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Literariſche Briefe von Otto Banck.
Friedrich Ludwig Schröder. Ein Künſtler und Lebensbild von Ludwig Brunier. Leipzig, bei Weber. 1864.
Unter den zahlreichen biograpbiſchen Werken, die jetzt von allen Seiten über das Leben berühmter Männer auftauchen, ſind nur wenige, welche ſich dem allgemeinen Intereſſe empfehlen laſſen. Sie werden in der Regel finden, daß dieſe Arbeiten ſich in oft weit abführenden Specialien verlieren oder mit zu wenig plaſtiſch friſcher, den Leſer auregender Darſtel⸗ lungsgabe geſchrieben ſind. Dennoch erfüllen ſie, bis die neuere Literatur ſich in dieſer Bahn mehr ver⸗ vollkommnet, den Zweck, wiſſenswürdige Daten mehr und mehr zu verbreiten, und behalten in ſofern, als ſie auf Wahrheit und nicht weſentlich auf hohler Er⸗ findung beruhen, immer noch mehr Werth, als die meiſten biographiſchen Romane, unter denen jetzt wieder ein tendenziöſer Wurf, William Shakeſpeare, von Heribert Rau, an die Oeffentlichkeit tritt.
Zu jenen nur halb gelungenen. und nur halb dem eigentlichen Zweck entſprechenden Büchern müſſen Sie auch das Leben des Schauſpielers Schröder rechnen.
Der Verfaſſer Brunier hat ganz Recht, wenn er die bisher erſchienenen Schriften über dieſen verdienſt lichen Mann nicht mehr ganz zeitgemäß und genü gend findet. Jedoch betrat er ſelbſt einen Weg, mit dem man ſich ſchwerlich einverſtanden erklären kann.
Friedrich Ludwig Schröder, der Freund und Mitſtrebende des unſterblichen Dichters und Kritikers Leſſing, ſteht als einer der fruchtbarſten und in ſeinem Wirken ſegensreichſten Künſtler in den Annalen der deutſchen Theatergeſchichte verzeichnet, und unſere Bühne und Schauſpielerkunſt hat Bedeutungsvolles in Fülle durch ſeine raſtloſe Kraft und Einſicht, durch ſeine hohe Begeiſterung und feine Sicherheit des urtheilen den Blickes empfangen. Wir zehren in gewiſſem Sinne an den überlieferten Früchten immer noch fort. Schröder gebörte zu den geſunden vorurtheilsloſen
Erkennern Shakeſpeare’s, und was er ſchuf oder wenig⸗
ſtens zu feſten Formen begründen half, war jene Schule elaſſiſcher Darſtellungskunſt, aus welcher, we ſentlich bis zu den dreißiger Jahren des neunzehnten. Jahrhunderts, eine Reihenfolge erhabener Künſtler beiderlei Geſchlechts hervorging. Er war keiner von Denen, welche ſich gegen die Rathſchläge der drama⸗ turgiſchen Aeſthetik abſchloſſen und heute noch mit viel mehr Anmaßung und Indifferentismus des äußer⸗ lich excellirenden Virtuoſenthums abſchließen; vielmehr fand ein richtig motivirtes Wort ſtets Zugang zu
Rovellen⸗Jeitung.
ſeiner offenen, in der Kunſt immer kindlich gebliebe⸗ nen Seele, und dieſe Hingabe an die Sache, dieſes freiwillige Zurücktretenlaſſen der Perſon, gab dem gemeinſamen Streben zwiſchen Darſtellungskunſt und Kritik jeue großen harmoniſchen Erfolge wahrer Blüthe des Bühnenlebens. So zugänglich verhielt er ſich als ausführender Künſtler und ebenſo als leitender Die rector, und hieraus erklärt ſich der gute Geiſt der Corporation, den ſeine männlich ehrenwerthe Haltung, ſein immer vorwärts ſtrebender Geiſt begünſtigten. Er hatte dabei mit einer dem heutigen Tag ſehr ähn⸗ lichen, wenn auch noch nicht ſo verzweifelt wohlorga niſirten Eitelkeit von Seiten ſeiner Mitwirkenden und Untergebenen zu kämpfen, aber er ſiegte durch das, was ein Kernpunkt in allem Wollen und beſonders auch in dem der Kunſt bleiben wird: durch ſittliche Würde und zu Grundſätzen gewordene Ueberzeugungen.
Schröder's Lebenslauf war kein ſo abenteuerlich bewegter, als der mancher anderer Künſtler neben und nach ihm; aber es fehlte in demſelben nicht an inter⸗ eſſanten Momenten und wirklich inhaltsvollen Wen dungen. Der Antheil der Leſer läßt ſich immer da am wärmſten und bleibend feſſelndſten geſtalten, wo man es zugleich auch mit einem Mann im vollſten Sinne des Worts zu thun hat. Einen ſolchen fand
die Betrachtung hier vor, und der ethiſche Halt und Unterbau war ein ſicheres Podium für die darauf vor dſtelenden Wandlungen und Geſtaltungen. So kam es darauf an, ein lebensvolles Bild zu entfalten, bei deſſen Gemälde zwar auf alle wichtigen, die Sphäre des Helden berührenden Momente der Kunſt und ihrer Geſchichte Rückſicht genommen wurde, deſſen vrganiſche Geſammtheit aber nichr durch ſich zu ſehr vordrängende Einſchiebſel und erläuternde Abſchwei⸗ fungen der Zerriſſenheit anheimfiel.
Hierin liegt für gute Biographen und alle, die es erſt werden wollen, eine Hauptſchwierigkeit. Sie müſſen die literariſche Kunſt verſtehn, dem Maler gleich, der den Hintergrund ſeiner Schöpfungen nicht in denſelben Farben und markirten Contouren wie den Vordergrund hält, alles Beiwerk, wenn auch noch ſo wichtig, als eine nebenſächliche Illuſtration, als ein Seitenlicht, einen Schlagſchatten, eine Gruppe oder Gedankenarabeske des Hintergrundes ſo darzuſtellen, daß die eigentliche Titelfigur und ibre handelnde Rolle dadurch zwar vielfach accentuirt und erklärt, aber doch nie von der Aufmerkſamkeit des Publicums ent⸗ blöͤßt wird. Ein Biograph muß ſeinen Helden immer mit dem Intereſſe des Leſers verknüpft erhalten, das heißt im Element des Lebens laſſen, denn wenn er ihn gleich einem Fiſch eine zeitlang auf das Trockene legt, um deſto bequemer die anderen Fiſchlein und


