532 Novellen⸗Zeilung.
hervorſtechende Anzahl entſcheidender Wendungen, ein ungewöhnliches Zuſammenwirken von Sonnenſtrahl und Schatten nachzuweiſen, und was an dieſem
vollen Kreiſen innig verehrte Gattin war die ſtalent⸗ volle Sängerin und Schauſpielerin Caroline Brand, und das Bündniß zwiſchen beiden Theilen iſt kein
Leben in der Zeitdauer karg genannt werden darf, raſch geſchloſſenes, ſondern ein langſam geknüpftes und erſcheint im Gehalt vielſeitig, hin- und hergewor⸗ vielgeprüftes geweſen, retardirt und erſchwert von
fen, ja oft auf den erſten Blick chaotiſch. Man muß es aber geiſtig als intenſiv und pſychologiſch anerkennen und ſtaunen, welche unverhältnißmäßige
ſjenen praktiſchen Bedenken, denen ſich das weibliche Geſchlecht oft mit mehr berechnender Sorge um die Sicherheit der Zukunft, als mit idealer Hingabe an
Maſſe von ſeeliſcher und phyſiſcher Kraft dieſes an ihre eigenen Herzensempfindungen zweifelnd und ſelbſt⸗
ſich nicht lange Leben verbrauchte.
Ziemlich allgemein hatte ſich wegen Mangel an genauen Nachrichten über Weber die Anſicht gebildet, als ſei ſein Schaffen auf dem Grunde einer ruhigen, friedlichen Exiſtenz entſproſſen; nur wenige Einge⸗
weihte und ſpecielle Kenner der Muſikgeſchichte aus älterer Zeit waren mit Factis vertraut, die ganz an⸗ derer Art ſind. Gegenwärtig zeigt ſich nun Allen durch dieſe Biographie, daß Weber's erſte Lebens⸗ hälfte, ja in gewiſſem Sinne auch deſſen zweite(wenn auch in mehr geiſtiger principieller Weiſe) ein fort⸗ geſetztes Ringen mit den oft ungünſtigſten, ja wahr⸗ haft verzweifelten Verhältniſſen war, und daß ſeine erregte, durch alles Lockende, Schöne und Große reiz⸗ bare und empfängliche Seele der ſinnlichen Außen⸗ welt bis zu einer nicht ſelten wilden Romantik hin offen lag und den Leidenſchaften den vollſten Tribut eines von Stimmungen und Eindrücken abhängigen Sanguinikers zahlte. Nahrungsſorgen, pecuniäre Ver⸗ pflichtungen und manche abenteuerliche, an das Tra— giſche ſtreifende Conflicte erſchwerten ſein Streben, hefteten ſich wie feindliche Dämonen an ſeine Ferſe an, und nur ſein leichter Sinn des friſchen Jugend⸗ muthes ließ ihn unter dieſem Ballaſt nicht zu Grunde ſinken. Die nach idealer Reinheit und männlicher Reife trachtende ſittliche Grundſtimmung ſeiner ſtar⸗ ken, weun auch körperlich ſchwach beſaiteten Natur trug über alle Gefahren haltungsloſer romantiſcher Wechſelexiſtenzen den moraliſchen Sieg davon. So auch Weber's Herz, das in einem leichten Nachen mit viel Segel, aber ſchwachem Steuer und noch unzuver⸗ läſſigerem Kompaß den Ocean der Liebe gern und oft befuhr und manchen Schiffbruch auf dieſen kecken Wikingerzügen erlitt. Doch endlich, und noch zur rechten und glücklichſten Zeit, nachdem es ſich von allen Triebſandbänken und verführeriſchen Sirenen⸗ felſen durch eigene Kraft der beſſeren Ueberzeugung wieder befreit hatte, fuhr es in den ſicheren Hafen einer harmonievollen Ehe ein, die nicht eine von jenen vielen Ehen hervorragender Männer war, welche den Geiſt paralyſiren und den Genius des Schaffens in die gewöhnlichen Bahnen des ſpeculativen Gelder⸗
werbs zu lenken ſuchen. Weber's in allen urtheils⸗
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täuſchend überläßt.
Es liegt in der Natur der Sache, daß für den Verfaſſer die Schwierigkeit ſehr groß, hin und wieder beinahe unüberwindlich war, über die erſten ſo be⸗ wegten Lebensperioden des Componiſten alle noth⸗ wendigen Nachrichten zu ſammeln und unter ihnen das Richtige vom Unechten, wenigſtens Zweifelhaften auszuſcheiden. Bekanntlich iſt es zur Unſitte geworden, ohne alle Pietät vor der Wahrheit aus dem Leben berühmter Männer, beſonders der Maler und Muſi⸗ ker, anekdotenhafte Einzelzüge mitzutheilen, die mehr gut oder übel erfunden, als wirklich vorgefallen ſind, ſpäter aber auf dem kritikloſen Wege der Ueberlie⸗ ferung in den geſchichtlich vorhandenen Fonds über⸗ zugehen und ohne Sichtung weiter erzählt zu werden pflegen. Dieſe Unredlichkeit müßiger Anekdotenjäger und Feullletonſchreiber hat unter andern die For⸗ ſchungen über Mozart's Leben nicht blos unendlich erſchwert, ſondern ſogar manche Einzelheiten für immer unentwirrbar gemacht, und es kann dabei nicht fehlen, daß von ernſten Köpfen mehrere wahre, aber auffallende Züge ungerechter Weiſe mit ſolchen, die das Merkmal der Fabel an ſich tragen, in das Gebiet der letztern zurückgeſtellt ſind.
Auch in Bezug auf Carl Maria von Weber hat ſich die Preſſe ähnliche Phantaſtereien erlaubt, und es erſcheint erklärlich, wie ſehr der Schöpfer des Frei⸗ ſchütz, des Oberon und der Precioſa zu ſolchen das Publicum amüſirenden und an ſich gar nicht bös ge⸗ meinten Gewaltthätigfeiten auffordernden Stoff darbot.
Man muß bei dem Autor der vorliegenden Lebens⸗ beſchreibung das erfolgreiche Beſtreben anerkennen, daß er ſich mit ſtrengſter Verehrung der Wahrheit nur an nachweisbare Daten gehalten und alle ſchön⸗ malende Uebertreibungen bei Seite geworfen hat.
Er ſpricht ſelbſt in der Vorrede das löbliche Princip aus, in der Charakteriſtik ſeines Helden keine Farbe mildern, keinen Schatten übergehen zu wollen, und ſo empfangen wir denn auch eine ſehr genaue Schilderung von den Jugendirrthümern und natürlich wenig platoniſchen Liebesverhältniſſen Weber's, die übrigens weder ihrer Zahl noch ihrer Art nach be⸗ bedeutungsvoll waren und im Lebenslauf der meiſten⸗


