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ihm dies geworden, eilte er dorthin, warf ſich in einen Lehnſtuhl und löſte mit zitternder Hand das Siegel des kleinen Packets.
In dieſem befand ſich ein Schriftſtück mit der Aufſchrift:„Mein Vermächtniß an meinen Toni, von Hanni Röſig. Sarnen⸗Schlucht, den vierzehnten Mai 183.“; außerdem der Taufſchein und eine amtliche Beſcheinigung über die Herkunft des Leſenden, welche dieſelbe geſetzlich feſtſtellte und die Rechte ſeiner bür⸗ gerlichen Stellung ſicherte.
Je weiter Toni in dem Vermächtniß las, je ge— ſpannter wurden ſeine Züge; als er geendet, ſprang er in der größten Aufregung auf, lief einige Male auf und nieder, nahm die Papiere, die er auf einen Tiſch geworfen, wieder auf, überflog ſie nochmals und abermals mit ſeinen Blicken, verließ dann ſein Gemach, eilte nach dem ſeines Vaters, riß ſchnell die Thüre auf und mit den Worten:„Vater! Vater! Lies die Papiere,“ warf er ſich demſelben in die Arme.
Obgleich Walther den Sohn ſchon mit banger Ahnung erwartete, ſo war er doch ſehr erſchrocken, als er ihn nun ſo erſchüttert, mit blaſſen, entſtellten Zügen vor ſich ſah. Er bezwang ſich aber, bat Toni ſich zu beruhigen und begann das Folgende zu leſen. Mit welcher Spannung, mit welcher Freude er dies Schriftſtück zu Ende las, werden wir am beſten aus dem Inhalte deſſelben entnehmen.
Das Vermächtniß lautete:
„Mein theurer Tonil
„Mit Deinem vierundzwanzigſten Geburtstage wirſt Du dieſe Zeilen, die, ſo Gott im Himmel lebt, wahr und getreu ſind, erhalten.
„Du biſt weder das Kind meiner Frau, noch das meinige. Wir haben Dich als unſer eigenes Kind angenommen, und ſo der Herr es will, werden wir Dich lieben und für Dich ſorgen, ſo wie es nur möglich! Möge Gott Dich behüten und über Dich die Gnade verhängen, Dein Dir entzogenes Geburts⸗ recht wieder zu geben!
„Ich darf, wenn ich auch das Leben behalte, bis zu Deinem vierundzwanzigſten Jahre nichts dazu thun.
Ein heiliger Eid, den ich geſchworen, bindet meine
Zunge; ich mußte ihn, wenn ich Dich erhalten wollte, leiſten.
„Ich, ein geborner Schweizer, ging auf Zureden eines reichen ſchwediſchen Herrn und Grundbeſitzers als Meier auf eins ſeiner Güter, nahe bei Stockholm belegen.
„Nachdem ich dort einige Jahre geweſen, heira⸗ thete ich ein gutes, frommes, aber armes Mädchen, Deine jetzige Pflegemutter. Die Aufträge meines
Novellen⸗
Zeitung.
ich zufälligerweiſe einen Vetter von mir, ebenfalls einen Schweizer, jetzt Bedienter bei einem jungen engliſchen Lord, welcher bei der engliſchen Geſandt⸗ ſchaft in Stockholm attachirt war.
„Eines Tages im Herbſt, wo ich noch ſpät viele Beſorgungen in der Stadt gehabt, die bis zum Abend mich aufgehalten, fand ich, als ich nach meinem Gaſt⸗ hauſe zurückkehrte, meinen Vetter Rudi Röſig auf mich wartend vor, der mich bat ſofort zu ſeinem Herrn, Sir Hugh Carlton, zu kommen; dieſer wünſche mit mir nothwendig zu ſprechen. An Ort und Stelle angelangt führte mich Rudi, nachdem er mich gemel⸗ det, in ein matt erleuchtetes Gemach, wo ich einen noch ſehr jung ausſehenden Herrn fand. Er ſah blaß und aufgeregt aus und ſchien unſchlüſſig, wie er mich anreden ſollte. Endlich begann er ſehr ſchnell, aber in ſtets abgebrochenen Sätzen zu ſprechen:
„„Durch Ihren Vetter habe ich gehört, daß Sie ein rechtſchaffener, zuverläſſiger Mann ſind. Ich habe dadurch Vertrauen zu Ihnen gewonnen und frage Sie: ob Sie mein Kind, einen zweijährigen Knaben, auf einige Zeit zu ſich nehmen wollen?“
„Auf meine Antwort, daß ich in einigen Tagen nach der Schweiz zurückgehen würde, ſagte er:„Das weiß ich, und es iſt mir lieb! Meine Frau und ich müſ⸗ ſen auf längere Zeit verreiſen, und da wir das Kind nicht mitnehmen können, ſo wünſchen wir es ſichern Händen anzuvertrauen, und es wäre uns ſehr lieb, wenn Sie ſich dazu verſtänden.“
„Als er glaubte, daß ich Einwendungen machen wollte, ſetzte er ſchnell hinzu:„Sobald wir können, holen wir uns den Knaben wieder, und Ihre Koſten und Mühen vergüte ich Ihnen natürlich.“
„Als der Herr ſtill ſchwieg und ich noch mit meiner Antwort zögerte, kam mein Vetter mit einem ſchlafenden Kinde in ſeinen Armen ins Zimmer. Als ich den wunderſchönen Knaben erblickte, meiner Frau, die ſich ſchon längſt nach einem ſolchen unendlich ge⸗ ſehnt, und ihrer Freude, wenn ich ihr den Knaben bringen würde, gedachte, da waren alle meine inneren Bedenken beſiegt, und ich erklärte mich bereit, ihn zu nehmen, und verſprach, gut für ihn zu ſorgen.
„Sir Carlton ſchien durch meine Einwilligung ſehr erleichtert, bat mich, den Kleinen gleich mitzu— nehmen, händigte mir, wie er ſagte„vorläufig“, eine Rolle von fünfzig Guineen ein und fügte hinzu, daß Rudi morgen zu mir kommen würde, um noch das Weitere mit mir zu beſprechen und die nöthigen Kleidungsſtücke für Toni zu bringen. Hierauf befahl er Rudi, das Kind in einen Mantel zu ſchlagen, be⸗ trachtete daſſelbe eine Secunde, küßte es ſehr bewegt,
Herrn führten mich oft nach Stockholm. Dort hatte
gab mir die Hand, bat mich, das Kind recht zu lie⸗


