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„Ich kann nicht zürnen,“ fügte er hinzu,„wo mir Gott am Abend meines Lebens noch ſo viel Gnade ſchenkt. Mein lange getragenes Weh hat mir mein Leben verbittert, die vermeintliche Schuld, die ich ſo bitter und ſchmerzlich fühlte, hat ſich wie ein ſchwarzer Faden durch mein Schickſal gezogen. Doch hierüber darf ich nicht murren, denn ich würde ſonſt meine heißgeliebte Frau, meinen theuren Toni nie gefunden haben. Durch die wenigen Jahre des irdiſch getragenen Leides habe ich die ewige Seligkeit errun⸗ gen, und ich fühle, meine Hedwig erwartet mich in des Himmels Höhen, ſie winkt, daß ich komme! So ſehr mich auch die Gewißheit, meinen Toni in ſein vollſtändiges Recht eingeſetzt zu ſehen, glücklich machen würde, ſo weiß ich doch, dies wird geſchehen, wenn ich auch ſchon abgerufen bin. Alles iſt geordnet. Sie, beſter Freund, werden meine Stelle vertreten und beſſer, erfolgreicher, da Sie keinem Bruder, wie ich, gegenüber zu treten haben. Dieſen vielleicht noch ſchuldiger zu finden, als ich mich ſcheue es zu den⸗ ken, würde mir das Herz brechen! Daher, beſter Weimuth, bitte ich Sie auch innig, ſagen Sie das meiner Tochter, ſie wird mit der Zeit Troſt in die— ſer Gewißheit finden.“
Walther hatte kaum dieſe letzten Worte ausge— ſprochen, als ſich die Thür behutſam öffnete und Hedwig ſelbſt hereinſchaute. Sie blickte beſorgt nach dem Vater, und als ſie ihn ſehr angegriffen auf dem Sopha ruhend ſah, flog ſie auf ihn zu, küßte und umarmte ihn, und Thränen entfielen ihren Augen.
„Weine nicht, mein geliebtes Kind! Denke im— mer, wenn ich auch jetzt ſchon abgerufen werden ſollte, daß es zum Wohle Deines Vaters geſchieht. Du, die mich wahr und treu liebt, wirſt mir dieſe Ruhe gonnen. Dich, meine Hedwig, überweiſe ich dem ſichern, gnädigen Schutze des Allmächtigen und der liebenden Sorgfalt treuer, bewährter Freunde. Du, meine Tochter, wirſt auch berufen ſein, der verſöh⸗ nende, vereinigende Geiſt zwiſchen ſich bekämpfenden Elementen zu werden. Auf Dich, mein theures Kind, rufe ich den vollen Segen unſers Gottes herab, und ſage Du meinem mir jetzt ſo fernen Toni, daß er mir durch ſein edles Herz unendlich theuer iſt, daß ich ihn von ganzem Herzen ſegne, und ſei Du ihm ſtets eine treue, liebende Schweſter, denn er wird noch recht ſehr eines weichen, milden Zuſpruchs bedürfen.“
Heiter reichte hierauf der Sprechende dem Pfar⸗ rer und ſeiner Hedwig die Hand und ſagte ihnen eine gute Nacht. Beide entfernten ſich tief bewegt. Eine bange Ahnung hatte ſich ihrer Herzen bemächtigt, doch Keiner lieh dieſer Worte, ſie drückten ſich nur zum Abſchiede die Hand und trennten ſich ſchweigend.
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Novellen⸗Zeitung.
Sehr früh am Morgen nach dieſem erwähnten Abend wurde Johann durch einen ſchwachen Zug an der Glocke, die ſeines Herrn Schlafzimmer mit dem ſeinigen verband, geweckt. Da dies in einer ſo frühen Morgenſtunde noch nie dageweſen, ſo wurde der alte Diener ſehr erſchreckt und beſorgt; ſchnell warf er ſich etwas über und eilte zitternd zu ſeinem Herrn.
Als er in's Zimmer trat, vernahm er nichts. Alles war ſtill und ruhig; matt brannte das Nacht⸗ licht. Schon wollte er ſich leiſe zurückziehen, als ſein Auge die Klingelſchnur traf, die über dem Bette ſei⸗ nes Herrn hing, und nach dem unſichern Lichte ſchien es ihm, als wenn ſie ſich leiſe bewegte; er trat an's Bette, wie groß war aber ſein Entſetzen, als er ſeinen Herrn todtenblaß vor ſich ſah. Er ergriff ſeine Hand; ſie war kalt. In Todesangſt rief er den Namen ſei⸗ nes Herrn. Ein ſchwaches Röcheln entrang ſich jetzt des Bruſt des Leidenden, matt ſchlug er das geſchloſ⸗ ſene Auge auf, und als wenn er ſeinen Johann er⸗ kannt, glaubte dieſer den ſchwachen Druck ſeiner Hand zu fühlen; auch ſchien Walther noch etwas ſagen zu wollen, doch ſeine Kraft war gebrochen; er ſchloß das Auge, und ein ſchwacher Athemzug war das letzte Lebenszeichen dieſes edeln, herrlichen Mannes.
In ſeiner Verzweiflung, in ſeiner Herzensangſt, und mit der ſchwachen Hoffnung, daß noch Rettung möglich ſei, ſtürzte Johann zum Bedienten, befahl ihm, ſofort den Kutſcher anſpannen zu laſſen, um den Dr. Grün herbeizuholen, und ihm zu ſagen, der geliebte Herr ſei ſoeben vom Schlage getroffen, der Doctor ſolle eiligſt kommen, um zu retten, zu helfen, das Leben wieder zu geben.
Nun eilte Johann zu Brigitte, um dieſe zu wecken, damit ſie das Fräulein benachrichtige. Die Be⸗ ſtürzung, der Schreck, der ſich der würdigen Frau bemäch⸗ tigte, iſt nicht zu ſchildern. So eilig wie ſie in die Kleider zu kommen, zu ihrem geliebten Fräulein zu ge⸗ langen ſuchte, ſo gelang es ihr doch nicht; noch ehe ſie ihr Zimmer verlaſſen, flog Hedwig erſchreckt herbei und rief mit bebender, zitternder Stimme:
„Was iſt geſchehen, iſt mein Vater krank?“ Als ſie ihre alte Brigitte faſſungslos nach Worten ringend ſah, rief ſie mit einem herzzerreißenden Tone:„Mein Vater! mein Vater!“ und ſo ſtürzte ſie fort in ſein Gemach, an ſein Bett. Als ſie hier die lebloſe Ge— ſtalt, das todesbleiche Antlitz ihres geliebten Vaters erblickte, ſank ſie zuſammen. Eine wohlthätige Ohn⸗ macht überſchattete ihre Sinne. Als ſie wieder zu ſich kam, fand ſie ſich in dem Studirzimmer ihres Vaters auf dem Sopha liegend. Die Paſtorin und
Marie waren liebevoll um ſie beſchäftigt. Der Pfarrer, Sne ein uth und William ſtanden in dem einen


