Jahrgang 
01-25 (1864)
Seite
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immer, da ihr das Treppenſteigen beſchwerlich fiel, in ihrer Schlafſtube geblieben.

Walther rieth jetzt ganz nach der mittleren Etage zu ziehen; die Bibliothekzimmer ſollten zu Schlaf⸗ gemächern für Mutter und Kind eingerichtet, die Bib⸗ liothek nach dem Billard- und Muſikzimmer gebracht werden.

Dann konnte Hedwig unmittelbar den Garten ſalon und auch den Garten erreichen, zu jeder Minute die ſchöne Natur genießen.

Dieſer Vorſchlag wurde bereitwillig angenommen, und ſchon am Abend deſſelben Tages konnte Hedwig mit ihrer Kleinen die beſtimmten Gemächer beziehen. Ihre größte Freude war nun im Gartenſalon, die Thüre nach dem Perron ganz geöffnet, oder auf dieſem ſelbſt zu ſitzen. Die belebende Morgenſonne ſendete ihre vollen Strahlen auf dieſe Plätze, erfriſchte und erwärmte Alles, was ſich ihrem Bereiche nahte; Hed⸗ wig genoß dies mit wonnigem Entzücken; ſie fühlte, wie ſich dann ihre Kräfte hoben; mit leuchtenden

Augen betrachtete ſie das immer mehr erwachende Na turleben.

Im Garten ſchmückten ſchon Veilchen und Kro kus und alle die kleinen Frühlingsblumen mit ihren bunten Köpfchen die Beete auf dem ſchön gepflegten Grasplatz; auch die Bäume um den Teich hatten zum Theil ſchon Blüthen und wurden faſt mit jedem Tage grüner und grüner; überall in der ganzen Natur war Leben eingezogen, um nach dem langen Winterſchlaf mit neuer Kraft zu ſchaffen, zu erfreuen und zu ent⸗ zuͤcken.

Nur die arme Hedwig fühlte nicht ein friſches, erneutes Leben in ihren Körper zurückkehren; wenn ſie auch, während die Sonnenſtrahlen über ſie ausge⸗ breitet lagen, ſich viel kräftiger fühlte, ſo war dies doch nur ſcheinbar, denn wie die Sonne ſich ſenkte, ſanken auch ihre Kräfte. Dann und wann ging ſie, auf den Arm Eduard's geſtützt, wohl in den Garten, um einen ihrer Lieblingsplätze zu beſuchen; am liebſten aber weilte ſie des Morgens auf dem Perron und des Nachmittags am See. Hier, wo die Sonne um dieſe Zeit am heißeſten ſchien, ruhte ſie auf einem bequemen Lehnſtuhl; ein weißes duftiges Gewand umwallte ihren zarten Körper, ein Spitzenhäubchen umſchloß das feine Oval ihres Geſichts; die Durch⸗ ſichtigkeit des weißen Teints, der erhöhte Glanz ihrer Augen, umfloſſen vom Lichte der Sonne, ließen ſie wie eine Geſtalt von Luft gewebt erſcheinen.

Hier am Ufer des See's ſchweifte ihr Blick wie träumend über das ſchöne blaue Waſſer nach den nahen und fernen Bergen. Dann kam für Hedwig

die ſchönſte Zeit; ihr Töchterchen wurde ihr gebracht;

Novellen⸗Zeitung.

1 ſie nahm es dann in ihre Arme und konnte nicht 3 müde werden, das kleine, reizende Geſchöpf zu be⸗ 1 trachten. Wie freute ſie ſich, wenn die Kleine dann ihr Mündchen zum Lächeln verzog und die Mutter ſel mit ihren großen Augen anſchaute! Kam dann noch

mi Toni, kniete vor Hedwig nieder und ſpielte mit ſeiner ein geliebten Schweſter, wie er ſie nannte, und brachte we ſie dann zum Auflachen; lehnte ſich Eduard dann über e die Lehne des Stuhls, um ſich an der lieblichen Gruppe r vor ihm zu erfreuen: dann fühlte ſich Hedwig ſo glücke d lich, ſo beſeligt. b

Wenn man die junge Mutter mit ihren freudig belebten Zügen, dem roſigen Schein auf ihren Wan⸗ gen, den hellſtrahlenden Augen ſah, o! dann, dann V ahnte man nicht, welche dunkle Macht dieſes Glück zu zerſtören trachtete!(Fortſetzung folgt.)

ei

Ju

Der Schützenkönig. 1 me

(Fortſetzung.) 3

Dieſe Fragen hatten ſich mir in raſcher Folge aufgedrängt, als das Mädchen zu mir in die Stube trat. Ich ließ ſie nicht zu Worte kommen.

Wo, fragte ich,iſt Dein Herr? di

Er iſt fortgegangen. e

Hat er, fragte ich weiter,nicht geſagt, wohin er hat gehen wollen? 1

Nein.

So gehe Du hinunter und ſage dem Stadt⸗ muſikus, daß die Mutter geſtorben ſei, und daß er* ſich deshalb entfernen möge. 3

Ach, verſetzte das Mädchen,das habe ich ſchon gethan, es hat mir aber Nichts geholfen. Der Mann ſagt, er müſſe Muſik machen, er habe das lb ſchriftlich. lf

Die Muſiker mußten fort, ſie durften nicht auf⸗ er ſpielen, ich mußte das verhindern. Es koſtete indeß

auch mir viel Worte, ehe es mir gelang, die Leute ½ 5 zum Auseinandergehen zu bewegen. As

Als die Straße wieder frei, die Ruhe wieder bergeſtellt war, rief ich das Mädchen. Zehn Uhr war bereits durch. Auf meine Frage erklärte ſie,

daß ihr Herr noch immer nicht zurückgekehrt ſei. Sie fügte hinzu: t Sagen Sie nur, Herr Aſſeſſor, was paſſirt iſt. 9 Ich fürchte mich in dem alten Hauſe. Die Mutter liegt noch im Bett. Wenn ich nur wüßte, was ich thun ſollte. Am Ende iſt dem Meiſter damit meinte g

ſie ihren Herrnein Unglück begegnet. Er ſah ganz