Jahrgang 
01-25 (1864)
Seite
317
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Vierte

Folge.

Feuilleton.

Nationale Volksfeſte.

Eduard Oſenbrüggen, der ſchon einmal durch ein Bänd⸗ chen culturhiſtoriſcher Studien über die Schweiz manche intereſſante Einzelheiten an's Licht gebracht hat, ließ dieſer Edition eine zweite folgen. Er ſchildert darin die Eigen thümlichkeiten einiger Cantone und erzählt unter andern auch von dem Aelplerfeſt der Schwyzer. Schon in älteſten Zei⸗ ten genoſſen dieſelben den größten Ruf des Muthes und der Körperkraft. Ihre Feldmuſik waren mächtige mit Silber beſchlagene und mit den Landeswappen gezierte Ochſenhörner, welche furchtbar durch Berg und Thal brüllten, wenn es zum Aufbruch oder Angriff gehen ſollte. Vor dem Angriff knie⸗ ten ſie nieder, um den Beiſtand des Himmels zu erflehen. Mit lautem Geſchrei ſtanden ſie dann auf und ſtürzten ſich auf den Feind. Karl der Kühne mißdeutete dieſes Nieder⸗ knieen der Schweizer vor der Schlacht von Granſon als Gnadebitten, wurde aber bald eines andern belehrt. Auch nach dem Siege knieten ſie auf der Wahlſtatt, um Gott zu danken, und nicht ungewöhnlich blieben ſie dort drei Tage, um zu warten, ob der geſchlagene Feind die Niederlage rächen wolle.

Noch in der Gegenwart findet man im Canton Schwyz ſehr ſtarke Menſchen. Zwar klingt es fabelhaft, wenn von einem Manne aus dem Dorfe Steinen erzählt wird, er habe eine zehn Centner ſchwere Glocke mehrere Stunden weit ge⸗ tragen, ein Anderer von Iberg große Tannenbäume; aber es bedarf nur eines Beſuchs des Aelplerfeſtes im September, um zu ſehen, was Kraft und Gymnaſtik vermögen.

Man würde ſehr irren, wenn man ſich die Sommerzeit der Aelpler(Sennen) als ein idylliſches Hirtenleben in klarer Bergluft auf grünen Matten dächte. Zwar iſt ihr Daſein zuweilen gemächlich, aber zum poetiſchen Träumen ſind dieſe Menſchen gar nicht angethan, und Mühſal, Gefahren und Entbehrungen ſind ihnen als eine ſtete Zugabe in reichlichem Maße verliehen.

Wenn ſie nun nach monatelanger Abgeſchiedenheit wieder in's Thal kommen, ſo ſteht ihnen und den Thieren das Aelp⸗ lerfeſt als Ehrentag bevor. Der Vormittag gehört zunächſt der Thierſchau. Ein ganz anderes Bild zeigt der Nachmit⸗ tag, wo der Zug der Menſchen ſich nach dem Feſtplatze in Bewegung ſetzt, voran Trommler und Pfeifer, dann ſchal⸗ lende Blechmuſik. Ein Dutzend Sennbuben tragen die lockenden Preiſe und zugleich die verſchiedenſten Alpenge⸗ räthſchaften als Symbole nach der Kampfſtätte. Hier wir⸗ ken die eigenthümlichen Reize der Nationaltrachten. folgen die Sennen und die Preisrichter. Auf dem Platze ragt die Kletterſtange empor, und alle Bäume ſind mitleben⸗ digen Früchten, mit Zuſchauern aus der Jugend beſetzt.

Den Anfang der Spiele, nachdem durch einen Piſtolen⸗ ſchuß das Signal gegeben, macht ein Wettlaufen und auch im Springen wird manches geleiſtet; aber die echt nationa⸗ len Spiele ſind dasSteinſtoßen und dasSchwinget. Einen enormen Stein, oft bis zu einem Centner ſchwer, muß der Mann zuerſt ſich auf die Schulter bringen und dann fortſtoßen oder werfen. Wer den größten Stein am weite⸗ ſten werfen kann, iſt Sieger. Wenn auch nicht in dieſer grotesken Form, bildete das Steinwerfen in den Kriegen der alten Schweizer eine Hauptart ihrer Artillerie. Mächtige

Darauf V

Steine in das Thal hinabſchleudernd vernichteten ſie mehr⸗ mals ein öſterreichiſches Heer.

DasSchwinget iſt ein Kampfſpiel nach Reglement und Comment. Zu demſelben melden ſich nur geübte Ath⸗ leten oder ſolche, die auf dem Wege ſind es zu werden, und ſtets finden ſich diejenigen als Gegner zuſammen, die einan⸗ der an Kraft und Gewandtheit gewachſen ſind. Regelmäßig geben ſich die zum Kampf Antretenden die rechte Hand, zum Zeichen daß es ein ehrlicher Kampf ſein ſoll. Dann ſtürzen ſie keineswegs auf einander los, ſondern langſam und in gebückter Stellung nahen ſich die Gegner, um einen Angriffs⸗ punkt zu erſpähen und die eigenen Schultern und den eige nen Hüftengurt zu decken, denn nur dieſe ſind die eigentlichen V Angriffsobjecte. Greift einer zu, ſo beginnt das Ringen mit aller Kraftanſtrengung und Gewandtheit, und oft tritt eine

längere ſcheinbare Ruhe ein, wenn die beiderſeitigen auf's Höchſte angeſpannten Kräfte ſich vollkommen das Gleichge⸗ wicht halten. Gelingt es den Gegner zulupfen, d. h. vom Erdboden aufzuheben, ſo kann das zwar der Anfang des Sieges ſein, aber vollſtändig iſt der Sieg erſt, wenn der Gegner geworfen und zwar auf den Rücken gelegt iſt. Oft entſcheidet einPrachtſchwung in einer Secunde. So in einem Falle, dem ich vor einigen Jahren zuſah. Es meldete ſich plötzlich in Schwyz ein ſehr ſtarker Fabrikarbeiter zum Wettkampf; die Schwinger von Fach ſahen ihn mitleidig und gaben ihm den Jüngſten aus ihrer Mitte zum Gegner. Dieſer, ein bildſchöner Menſch, ſetzte ſich ganz ruhig in Po⸗ ſitur, und als der Gegner ihn ergreifen wollte, faßte er ihn

ſo ſicher am Hüftengurt, daß er ihn nicht nur ſogleich vom Bo⸗

den hob, ſondern ihn ſich über den Kopf zur Erde ſchleuderte. Sogleich legte ſich der Sieger mit der größten Gemüthsruhe nieder zu ſeinen im Graſe liegenden Genoſſen. Ueberhaupt iſt der Contraſt des in immer heftigere Aufregung gerathen⸗ den Publicums, das in einem Kreiſe den Kampfplatz umſteht, und der claſſiſchen Ruhe der Schwinger groß.

Da das Schwingen lange geübt ſein muß, bis einer mit Ehren öffentlich auftreten kann, ſo ringen die Knaben früh mit einander nach der Regel der Alten, und bei den Volksfeſten pflegen auch die herangewachſenen Knaben in einer beſondern Abtheilung um Preiſe zu kämpfen.

Auch muſikaliſche Wettkämpfe im Alphornblaſen und Jodeln werden gefeiert, und bei letzteren betheiligen ſich gleichfalls die Mädchen. Soweit Oſenbrüggen.

Wir Deutſche, die wir in alten Zeiten manche ähnliche Sitten hatten, ſollten uns an den Schweizern ein Beiſpiel nehmen, die frühere Gebräuche, wenn ſie gut und lebens⸗ kräftig waren, conſervirend beibehielten. Es wird eine von den Aufgaben ſein, die der jetzt mehr erwachende National⸗ geiſt und Patriotismus zu löſen hat, daß man unſere wieder auftauchenden Turnfeſte allmählich in wirkliche Landesfeierlich⸗ keiten umwandelt und ſie feſt und bleibend auf hiſtoriſch er⸗ hebende Tage verlegt. Natürlich hätte man dazu eine Wahl zu treffen aus der allgemeinen deutſchen Geſchichte, nicht aus dek der einzelnen Staaten. Die Schlacht am Lechfeld über die Hunnen⸗Magyaren, die Krönung Rudolf's von Habsburg, die Völkerſchlacht bei Leipzig und ähnliche Mo⸗ mente würden ſich zu ſolchen Erinnerungstagen trefflich eig⸗ nen. Nicht ſo einzelne Momente aus geſonderten Staaten⸗