322 Novellen⸗Jeitung.
dieſer Erde zurücklaſſen! Doch ihr Gott, der Lenker aller menſchlichen Geſchicke, hatte es ſo beſchloſſen.
Trotz der Troſtesworte des Arztes begann Wal⸗ ther doch jetzt auch an der Geneſung ſeiner Hedwig zu zweifeln; das Sinken ihrer Kräfte wurde ihm immer deutlicher ſichtbar und vergegenwärtigte ihm den Verluſt, der ihm bevorſtand. Seine Gefühle hierbei zu ſchil⸗ dern iſt faſt unmöglich. Das Weh, das ſein Herz zerriß, war unnennbar; ſeine ſo über Alles geliebte Hedwig laſſen zu ſollen, war ein Schmerz, der ſeine Seele durch und durch erbeben ließ. Sollte ihm ſein Schutzengel wieder genommen, ſollte er wieder all' den finſtern Geiſtern des Zweifels, der Vorwürfe überantwortet werden? Hatte ſie ihn nicht ſeinem Gotte wieder ganz zugeführt, und nun, wenn ſie ihn verließe, würde er dann nicht verloren ſein?
Wenn auch noch ſo ſehr dergleichen Qualen ſein Inneres durchbebten, traf ihn dann die milde, ſanfte Stimme ſeiner Hedwig, richtete ſie ihr liebendes Auge auf ihn, legte ſie ihre weiche Hand auf ſeine Stirn, ſprach ſie tröſtende Worte zu ihm, dann wurde Alles ſtill und ruhig in ihm, ein himmliſcher Frieden zog in ſein Herz.
Solchen Augenblick benutzte ſie dann, um ihren Eduard auf das vorzubereiten, was ihm und ihr be⸗ vorſtand. Mit welchen innigen Worten bat ſie ihn dann, ſich nicht dem Schmerze zu ſehr hinzugeben, ſondern ihr Scheiden als eine Prüfung in dem kurzen Erdenleben von Gottes Hand demüthig und ergeben hinnehmen zu wollen; wie begeiſtert ſprach ſie dann von den Pflichten, die er gegen ſein und ihr Kind, gegen den verwaiſten Toni zu erfüllen habe, und wie beſeligend dann nach ſeiner vollendeten Erden⸗ bahn ihr Wiederſehen in den lichten, höheren Regio⸗ nen ſein würde!
Trotz aller ihrer Leiden, die jetzt oft recht quä⸗ lend auf ſie eindrangen, blieb ſie geduldig und ruhig, ſogar heiter; nur wenn ihr Töchterchen ihr gebracht wurde, dann verſchleierte ſich ihr Blick. Der Gedanke, daß dies Kindlein nie die Mutterliebe kennen lernen ſollte, bewegte traurig ihr Herz; ſie wußte ja, was es bedeutet, die Mutter zu verlieren, deren Liebe wohl hier auf Erden die einzige iſt, die Alles über⸗ dauert! War ſie dann mit Brigitte und dem Kinde allein, wie innig bat ſie dann dieſelbe, für ihre Hed⸗ wig zu ſorgen, ſie zu lieben, zu pflegen und zu hegen, wie ſie es von ihr erfahren.
Der September hatte noch ſchöne warme Tage gebracht, die Kranke hatte ſelbſt noch im Freien eine kurze Zeit ſein können. Doch mit dem October trat unfreundliches Wetter ein; das Laub färbte ſich immer mehr von grün in gelb und roth, die Blätter
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fielen, die Natur legte ein trauerndes Gewand an und bereitete ſich zum Abſterben vor.
Mit dem Fallen der Blätter fielen auch Hedwig's Kräfte; immer matter und hinſterbender wurde ihre Geſtalt, nur ihr Auge leuchtete immer glänzender, immer verklärter.
Walther wich keinen Augenblick mehr von ihrer Seite; mit der ängſtlichſten Liebe hing er an ihren Zü⸗ gen, hörte ihre jetzt noch matten, gelispelten Worte, kein Athemzug, kein noch ſo ſchwacher Hauch entging ihm; ihre Hand hielt er in der ſeinigen umſchloſſen, als wenn er ſie noch feſthalten, ſo die Geliebte noch an dieſe Erde feſſeln könnte!
Eines Tages fühlte ſie ſich am Morgen leichter, der Huſten quälte ſie nicht, ſie ſprach mehr, verlangte öfter nach ihrem Kinde, ließ ſich von Toni von ſeinem Lernen, von ſeinen Spielen erzählen und bat Eduard doch'mal die freie Luft, da das Wetter ungewöhnlich ſchön und heiter ſei, zu genießen; doch er konnte ſich nicht von ihr losreißen, beſonders heute wollte er jeden Augenblick, wo ſie ſich ſo viel wohler fühle, wahr⸗ nehmen.
Als der Pfarrer, wie gewöhnlich, gegen Miktag
zu ihr kam, erſuchte ſie ihn, ihr am Nachmittage das heilige Abendmahl zu reichen.
Als Walther dagegen Einwendungen machen wollte und ſie bat, ſie möchte ſich erſt mehr erholen, eine ſolche Aufregung würde ſie wieder kränker werden laſ⸗ ſen, ſagte ſie:
„Theurer Eduard, laß es mich heute thun, es wird mich kräftigen und ſtärken.“
Ein himmliſches Lächeln überflog bei dieſen Wor⸗ ten ihre Züge; als Walther dies bemerkte, fühlte er ſein Herz ſtillſtehen, denn er wußte nun, wie bald ihm ſeine Hedwig genommen ſein würde. Mit aller Kraft kämpfte er aber den aufzuckenden Schmerz nieder. Sein namenloſes Weh ſollte nicht die letzten Secunden ſeiner geliebten Frau erſchweren.
Am Nachmittag verlangte Hedwig nach dem Saale gebracht zu werden, ſie wollte dort die Sonne und die ſo entzückend ſchöne Landſchaft ſehen.
Der Pfarrer kam nach ihrem Wunſche, um ihr das heilige Sacrament zu reichen. Sie nahm es mit frommer Andacht, betete lange und dankte darauf dem Pfarrer herzlich; dem Dr. Grün, der eben eintrat, gab ſie die Hand, dankte ihm innig und bat ihn, ihren Lie⸗
ben immer ein treuer Freund zu ſein, bei ihr und
ihrem Eduard zu bleiben..
Als die ſämmtliche Dienerſchaft eingetreten, nahm ſie von jedem Abſchied. Carl und Johann dankte ſie herzlich für die vielen Beweiſe ihrer Anhänglichkeit; als ſich aber Brigitte näherte, ſank ihre Stimme, nur


