Jahrgang 
01-25 (1864)
Seite
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Und dennoch machte der Mann vor meinem Hauſe Halt. Er beguckte daſſelbe wiederholt von unten bis oben. Bei dieſem Umherſehen hatte er mich im offe⸗ nen Fenſter erblickt. Er trat dicht an das Fenſter heran und rief mir zu:

Können Sie mir ſagen, ob hier der Herr Aſſeſſor wohnt?

Ja, der wohnt hier.

Sie ſind's wohl ſelbſt?

Ja.

Ich komme aus dem Forſthauſe und ſoll Sie bitten, gleich, aber ja gleich hinauszukommen.

Was iſt denn geſchehen?

Der Mann antwortete nicht ſofort, er ging erſt mit ſich zu Rathe, dann ſagte er leiſe, daß ich es kaum verſtehen konnte:

Ich ſollte Ihnen Nichts ſagen, Sie erfahren es ja aber doch, wenn Sie hinauskommen. Der Förſter iſt todt, er iſt

Der Mann wollte noch mehr ſagen, ich aber mochte Nichts mehr hören, ich wußte ja Alles, ich hatte ja gehört, daß der Förſter todt war, daß meine Befürch⸗ tungen ſich in der ſchrecklichſten Weiſe erfüllt hatten.

Mit der Gewißheit, die mir ſo geworden war, hatte ich indeß auch meine Sicherheit wieder erlangt, alle Unruhe war mit einem Male verſchwunden, und klar ſah ich vor mir den Weg, den ich einſchlagen mußte, um das Verbrechen zu ſühnen.

Ich rief das Mädchen, ſchrieb eiligſt ein Billet und ſchickte ſie damit zum Bürgermeiſter. Dann ſchrieb ich ein zweites Billet, das mehr eine Inſtruction war, für den Actuar, nahm dann Hut und Stock und ver⸗ ließ das Haus, das ich hinter mir verſchloß.

Es war, als ich ſo weit gekommen, genau halb vier Uhr, vollſtändig Tag, mein Wirth noch immer nicht zurück, und ich, der ich noch kein Auge geſchloſ⸗ ſen hatte und todmüde war, ſchickte mich an, nach dem Forſthauſe zu gehen.

Das Mädchen kam in dem Augenblick zurück, in welchem ich fortgehen wollte. Ich hatte das erwar⸗ tet, gab ihr das Billet und ſagte ihr, daß ſie auf Antwort warten müſſe.

Der Bürgermeiſter ſollte die Verhaftung meines Wirthes ausführen, der Actuar das Mädchen bis dahin zurückhalten und außerdem die nöthigen Re⸗ quiſitionen expediren.

Im Forſthauſe, in welchem wir einige Stunden zuvor noch ſo ausgelaſſen heiter geweſen waren, in welchem ſich Jeder glücklich gefühlt hatte, in welchem alle Familienglieder durch Bande inniger Liebe feſt aneinander gekettet zu ſein ſchienen, in welchem kein

Novellen⸗Zeitung.

wenige Stunden ſpäter ein überaus theures Glied ſollte gelöſt werden können in dieſem Hauſe, ſage ich, war es ſtill wie im Grabe, als ich zum zweiten Male daſſelbe betrat.

Der Schreck über das entſetzliche Unglück hatte die Mutter beſinnungslos gemacht, die Töchter be⸗ täubt. Die Mutter lag im Bette, die Töchter vor demſelben auf den Knieen, Alle regungslos. Kein Laut war zu hören, keine Thräne zu ſehen, der Schmerz hatte Alles erſtickt.

Das durfte ſo nicht bleiben, die Betäubung mußte gelöſt werden; aber wie?

Mein Zuſpruch wurde nicht gehört, auch dann nicht, als der junge Mann mir zur Seite trat, meine Forderungen unterſtützte und ſeine Bitten mit den meinigen, vereinigte.

Ich hörte auf zu bitten, ich ſtellte mit Hinweis auf mein Amt beſtimmte Forderungen. Aber auch das half Nichts, meine Worte wurden gar nicht be⸗ achtet, keine der Damen rührte ſich.

Ich griff zu einem andern Mittel, es war das letzte, ich wußte kein andres.

Treffen Sie, ſagte ich zu dem jungen Mann gewendet,Anordnungen, daß der Vater hierher ge⸗ bracht wird. Die Fräulein ſind in ihrem Schmerze maßlos, ſie vergeſſen ganz und gar die Pflichten, die ſie zu erfüllen haben, ſie vergeſſen, daß ſie die Ruhe des Vaters nicht ſtören dürfen und die arme, bekla⸗ genswerthe Mutter ſchonen ſollten.

Ich legte in dieſe Worte eine ſolche Schärfe, eine ſolche Härte, eine ſo ſummirte Maſſe von Vor⸗ würfen, daß ſie unmöglich ohne Wirkung bleiben konnten.

Sie blieben das auch nicht. Beide Mädchen ho⸗ ben den Kopf hoch und wendeten das vom größten Schmerz entſtellte Geſicht mir zu. Das Auge war trocken und blieb ohne Ausdruck, ſtarr und vorwurfs⸗ voll auf mich gerichtet.

Das befriedigte mich nicht, ich wollte in naſſe Augen ſehen, die Thräne heraufbeſchwören, weil nur dieſe den Schmerz mildern, dem erſtarrten Herzen Leben einflößen konnte. Ich unterdrückte daher ge⸗ waltſam jede innere Bewegung und zeigte mich kalt, ohne Gefühl, ohne Theilnahme, nur als ausführenden Beamten. Trocken, als ob ich in der Amtsſtube das gewöhnlichſte Geſchäft vorzunehmen habe, verlangte ich von den jungen Leuten, daß ſie mir folgen ſollten. Eliſe erhob ſich zuerſt, dann folgte die Schwe⸗ ſter, die Mutter allein blieb im Zimmer zurück. Wir hatten nicht weit zu gehen bis zu dem

einziger Gedanke geweſen war, daß aus dieſer Kette

Todtenbett des Vaters, aber Jeder von uns trug