346 Novellen⸗Jeitung.
Als ich einige Tage ſpäter meinen früheren Wirth in ſeiner Gefängnißzelle wieder ſah, erſtaunte ich über die Veränderungen, welche inzwiſchen mit ihm vorgegangen waren. Er war vollſtändig abge⸗ zehrt; die Augen, von Entzündung geröthet, lagen tief im Kopfe, die Wangen waren eingefallen, die Naſe, die Backenknochen und das Kinn ſpitz, hervor⸗ ſtehend, die Hände fleiſchlos. Er war kaum wieder zu erkennen und entſetzlich anzuſehen. Seine Stimme war matt, wie im Verlöſchen, häufig durch krampf⸗ haftes Huſten geſtört, der Athem kurz, und auf der Stirne ſammelten ſich ſchon jene Schweißtropfen, welche die Auflöſung anzeigen und dieſer kurz vorher⸗ zugehen pflegen.
Der Tod, das war augenſcheinlich, hatte dieſen Menſchen bereits gepackt. Ich trat vor einen Ster⸗ benden, der, als er mir die fleiſchloſe Hand darrei⸗ chen wollte, nicht mehr ſo viel Kraft hatte, um dieſe Hand hochzuheben.
Und doch wohnte in dieſem ſo ſehr geſchwächten, ſo ganz und gar entkräfteten Körper noch ein Geiſt, ein Geiſt, der undenkliche Qualen bereiten mußte, der nur dann erſt von dem Körper ſich trennen, die⸗ ſem nur dann erſt Ruhe gönnen wollte, wenn durch dieſe Qualen, durch dieſe Martern der letzte Tropfen Mark aufgezehrt ſein würde.
Der Mann hatte mir gegenüber Gott zum Zeu⸗ gen einer graſſen Unwahrheit angerufen, er ſollte in ſeiner letzten Stunde dies vor dem einzigen Zeugen ſeiner That bekennen.
Um ſeine Worte verſtehen zu können, mußte ich meine Scheu überwinden und mich dicht vor ſein Lager ſetzen. Er ſprach nicht zuſammenhängend, mit vielen Unterbrechungen, ich möchte ſagen, ſtoßweiſe, aber ſeine Rede war klar und verſtändlich.
„Ich habe,“ ſo ſagte er, während der Schweiß in großen Tropfen von der Stirn herabrann,„den Förſter erſchoſſen. Ich habe den Entſchluß zu dieſer That in dem Augenblicke gefaßt, in welchem der För⸗ ſter nach dem Auffinden des Holzes mich anpackte und unter abſcheulichen Schimpfreden fortführte. Dieſe Schimpfreden erregten mich faſt noch mehr als das Unglück, in welches ich mich geſtürzt hatte. Von da ab war ich nicht mehr Herr meiner Gedanken, oder vielmehr, ich hatte nur den einen Gedanken, mich an dem Förſter zu rächen. Die That wollte ich an dem⸗ ſelben Abend ausführen, ich konnte jedoch keine Ge⸗ legenheit ausmitteln; aber am folgenden Abend trat ich dem Förſter, den ich erwartet hatte, in dem engen Wege entgegen, ſetzte die ſchußfertige Flinte ihm auf die Bruſt und drückte los. Worte ſind da⸗ bei nicht gewechſelt worden, der Förſter ſtürzte nach
dem Schuſſe lautlos nieder. Ich ließ ihn liegen, lief davon und kehrte, nachdem ich die Flinte in's Waſſer geworfen hatte, gegen Morgen nach Hauſe zurück. Natürlich hatte ich keine Ahnung, daß man mich für den Thäter halten könnte. Die Verhaftung öffnete mir die Augen. Es gab ja aber keine Beweiſe für meine Schuld, das Gericht konnte mich der That nicht überführen, mir nichts anhaben; ich war da⸗ rüber ſicher. Aber auch Sie ſollten von meiner Un⸗ ſchuld überzeugt ſein. Und um Ihnen dieſe Ueber⸗ zeugung zu gewähren, rief ich im Gefängniſſe zu Neitzſch meine Mutter und Gott zu Zeugen an, daß ich die That nicht ausgeführt habe.
Von dieſem Augenblick an habe ich keine ruhige Stunde gehabt. Meine Mutter und der liebe Gott haben ſich von mir losgeſagt. Mein Zuſtand war eine unausgeſetzte Folter. Ich habe Schmerzen er⸗ tragen müſſen, die ſich mit Worten nicht erklären laſſen, von denen ſich kein Menſch eine Vorſtellung machen kann. Ich habe dieſen Leiden ein Ende machen, oft mir das Leben nehmen wollen, aber ich konnte, ich durfte das nicht thun, ich mußte dulden, ich mußte leiden, ich hatte keinen Willen. Ach, könnte ich doch dies in die Welt hineinſchreien als Mahnung, als Warnung! Und wenn nur ein Einziger ſich dadurch abhalten ließe, Böſes zu thun und vor Allem den Namen Gottes nicht zu mißbrauchen, ich wollte gern gelitten, gern geduldet haben. Mich“— das waren ſeine letzten Worte, die nur geflüſtert wurden—„hat es gedrängt, mein Gewiſſen vor Ihnen leicht zu machen. Wollen Sie mir vergeben? Wenn Sie das können, ſo finde ich vielleicht auch dort oben einen barmher⸗ zigen Richter.“
Aus dem Grunde meines Herzens rief ich dem Manne, um ſeiner Leiden und ſeiner Reue willen, beim Scheiden zu:„Friede ſei mit Dir!“
Möchte, das iſt mein innigſter Wunſch geweſen, der liebe Gott ihn mit demſelben Rufe empfangen haben, denn kurz nach meinem Fortgehen iſt ſein Geiſt von hier abgerufen worden.
Literariſche Briefe von Otto Banck.
Der Dresdener Shakeſpeare⸗Verein zur He⸗ bung der deutſchen Bühne.
Wie Sie und Manche unſeret geehrten Leſer ſich ettunern werden, fühlte ſich der Verfaſſer dieſer lite⸗ rariſchen Beſprechungen vor einigen Monaten ge⸗ drungen, durch einen„Vorſchlag zur Shakeſpearefeier“, deſſen Veröffentlichung zuerſt in der„Wiſſenſchaftli⸗


