Jahrgang 
01-25 (1864)
Seite
316
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316 Rovellen⸗Zeitung. haus und ſetzte ſich zum Kartenſpiel nieder. lotte zog es nebſt den weiblichen Mitgliedern der Geſellſchaft vor, draußen zu bleiben und in ein nahe

Char⸗ nicht wieder vorkommen werde. Am 8. Mai war das Ballet auf's Neue angeſetzt. Als Charlotte aus ihrem Ankleidezimmer trat, trug ſie ein noch auffal⸗

gelegenes Dorf zu wandern. Auf dem Wege dahin lenderes Coſtüm als zuerſt. Schröder's leidenſchaft⸗ begegneten ſie einem Bauern, deſſen Pferd ein unge⸗ liche Natur gerieth bei dieſem Anblick ganz außer ſich. wöhnlich feines und zierliches Ausſehn hatte. So- Viele ſprechen von einem Vergeſſen bis zu einer Ohr⸗ gleich erwachte ihre große Reitluſt, und ſie erſuchte feige. Ließ er ſich nun auch von ſeinem choleriſchen den Beſitzer des Pferdes, ihr daſſelbe für eine an⸗ Temperament nicht bis zu dieſem Grade hinreißen, ſtändige Entſchädigung auf einige Stunden zu über⸗ ſo überſchüttete er doch ſeine Schweſter mit Vorwür⸗ laſſen. Der Bauer, den das ihm gebotene Geld fen und erklärte ihr in den verletzendſten Ausdrücken, lockte, ſchlug zu und ſtellte das Roß zu ihrer Ver⸗ daß er, wenn ſie ſich nicht beſſere, eine ſo ſcham

die Bitten ihrer Schweſter loſe Perſon auf ſeiner Bühne nicht brauchen könne.

fügung. Vergeblich waren deren ſittlichem Wandel man nichts

und ihrer Begleiterinnen, ſich doch nicht einem Pferde Charlotte, ſcheinend noch ſehr jung und weiter als Jugendübermuth nachſagen konnte und

anzuvertrauen, das anſ ſchwer zu lenken ſei. Charlotte lachte der größern die in jungfräulichſter Reinheit aus dieſem Leben Angſt und ſchwang ſich, leicht wie ein Vogel, auf den geſchieden iſt, mußte trotz ihrer heftigen Gemüthsauf⸗

Rücken des muthigen Roſſes, das wohl noch nie eine regung ihre anſtrengende Rolle im Ballet durchführen. ſo ſchöne Laſt getragen hatte. Es griff gleich mäch⸗ Die Zuſchauer, nicht ahnend, daß, während ihr Mund tig aus, und Charlotte war bald den Begriffen ihrer ſo reizend lächelte und ſie auf zierlichen Füßen gleich Begleiterinnen entſchwunden. Als das Pferd ſich einer Elfe dahinſchwebte, ſie vor Zorn und Verzweif⸗ dem heimiſchen Dorfe näherte und an der ſchwachen lung hätte laut aufſchreien mögen, verſchwendeten an

Lenkung merkte, daß ſeinem Ungeſtüm kein Wider⸗ ihren Liebling alle nur möglichen Beifallsbezeigun⸗ ſtand entgegengeſetzt werden könne, ſtürmte es von gen. aber heute zum er⸗

Die arme Charlotte hatte

der geraden Straße ab und ſeinem Stalle zu. Im ſten Mal keine Freude daran. Gleich nachdem der vollſten Galopp kam es vor der Stallthür an, die Vorhang gefallen war, eilte ſie in ihr kleines An⸗ geſchloſſen war und gegen die es mit ſeiner Reite⸗ kleidezimmer und riegelte hinter ſich zu, weil es ſie rin anprallte, ſo daß dieſe beſinnungslos zur Erde drängte, nach der furchtbaren Gemüthsaufregung mit ſtürzte. ſich und ihren Gedanken endlich allein zu ſein. Der

Als die Begleiterinnen Charlottens in dem Dorfe Vorwurf der Schamloſigkeit von Seiten eines Bru⸗ ankamen, lag Charlotte, wie es ſchien, leblos auf dem ders, den ſie ebenſo verehrte wie liebte, lag wie eine Boden, und die ſie umgebenden Bauern und Bäue⸗ Centnerlaſt auf ihrer rinnen ſtarrten ſie neugierig an, in dem kleinen Raum, und ihre gro

ſen, was ſie thun ſollten. Nachdem die Unglüͤckliche nach Schleswig gefahren war und mehrere Wochen im Bette zugebracht hatte, ſchien es, als ob ſie, wieder nach Hamburg zurückgekehrt, alle böſen Folgen ver⸗

wunden habe. ſchü zar ſtalt von Doch hatte von der gewaltigen Er chütterung zarte Geſ 1 der Finalan 4 3 zu dem ſie noch ein Gl

gab ihre glühenden Wangen und wogenden Buſen der dieſe Unvorſichtigkeit, ſich bloßen Schultern aus dem

ihr Nervenſyſtem mehr gelitten, als äußerlich zu Tage laſſen,

.: 7.. T ürzt trat. Ihr Spieleifer und die großen Einnahmen, bam ear von einem ſch 1 r dar u Wege brachten, WWard hurz f 5

die ihr jedesmaliges Auftreten zu Aps

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ließen ſie aber haͤufig auf der Bühne erſcheinen. Zu troſſen und trot aller Muͤhen de er Zeit Verdrieß⸗ ihrem achtzehnten Jahre.

Ihre erhabenen vielſeitigſten

wiederholten Malen hatte ſie in letzt

lichkeiten mit ihrem Stiefbruder gehabt, der bei ſei⸗

ner großen Decenz ſtets an ihrem Anzuge etwas ken 13, daß ſeitdenn der Rame Ch auszuſetzen fand. Am 3. Mai war ſie zum Ballet förmlich nit der Muſe der Böttcher in einer ebenſo glänzenden als extra⸗ geworden iſt.

vaganten Toilette erſchienen. Schröder ſah ſich deß halb veranlaßt, ihr den ernſteſten Verweis zu erthei⸗ len. Er ſprach am Schluſſe einer eindringlichen Er⸗

mahnung, zu der er als älterer Bruder verechtigt war, die Erwartung aus, daß dergleichen

Bruſt. Ihr ward es zu enge ohne recht zu wiſ- ße Erhitzung durch den Tanz vergeſſend, ſtieß ſie das Fenſter auf und

ihren ungeſtüm

kühlen Nachtluft preis. Doch in ſolchem Zuſtand mit Fenſter zu legen und ihre dem Nachtwinde durchwehen zu as eiskalten Waſſers hatten die traurigſten Folgen. Sie lagartigen Anfall be⸗ Arztes ſtarb ſie in

Talente rechtfertig⸗ arlotte Ackermann

der Schauſpielkunſt identiſch