Jahrgang 
01-25 (1864)
Seite
355
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Fenſter. Im erſten Augenblick, als bei Hedwig das Bewußtſein zurückkehrte, wußte ſie nicht, was dies Alles bedeute und was geſchehen war, doch eine Se⸗ cunde reichte hin ihr all das Schreckliche, was ſie erfaßt, klar werden zu laſſen. Jetzt hörte ſie auch den freu⸗ digen und ihr doch ſo ſchmerzlich klingenden Ausruf ihrer Freundin Marie:

Onkel! Sie lebt.

Der würdige Geiſtliche kam jetzt zu ihr, nahm ihre Hand in die ſeinige, und ſo gebeugt er auch ſelbſt, bemühte er ſich doch ihr Troſtworte zu ſagen.

Auch Dr. Grün trat jetzt in's Zimmer und faßte Hedwig's andere Hand. Sie ſah, wie Thränen das Auge des ſtets ſo ruhigen, beſonnenen Mannes füll⸗ ten. Dieſer Anblick machte auch die ihrigen fließen, und mit der ſanften Bitte, ſie noch ein Mal zu ihrem Vater zu laſſen, erhob ſie ſich. Die beiden Freunde gewährten dieſe und geleiteten ſie ſelbſt an das Lager des theuren Todten. Hier beteten ſie vereint, und die beiden Männer gelobten hier heilig, die verlaſſene Waiſe zu ſchützen. Nachdem ſich Hedwig etwas ge faßt hatte, bat der Pfarrer ſie, nach ſeinem Hauſe, wenigſtens für die erſte Zeit, überzuſiedeln; doch dies lehnte ſie dankend ab, bat aber, daß Marie bei ihr bleiben dürfe.

Dr. Grün hatte nach ſeiner ſchleunigen Ankunft

in Reichheim zu ſeinem größten Schmerz erkannt, daß

jede menſchliche Huͤlfe zur Belebung Walther's un⸗ möglich ſei. Ein Nervenſchlag hatte ſeinem Leben ſchnell und ſchmerzlos ein Ende gemacht.

Die Beiſetzung Walther's war geſchehen. Er hatte nach ſeiner Beſtimmung an der Seite ſeiner geliebten Gattin in dem Gewölbe Platz gefunden. Das Teſtament war eröffnet. Hedwig war die Erbin Reichheims und eines bedeutenden geſammelten Allo⸗ dialvermögens, welches in Staatspapieren ſicher nieder⸗ gelegt war. Paſtor Weimuth war zu ihrem Vormunde ernannt.

Hugh Toni Carlton, ſein Neffe und Pflegeſohn, wurde teſtamentariſch zum berechtigten Erben(gemäß des beiliegenden Taufſcheines) der Pairſchaft und des Titels als Lord Richton eingeſetzt, mit Uebergehung des Baronets Hugh Carlton.

Zum Curator und Teſtamentsvollſtrecker war der Lord William Elgin berufen und zwar mit der aus⸗ drücklichen Beſtimmung, daß der Baronet Carlton durch ſeine in Schweden begangene Handlung die Lordſchaft verwirkt habe. In dem Falle, daß derſelbe ſich der Beſtimmung des Teſtamentes nicht fügen und nicht ſelbſt freiwillig entſagen ſollte, ward Lord Elgin verpflichtet, die Anklage gegen Sir Carlton zu erheben, weshalb die Original⸗Actenſtücke über die

Folge.

von ihm in Stockholm geſchloſſene Ehe dem Teſta⸗ mente beigelegt waren. Zuletzt war noch beſtimmt, daß für den Fall, daß Sir Carlton entſage, der Erbe Lord Toni Richton verpflichtet wäre, eine jährliche Rente von 1000 Pf. Sterling dem Sir Hugh Carl⸗ ton bis zu ſeinem Tode zu zahlen.

Als Legate waren im Teſtamente, für Oskar Weimuth, den alten treuen Diener Johann, die treue Pflegerin und Erzieherin Brigitte, ſowie für die Dorf⸗ gemeinde Reichheim zur Begründung eines Unter⸗ ſtützungs⸗Fonds, je ein Capital von 10,000 Thalern ausgeſetzt, ebenſo dem Dr. Grün für ſeine viel⸗ jährigen, unermüdlichen, treuen ärztlichen Bemühun⸗ gen eine jährliche Rente von 500 Thalern bis zu ſeinem Ableben verliehen.

Wir finden Hedwig jetzt da wieder, wo wir ſie im Anfang dieſer Erzählung verlaſſen, den Troſtes⸗ worten der alten, getreuen Brigitte zuhörend. Es waren erſt einige Tage ſeit der Beiſetzung ihres theuren Vaters vergangen; der Schmerz über dieſen Verluſt hatte noch nichts von der erſten Stärke des bittern Weh's verloren. Heute fühlte ſie ſich aber doppelt traurig und verlaſſen. Die Nachricht, daß William, der ihrem Vater in der kurzen Zeit ſeines Hierſeins ſo theuer geworden, der ihm durch ſeine Mittheilungen die ſchwere Schuld, die ſein ganzes Leben getrübt, von ſeiner Seele entfernt, ihm die letzten Lebenstage erheitert hatte, ſie jetzt auch ver⸗ laſſen mußte, ſchmerzte ſie tief..

Wäre Toni dageweſen, dann würde ſie ſich nicht ſo vereinſamt erſchienen ſein. Doch wie lange mochte er noch in der Ferne weilen? Die Troſtloſigkeit des Alleinſeins bemächtigte ſich ihrer noch ſtärker, als ſie ihr Schlafgemach aufſuchte, doch bald nahm ein wohl⸗ thätiger Schlummer ſie in ſeine Arme und ſenkte Ver⸗ geſſenheit auf ihre Trauer.

Schon früh am andern Morgen, als Hedwig ſich noch nicht erhoben, trat Marie Weimuth ein, ſich nach ihrem Ergehen zu erkundigen. Sie brachte aber auch noch viele Grüße von Sir William, der wohl zehn Mal verſichert hatte, recht bald wiederkommen zu wollen.

Bei dieſen Worten der Freundin färbten ſich Hedwig's jetzt ſo bleiche Wangen, und um ihre auf⸗ ſteigende Verlegenheit ſelbſt dem ſchalkhaft lächeln⸗ den auf ſie gerichteten Ange Marie's möglichſt zu verbergen, fragte ſie in einem gleichgültig klingenden Tone, ob Sir Hugh ſeinen Vetter begleitet habe.

O nein! ſagte Marie,dieſer hat vorgezogen, dieſe Gegend noch mit ſeiner Gegenwart zu beglücken. Da ihn aber mein Onkel nicht eingeladen, noch län⸗