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Noch nie hatte ich in kürzerer Zeit Toilette ge⸗ macht, als an dieſem Tage; nicht zehn Minuten hatte ich gebraucht, um mich zu coſtümiren, den Kaffee einzunehmen und das allerdings nur wenig entfernte Gerichtslocal zu erreichen.
Im Hauſe war noch Alles ruhig und ſtill. Mir fiel dies jedoch nicht beſonders auf, es barg ja einen Todten.
Als ich in das Gerichtszimmer eintrat, ſtand der Förſter vor mir. Er mußte mich haben kommen hören und mir bis zur Thür entgegen gegangen ſein. Das erſte Wort aus ſeinem Munde war wieder ein Fluch. Der Mann ſchien die Bedeutung gar nicht zu kennen.
„Millionen Schock Donnerwetter,“ ſagte er,„Sie ſcheinen beſſer geſchlafen zu haben, wie ich. Denken Sie, Aſſeſſor, die verfluchte Geſchichte hat mich kein Auge zuthun laſſen. Auch meine Hunde, die Beſtien,
haben bis lange nach Mitternacht geheult und gebellt, ſals ob die wilde Jagd auf den Beinen geweſen.“ K 4 Ich ahnte die Veranlaſſung, wollte dies aber anaicht merken laſſen; ich konnte mich ja irren und be⸗ Hmerkte daher nur: „Das kommt bei Ihnen wohl öfters vor. Viel⸗ leicht iſt ein Stück Wild in der Nähe geweſen, von dem die Hunde Witterung bekommen haben.“ „Nein, nein,“ erwiderte der Förſter eifrig,„meine Hunde ſind zu gut geſchult, die wiſſen, daß in der Nacht nicht gejagt wird. Nein, und abermals nein,“ fügte er mit Heftigkeit hinzu,„ein Gethier iſt daran nicht ſchuld geweſen. Den Spectakel hat ein Menſch veranlaßt.“ „Aber,“ erwiderte ich,„wie wollen Sie das be⸗ haupten? haben Sie Jemand geſehen?“ „Geſehen?“ verſetzte der Förſter,„ja, wenn das b wäre, da wäre der Millionenhund auch nicht ganz⸗ beinig davon gekommen.“
„Wenn Sie keinen Menſchen geſehen haben, ſo vermuthen Sie doch nur, daß ein ſolcher in der Nähe geweſen?“—
„Straf' mich, nein. Der Hektor, der nicht an der Kette liegt, der im Hofe frei umherläuft, iſt kreuz⸗
lahm. Er hat einen Hieb bekommen oder iſt mit 6 einem Steine geworfen worden. Und vor meiner Hofthür, die ich erſt vor einigen Tagen grün habe anſtreichen laſſen, iſt mit ſchwarzer, ſchmutziger Erde
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ein großes Kreuz angeſchmiert. Na, Aſſeſſor, kann das ein Thier thun?“ Meine Befürchtungen beſtätigten ſich vollſtändig. 1 Das mußten Menſchenhände gethan haben. Aber weſſen Hände? Konnte ich darüber in
Zweifel ſein? Gaben mir meine Wahrnehmungen
Novellen⸗ZJeitung.
in der verfloſſenen Nacht zur Antwort nicht eine feſte Unterlage? War denn in Beriückſichtigung dieſer Gö Umſtände eine Täuſchung auch nur denkbar? Es war dies nicht wahrſcheinlich, aber immerhin möglich. Dieſe Möglichkeit gebot mir Schweigen.
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Der Förſter hatte mir, während ich hierüber ni nachdachte, aufmerkſam und forſchend in das Geſicht geſehen. Er ſchien eine Antwort zu erwarten.
„Nun gut,“ ſagte ich daher,„Menſchenhände 6 ſollen das gethan haben; aber weſſen Hände? haben Sie dafür, alſo für die Thäterſchaft, Vermuthungen?“ b
„Heiliger Antonius!“ entgegnete der Förſter, k „haben Sie, ich meine Sie, Herr Aſſeſſor, keine Ver⸗ muthungen? Ich für meinen Theil will keine haben, i mag keine haben, ich wollte Ihnen nur Anzeige ma⸗ f chen. Vielleicht können Sie etwas thun, daß Derar⸗ tiges nicht wieder vorkommt. Ich weiß das aller⸗ dings nicht mit Zuverläſſigkeit, das iſt nur ſo eine Art von Vermuthung. Sie verſtehen mich doch?“
Der Förſter nahm Hut und Stock, reichte mir 3 die Hand, drückte dieſe derb und feſt und ging dann rie bis zur Thür. Von dort kehrte er noch einmal zu⸗ 8 rück und ſagte ernſt: 64
„Der Malefizſpitzbube macht mir, ſtraf' mich, ſ keine Angſt. Treffe ich aber den Millionenhund in 1 meinem Gehege auf falſcher Fährte, io. iſt es ſein’ 1 Unglück. Adieu, Herr Aſſeſſor!“ 4
Alſo auch der Förſter kannte den Thäter; ſeine d letzten Worte beſtätigten das. Sie ſollten ohne Zwei⸗ 1
fel eine Warnung ausdrücken und gegen mich offen⸗ 5
bar nur in der Abſicht ausgeſprochen ſein, um ſie a de den rechten Mann zu bringen. fü
Meine Stellung wurde immer eigenthümlicher. er
Ich mußte in dieſer Sache Richter, ſollte War⸗ hi ner, und mein Herz hieß mich gleichzeitig auch Trö⸗ al ſter ſein. iſ
Die Strafe konnte ich nicht erlaſſen, ich konnte W und wollte aber für den Erlaß mich verwenden, da ra viele Umſtände vorlagen, welche eine Befürwortung rechtfertigten und die Gewährung faſt mit Gewißheit 10 erwarten ließen. Ich dachte daher, daß es mir unter W dieſen Umſtänden gar nicht ſchwer fallen könnte, Troſt N zu ſpenden und von weiteren Gewaltthätigkeiten zus rückzuhalten. 3 de
Hätte ich nur vierundzwanzig Stunden in die ſe Zukunft ſehen können, ich würde ganz anders gehan⸗ delt, ganz andere Maßregeln. ergriffen haben. de
Es ſollte nicht ſein.
Geſchäfte hielten mich auf dem Gericht nicht d zurück, ich wollte daher in meine Wohnung zurückkeh⸗ ren und mit meinem Wirthe Rückſprache nehmen. b
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