb nochDas eroberte Jeruſalem, und Rom, welches den Dich⸗ ter auf dem Gipfel ſeiner ſchöpferiſchen Kraft geächtet hatte, krönte den Sterbenden, der dieſen verſpäteten Triumph nicht überlebte. e.

Eine Schreckensſcene am Niagara.

In ſeinen neueſten Reiſen durch die vereinigten Staa⸗ ten, Canada und Mexico trägt unter vielen feſſelnden Bege⸗ benheiten der bekannte Baron J. W. von Müller auch eine höchſt ſpannende und leider tragiſche Scene vor, die er am Niagarafall erlebte.

Nachdem er jene Naturwunder beſichtigt, über die wir ſchon früher eine ſehr anſchauliche Schilderung in dieſen Blättern mitgetheilt haben, pflegte er der gaſtlichen Nacht⸗ ruhe, die jetzt an mehreren Punkten dem Reiſenden durch die fortſchreitende Speculation, welche man auch unter dem Na⸗ men Cultur feiert, gewährt worden iſt. Kaum, ſagt Baron Müller, graute der Morgen des folgenden Tages, als ich plötzlich aus meinem Schlummer aufgeſchreckt wurde. Ei⸗ lende Schritte, ein unverſtändliches ängſtliches Durcheinander brachten mich auf den Gedanken, daß irgend etwas Unge⸗ wöhnliches ſich ereignet haben müſſe, als dicht unter meinem Fenſter eine gellende Stimme rief:A man in the rapids! (Ein Mann in der Stromſchnelle!)

Wie der Blitz von meinem Lager auf, warf ich mich heftig in meine Kleider, eilte auf die Straße und folgte dem Strom der aufgeregten Menſchenmaſſe nach dem Schauplatze des Ereigniſſes.

Auf Bath⸗Island angekommen, fand ich die Brücke und die Ufer der Rapids mit Tauſenden von Menſchen bedeckt, denen ſich ein herzzerreißendes Schauſpiel darbot. Mitten im Strombett, kaum zwanzig Schritt oberhalb des Falls hielt ſich ein junger Menſch an einer vorragenden Klippe mühſam feſt. Drei Freunde hatten am Abend vorher das vermeſſene Wagſtück verſucht in einem kleinen Kahne oberhalb der

Stromſchnellen ſpazieren zu fahren.

Kaum vom Lande abgeſtoßen, erfaßte die Strömung, trotz aller Anſtrengung der Ruderer, das ſchwache Fahrzeug, das umſchlug, und mit zwei der verwegenen Geſellen ſpur⸗ los verſchwunden war. Der dritte, Avery mit Namen, hatte, nachdem ihn die Strömung bis nah vor den ſenkrechten Fall fortgeriſſen, an einer ſcharfen Klippe einen Halt gefunden,

gnügt.

Zeitung. Der aber marktet nicht. Finſter und unerbittlich umſchwebte er das Haupt des verzweifelten Jünglings.

Da rief einer der Zuſchauer, Herr Porter, mit aller Kraft ſeiner Stimme:Tauſend Dollars dem, der ihn ret⸗ tet! Und wie ein Echo antwortete eine zweite Stimme: Tauſend Dollars auch von mir dem Kühnen, der es wagt! Es war ein Fremder, ein Mann aus dem Süden; mehr wußte man nicht zu ſagen, als ich nach ſeinem Namen forſchte.

Das hochherzige Anerbieten ſteigerte das Mitleid bis zum Enthuſiasmus, und zwanzig Stimmen riefen zugleich: Nur eine Stunde halte er aus, wir retten ihn.

Wie aber konnte man dem Unglücklichen dieſe tröſtliche Nachricht beibringen, damit er den Muth bewahre im ſtür⸗ miſchen Drange der Todesangſt? Da ergriff mein Reiſege⸗ fährte, Herr Ulke, ein junger talentvoller Künſtler, dem keine tauſend Dollars, wohl aber Ideen von nicht geringerem Werthe zu Gebote ſtanden, einen Pinſel und malte die eng⸗ liſchen Worte:We will save you in rieſengroßen Let⸗ tern an eine Mauer. Der Unglückliche, der zu ahnen ſchien, daß dies ihn angehe, folgte jedem Zuge der Schrift mit ſei⸗ nem Augen, ſchüttelte aber wehmüthig das Haupt, als der Maler geendigt hatte: die Sprache war ihm fremd.

Sofort ſchrieb Herr Ulke in deutlichen großen Zügen: Wir retten Dich! Wie ein elektriſcher Schlag durchzuckte es das Antlitz des jungen Mannes und ſeine freudigen Mie⸗ nen ſchienen zu ſagen:Greßer Gott, ſind Deutſche da, dann bin ich gerettet!

In dieſem Augenblick kam brauſend die Locomotive zu⸗ rück, die vor einer halben Stunde nach Buffalo geſendet wor⸗ den, ein Rettungsboot zu bringen.

Mit größter Vorſicht wird das kleine Fahrzeug an ſtar⸗ ken Tauen befeſtigt und in's Waſſer gelaſſen. Die Strö⸗ mung ſchleudert es nach allen Seiten und wirft es in die Höhe; es widerſteht, iſt aber aus der Richtung gekommen und nach fünf Minuten banger Erwartung hört es auf zu ſchwimmen. Die Taue haben ſich in den Felſen verwickelt, das Boot ſteht unbeweglich feſt.

Die Blicke des Schiffbrüchigen haften verzweifelnd an dem Kahn; er begreift, daß er für diesmal der Hoffnung ent⸗ ſagen muß.

Nicht willens, die koſtbare Zeit mit unnützen Verſuchen zu vergeuden, ergreift die Maſſe einſtimmig den Vorſchlag, ein Floß zu bauen. Tauſend Hände regen ſich, Alles wett⸗ eifert, Männer, Weiber und Kinder, alt und jung, reich und arm.

Aber die Erbauung eines Floſſes erfordert Zeit, viel⸗ leicht zu lange Zeit für die Kräfte des Armen, der die ganze Nacht ohne Nahrung und im Waſſer zugebracht hat.

Dieſe Beſorgniß iſt die Quelle einer andern Idee. Man füllt ein Faß mit Lebensmitteln und vertraut es der

ohne der Rettung näher zu ſein.

Sein Hülferuf war während der ganzen langen Nacht im Donner des Falls verhallt, und erſt das mitleidige Licht des Tages offenbarte die entſetzliche Lage des Unglücklichen.

Mit Blitzesſchnelle durchflog die Kunde die Gegend und rief

die Bewohner der vereinzelt ſtehenden Häuſer herbei. Alle beſeelte das Verlangen, den Armen gerettet zu ſehn; aber eine Kluft und welch eine ſchauerliche Kluft! hielt die Retter von ihm getrennt.

Ich habe die feſte Ueberzeugung, daß keiner der Anwe⸗ ſenden vor dem Opfer einiger ſeiner Lebenstage zurückgebebt wäre, hätte der Engeh des Todes mit dieſer Sühne ſich be⸗

Strömung an. Wie von unſichtbarer Hand geleitet, ſchwimmt es in der Richtung der Klippe. Schon ſtreckt der Schiff⸗ brüchige ſeinen Arm aus, da erfaßt es die Strömung, ent⸗ reißt es ſeinen ſchwachen Händen, und der Abgrund hat es verſchlungen.

Unterdeſſen ſchreitet der Bau des Floſſes raſch vorwärts. Der Unglückliche, mit ſehnenden Blicken den Gang der Hand⸗ lung verfolgend, klammert ſich feſter an den Felſen ſeiner Hoffnung und wartet.

Die Arbeit iſt gethan. Das Floß, von mächtigen

Tauen gehalten, mit Seilen reichlich verſehen, ſchwimmt auf dem Waſſer.

Es war ein Augenblick furchtbarer Angſtz; der