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ger bei uns zu bleiben, ſo will er ſich in der nächſten
Stadt eine Wohnung nehmen, um dort die Rückkunft
Sir William's zu erwarten.“
Unter verſchiedenen Geſprächen, denn Marie ge⸗ brach es nie an Stoff, hatte ſich Hedwig erhoben, und bat nun ihre Freundin, mit ihr zu frühſtücken. Als ſie zu dieſem Zwecke ſich nach dem Gartenſalon begaben, kam ihnen der alte Johann entgegen und meldete, daß der Herr Paſtor ſoeben hergeſandt und das Fräulein Hedwig bitten ließe, ſeine Nichte nach der Pfarre zu begleiten, da der Kutſcher Briefe von Toni von der Poſt mitgebracht hätte. Die beiden Freundinnen begaben ſich ſogleich nach dem Pfarr⸗ hauſe, und Hedwig trat in das Studirzimmer des Paſtors. Sie fand ihren würdigen Vormund leſend. In ſeinem jetzt aufſchauenden Auge las ſie, daß eine große Aufregung ihn erfaßt, doch wie immer bot er ihr zum Morgengruße die Hand, und ſie zum Platz⸗ nehmen einladend, ſagte er:
„Toni iſt körperlich wohl, viele und traurige Aufregungen. Du, beſte Hedwig, wirſt über die eingegangenen Nachrichten recht er⸗ ſchüttert werden und gleich mir die Gnade unſeres Gottes preiſen, daß Dein theurer Vater den Schmerz, den ſie bringen, nicht zu erleben hat.“
„Aus dieſen Aufzeichnungen“— hier wies der Pfarrer mit der Hand auf ein vor ihm liegendes Schriftſtück—„geht klar hervor, daß Sir Baronet Hugh Carlton ein Menſch iſt, ſo ſchlecht, wie wohl Dein edler Vater nicht zu ahnen vermochte, doch lies ſelbſt.“ Hierbei überreichte er dem jungen Mädchen das fragliche Papier, deſſen Inhalt wir wörtlich fol⸗ gen laſſen.
„Mein geliebter Sohn Hugh Toni Carlton!
Wenn ich, die Unterzeichnete, Deine Mutter, auch kaum annehmen kann, daß Deine Augen dieſe Zeilen jemals leſen werden, ſo treibt mich doch eine unſicht⸗
bare Macht ſie aufzuſetzen und ſie den Händen des
Geiſtlichen, der mich mit Deinem Vater getraut und Dich, geliebtes Kind, getauft hat, zu übergeben. Jeder ſeiner Nachfolger wird ſie ſo lange bewahren, bis der rechtmäßige Empfänger ſie erhalten. ſer in ſiebzig Jahren nicht, ſo werden ſie nach dieſem Zeitraum verbrannt und zerfallen in Staub, wie es längſt die irdiſche Hülle Deiner Mutter gethan.
Dich, mein theures heiß geliebtes Kind, habe ich nur zwei Jahre beſeſſen; ein Jahr vor Deiner Ge⸗ burt hatte ich Deinen Vater, Sir Hugh Carlton, ge⸗ heirathet. Ohne den Segen meines Vaters trat ich an den Altar, er verweigerte ihn unſerer Verbindung, da Dein Vater dieſelbe Familienverhältniſſe wegen für die erſte Zeit noch geheim halten wollte.
nur hat der Aermſte
Meldet ſich die⸗
Novellen⸗Zeitung.
hat ſich die Uebertretung des vierten Gebots bei mir gerächt, doch zu dieſer Erkenntniß gelangte ich erſt ſpäter. In der erſten Zeit meiner Ehe kannte ich nur Seligkeit; ich liebte meinen Mann über Alles; er war voller Liebe und Güte. Daß ſchon dazumal der Plan, mich zu verſtoßen, zu verderben, in ſeinem Herzen lauerte, kann ich noch nicht glauben!
Faſt dreiviertel Jahre waren mir in Glück und Freude vergangen, da mußte Dein Vater in Fami⸗ lienangelegenheiten nach Schottland. Ich fühlte mich Mutter, und dies war in ſeiner Sorge um mein Wohl hinreichend, wie er ſagte, mich nicht den Strapazen einer ſolchen Reiſe auszuſetzen; ich war bei ſeiner Abreiſe troſtlos!
Du erblickteſt die Welt, ohne daß Dein Vater Dir den erſten Segenskuß auf die Stirn gedrückt. Du warſt bereits drei Monate, als er Dich zuerſt in ſeinen Armen ſah. Ihn wieder bei mir zu haben, ließ mich alle die verzweiflungsvollen Stunden, die ich durchlebt, vergeſſen; er war gut und liebevoll, doch auf meine Bitten, Deinetwegen unſere Verbin⸗ dung Deinen Eltern mitzutheilen, hatte er ſtets Aus⸗ flüchte, begleitete ſie aber immer mit den heiligſten Verſicherungen, daß dies bald geſchehen könnte, um mich damit zu tröſten und zu beruhigen. Du hatteſt noch kein Jahr erreicht, als mich mein Mann aber⸗ mals verließ, um, wie er mir ſagte, die letzten Hin⸗ derniſſe, die der Veröffentlichung unſerer Ehe im Wege ſtänden, fortzuräumen. Mit ruhigerem Herzen entließ ich ihn dieſes Mal aus meinen Armen; ich traute ihm ganz, auch hatte ich ja Dich, Du meine Seligkeit!
Faſt ein Jahr blieb ich allein; da kehrte endlich
welchen ich immer um ſein Zurückkommen gebeten, zuletzt ihm auch erklärt hatte, daß ich mit Dir nach ſeiner Heimath kommen würde, zu ſeiner Gattin, zu ſeinem lieblichen Knaben zurück. Er war zwar liebe⸗ voll gegen mich, doch ich konnte das Mißtrauen, daß dieſe Liebe erzwungen, nicht mehr eine reine, eine wahre ſei, nicht aus meinem Herzen bannen. Gegen Dich war er ganz Liebe; er fuhr und ging oft mit Dir ſpazieren, dann nur mit ſeinem Diener Rudi Röſig, einem Schweizer, dem ich, beiläufig geſagt, nie getraut hatte, auf den aber mein Mann große
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Stücke hielt. An Deinem zweiten Geburtstage, den 2. Sep⸗ tember— es war hier zu Lande eine ungewöhn⸗
lich milde Witterung— unternahm Dein Vater einen gleichen Spaziergang, wie ſchon ſo oft mit Dir. Ich wollte Euch dieſen Tag begleiten, doch davon rieth
Sicherer mir ab, da ich ſchon längere Zeit erkältet war.
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Dein Vater, nach meinen unzähligen Briefen, in


