—-—
35⁵8
ſondern— in einem Irrenhauſe.— Ihr Mann hat mir es zur ſtrengen Pflicht gemacht, Sie nicht eher zu entlaſſen, bis er Sie ſelbſt abhole, oder die be— ſondere Ordre dazu ſchriftlich ertheile.⸗
Daß ich bei dieſer,Eröffnung nicht wirklich wahn⸗ ſinnig wurde, begreiſs ich jetzt noch nicht. Doch Gottes Gnade beſchützte mich vor dieſem entſetzlichen Elend; ich wurde körperlich krank, doch meine Sinne blieben mir.
Ich litt lange und während meiner Krankheit wurde ich immer ſchlechter, rückſichtsloſer behandelt. Aus meinem bisherigen elegant eingerichteten Zimmer war ich in eine ſehr einfach ausgeſtattete Stube und zuletzt in eine elende Kammer gebracht worden. Auch die Koſt war immer dürftiger und kärglicher gewor⸗ den. Dies berührte mich aber Alles wenig; ich dachte nur daran, wie ich meine Flucht aus dieſer Hölle bewerkſtelligen könnte.
Meine Kräfte waren ziemlich zurückgekehrt, als mir der Director dieſer gräßlichen Anſtalt eines Tages ſagte:«Es iſt Hausgeſetz, daß Sie Ihren Unterhalt durch Arbeiten zum Nutzen der Anſtalt verdienen, denn es ſind nun bereits zwei Jahre verfloſſen, daß Sie hier ſind, ohne daß Ihr Mann die euntradtlichen Alimente für Sie zahlte. Da ich Sie nicht, ohne dazu autoriſirt zu ſein, entlaſſen darf, ſo müſſen Sie arbeiten.⸗
Ich erklärte mich anſcheinend dazu bereit, denn ich hoffte nun meine längſt gehegte Abſicht, zu entfliehen, leichter ausführen zu können. Dies gelang mir auch bald; Geld hatte ich zwar nur wenig, ich hatte aber noch einen Schmuck, den ich in höchſter Noth ver⸗ werthen konnte. Ich entkam glücklich und erreichte ohne alle Hinderniſſe Stockholm.
Ich begab mich nach unſerer Wohnung. Wie ſehr ſteigerte ſich aber mein Zorn, meine Verachtung gegen meinen Mann, als ich hier von unſerer Wirthin erfuhr, daß gleich nach unſerer Abreiſe Rudi Röſig Auction von allen Sachen gehalten und dann abge⸗ reiſt ſei, wohin, könnte ſie nicht ſagen, ſie wäre be⸗ zahlt geweſen, hätte daher keinen Einſpruch erheben können. Als die gute Frau meine Verlegenheit ſah, bot ſie mir ein kleines Zimmer an; ich nahm es vorläufig dankend, wohne noch in demſelben, und werde es wahrſcheinlich erſt mit meinem Tode ver⸗ laſſen. Ich ſuchte nun meinen Vater auf, um ſeine Verzeihung zu erflehen. Hier traf mich ein neuer Schlag, denn dieſer war vor einigen Wochen geſtor⸗ ben; ich konnte nur an ſeinem Grabe beten. Mir wurde aber ein unendlich großer Troſt in meinem Schmerz, denn er hatte mich in ſeiner letzten Stunde geſegnet; dieſer väterliche Segen verlieh mir die
Uovellen⸗
ausgeſtellt; Du, mein Kind, biſt ebenſowie der Hel⸗ fershelferDeines Vaters bis zu dem heutigen Tage
Zeitung.
Kraft, mein troſtloſes Geſchick in Vertrauen auf Gott zu tragen.
Als eine erſte Hülfe für mich war mir ein klei⸗ nes Erbtheil von einigen hundert Species geblieben, welche bei'm Gericht für mich deponirt waren. einziger noch lebender Bruder— meine Mutter war früh geſtorben— wollte nichts von mir wiſſen; er verwies
mich herzlos an meinen reichen und vornehmen Ge⸗ ſie
mahl. Betrübt verließ ich ihn, ließ mir mein Erb⸗ theil auszahlen, und ſuchte mir einen Verdienſt durch feine Handarbeiten zu verſchaffen, was mir auch endlich gelang. 3
Nachdem dies geordnet, wandte ich mich an die engliſche Geſandtſchaft, um durch dieſe etwas über meinen Gemahl zu erfaßren. Sie kamen dort meinen dringenden Bitten willfährig nach. Hierdurch traf mich aber das härteſte Schickſal; denn ich erfuhr, daß mein Mann, Dein Vater, ſich in Schottland verhei⸗ rathet, und es ſogar ſchon geweſen, als er zum zwei—
Mein l
ten Male nach Deiner Geburt zu mir zurückgekehrt Uur
war. Laß mich die Gefühle bei dieſer Nachricht über⸗
gehen! Die Thatſache war da, ſie wurde mir ſchwarz ſu auf weiß nachgewieſen. 1Ma Wochenlang hatte ich nach dem Ebengeſagten” 1
krank gelegen; als ich wieder auszugehen vermochte,
ob irgend eine Spur, wo Du geblieben ſein könnteſt, ſich gefunden. Hier wurde mir geſagt, daß ſie von gar nichts wüßten; es wäre ihnen nie eine Aufforde⸗ rung geworden, nach dem bezeichneten verlorenen Kinde zu forſchen. Hierin mußte ich abermals die faſt unglaubliche Schlechtigkeit meines Mannes mit namenloſem Schmerz erkennen. Da mir der Polizei⸗ beamte, der mir den Beſcheid gegeben, die Verzweif⸗ lung anſehen mußte, ſagte er mir, daß von ihrer Seite noch Alles geſchehen ſollte, um die Auffindung
meines Kindes, wenn es im Lande ſei und noch lebe,
1
herbei zu führen, weshalb ich ganz genau Deine Per⸗ ſonal-Beſchreibung, Deinen Anzug, zur Zeit als Du mir entriſſen wurdeſt, angeben mußte.
Von dem Rudi Röſig wußte die Behörde eben⸗ falls nichts: angemeldet fand er ſich in den Büchern, doch abgemeldet hatte er ſich nicht. Auch über das
Verbleiben dieſes Menſchen wollten ſie Nachforſchungen
veranlaſſen. Dieſe haben ſich aber alle als nutzlos her⸗
unentdeckt geblieben. Mir wurde von mehreren Seiten gerathen, ich ſollte gegen meinen Mann klagen, doch dies verwarf ich. Was konnte ich, wenn mir auch durch der Ge⸗ richte Schutz Recht geworden, gewinnen? Ich hätte
4
begab ich mich auf die Polizei, um dort nachzufragen¹


