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übermannt; jetzt erhob er ſeinen Kopf, ſein Auge ſtrahlte wunderbar und mit bebender Stimme rief er:
„Mein Toni! Mein Sohn! Mein Neffe! Komm in die Arme Deines Onkels.“ Da er ſah, daß Toni verwundert und zweifelnd auf ihn blickte, rief er ein⸗ dringlich:
„Ja! zweifle nicht, Du biſt mein Neffe, der Sohn meines einzigen jüngeren Bruders. Jetzt, wo ich Dich als meinen nächſten Blutsverwandten, als meinen Haupterben erkenne, muß ich Dir die Vergangenheit meines Lebens mittheilen.“
Toni umfaßte in dieſem Augenblick Walther und mit Jubelrufen warf er ſich vor ihm nieder und be⸗ deckte ſeine Hände mit Küſſen. Als ſie beide ruhiger geworden, theilte Walther Toni die Geſchichte ſeines uns bekannten Lebens mit.
Die Mittheilung war beendigt; beide Männer ſaßen ſtumm ſich gegenüber. Endlich faßte ſich der Oukel.„Toni,“ ſagte er,„wir wollen dieſen Tag Deiner Geburt doppelt feiern. Morgen laß uns über⸗ legen, welche Schritte gethan werden müſſen, um mei⸗ nen Bruder von dem Daſein ſeines Sohnes in Kennt⸗ niß zu ſetzen. Jetzt, wo meine Zunge ſich endlich den feſſelnden Banden entwunden, will ich zu meinem be⸗ währten Freunde Paſtor Weimuth ſenden, auch er ſoll mein Geheimniß erfahren; auch mein Töchterchen muß unſere Freude theilen. Fühlſt Du Dich, beſter Toni, ſtark genug, ſo bitte ich Dich, rufe mir meinen Jo⸗ hann. Er, der mich in den Zeiten der ſchweren Trüb⸗
ſale nie verlaſſen, er, der bis zu dieſem Augenblick zwar ſtumm, aber deſto treuer meinen Gram mit mir getragen hat, er muß nun auch der Erſte ſein, der meine Freude theilt.“
Als der alte Diener ſeinen Herrn geſprochen, war ſein Glück groß. Zu ſagen vermochte er nichts, Wie der Kummer ſeinen Mund verſchloß, ſo ſchloß auch jetzt die große Freude ſeine Lippen; er küßte nur immer wieder und wieder die Hand ſeines theuren, edeln Herrn.
Die liebliche Hedwig wurde durch die Eröffnung ihres Vaters tief bewegt; ihr reiches, weiches Ge⸗ müth empfand ſo ganz den Schmerz, den ihr über alles geliebter Vater ſo viele Jahre ſo allein, ſo un⸗ getheilt getragen; aber die Nachricht, daß ſie in ihrem geliebten Pflegebruder nun auch ihren nahen Verwand⸗ ten zu erkennen habe, machte ſie ſehr glücklich.
Toni war ſelig; ſeine Lebhaftigkeit, ſeine Jugend ließen ihm ſeine Zukunft nur freudig, nur in roſigem Licht erſcheinen, denn der Hinderniſſe, die ſeinem Glücke, entgegenſtehen könnten, gedachte er in ſeiner natür⸗ lichen Seligkeit nicht. Jubelnd umarmte er ſeine Schweſter.
Novellen⸗
Heitung.
Auch die alte gute Brigitte mußte und ſollte gleich die Mitwiſſerin ihrer Freude werden. Beide gingen zu ihr, um ihr Alles zu erzählen.
Dann eilten die jungen Leute von dannen und flogen dem Pfarrhofe zu, um dem Freund und der Freundin Alles zu berichten.
Während dies geſchah, war der Paſtor Weimuth zu Walther gekommen. Letzterer hatte ihm Alles mit⸗ getheilt; der gute Pfarrer war tief bewegt. Zu wiederholten Malen ergriff er während der Mitthei⸗ lung die Hand ſeines Freundes, drückte ſie ihm recht theilnehmend, und als ſie beendigt, Eduard erſchöpft ſchwieg, aber mit beſorgtem Blick auf Weimuth ſchaute, um ſein Urtheil ſchon ungeſprochen aus ſeinen Augen zu leſen, ſagte der würdige Geiſtliche:
„Mein theurer Freund! Sie haben viel, ſehr viel gelitten! Die Hand Gottes liegt ſchwer und hat ſchwer auf Ihnen gelegen, doch jetzt, wo Sie erkennen, welchen Zweck der Herr gehabt, Sie durch ſo viel Trübſale gehen zu laſſen, wo er Sie zu ſeinem Werkzeug ge ſchickt gemacht, um eine ſchlechte That zu Schanden zu machen, da müſſen Sie ſich es bewußt werden, daß das Unrecht, welches immer in einem Zweikampf liegt, jetzt geſühnt iſt. Gott hatte Ihnen ſchon längſt ver⸗ geben, doch Sie in Ihrem Zweifel an ſeiner Gnade hatten es nicht bemerkt. Durch die Gewißheit aber, daß Ihnen Toni durch Blutsbande ſo nahe ſteht, hat er Ihnen den Fingerzeig gegeben, daß Sie Ihre Familie aufſuchen müſſen. Ihr Herz wird Sie auch jetzt Ihrer Kinder wegen doppelt treiben, den Segen Ihrer Mutter zu erhalten. Auch glaube ich, daß Sie und Toni dazu berufen ſind, manche dunkle That an's Licht zu ziehen. Möge Toni dann nie vergeſſen, was das vierte Gebot uns lehrt! Gott möge Sie und Ihre Kinder immerdar ſegnen!“
Nach den letzten Worten des Geiſtlichen kam Walther zum erſten Male der Gedanke, daß das Han⸗ deln ſeines Bruders abſichtlich unrecht, nicht allein gegen ſeinen Sohn, ſondern auch gegen ihn geweſen ſein könnte. Plötzlich erſchienen ihm die von dem Bruder erhaltenen Briefe in einem ganz andern Lichte als bisher. Konnte nicht der Inhalt durch den Plan, ihn, den Erſtgebornen, fern zu halten, dictirt worden ſein?! Doch Eduard's gutes Herz, ſein edler Sinn verwarfen dieſe Anſicht ſehr bald wieder. Sein Bruder konnte unbeſonnen, leichtſinnig wohl handeln, doch ſchlecht, nein, nein, dies wollte er nicht glauben!
Wohl aber ſah Walther ein, daß ſein Freund Recht habe, daß ſofort Schritte gethan werden müßten, um Toni von ſeinem Vater anerkannt zu ſehen. Daß dies, wenn er es noch durchführen wollte, ungeſäumt
geſchehen müſſe, fühlte er gleichfalls. Seine Kräfte


