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Novellen⸗Zeitung.
allgemeine Liebe und Verehrung, die ihrem geliebten Gatten von Alt und Jung entgegen gebracht wurde, bemerkte! Welch ſchönes Benehmen hatte er aber auch gegen dieſe; mit einer jedes Herz gewinnenden Freundlichkeit erkundigte er ſich, wie es ihnen ginge, wie ihre Felder ſtänden, ob ſie mit der Ernte zu⸗ frieden, ob ihnen kein Stück Vieh gefallen, ob ſie auch keine liebe Perſon während ſeiner Abweſenheit verloren. Denen, die Unglück und Trübſal gehabt, ſagte er, ſie ſollten nur zu ihm kommen, er wollte dann mit ihnen überlegen, was zu thun ſei; ſo viel er könne, würde er helfen.
Nach Verlauf von einigen Tagen wurden die irdiſchen Ueberreſte des alten Barons in der Gruft ſeiner Ahnen mit großer Feierlichkeit beigeſetzt. Nach den Familienvorſchriften ſollte, nachdem die Gruft den letzten männlichen Sproß aufgenommen, dieſelbe zu⸗ gemauert werden. Doch dieſem widerſetzte ſich Hed⸗ wig; ſie wollte noch an den Särgen ihrer geliebten Eltern beten können.„Dies kann geſchehen, wenn ich todt bin,“ ſagte ſie traurig.
Bei dieſen Worten, die Eduard wie eine traurige Prophezeiung klangen, überfiel ihn eine Angſt, daß er Hedwig vor der ganzen Verſammlung in die Arme nahm und faſt verzweiflungsvoll ausrief:
„Du meine Hedwig, Du mein Schutzengel, darfſt nicht von mir genommen werden; verſprich mir nicht von mir zu gehen.“
Weinend verſicherte ihm Hedwig, daß ſie, ſo lange es ihr Gott geſtatten würde, nur zu gern bei ihm bliebe.
Dies ſchien Walther zu beruhigen, und da jetzt auch der Pfarrer noch einige herzliche ergreifende Worte ſprach, darauf die Leiche in die Gruft, die keinen Todten wieder aufnehmen durfte, einſegnete, ſo erhielt er ſeine ruhige Faſſung wieder, vermochte auch den Wirth bei dem unvermeidlichen nun folgen⸗ den traurigen Leichenmahle zu machen.
Hedwig zog ſich nach ihrem Zimmer zurück, um mit ihrem Schmerze allein zu bleiben.
Nach dieſer letzten Ehre, die ſie dem Vater er⸗ wieſen, begann das junge Paar ſeine Zeit einzuthei⸗ len. Walther widmete ſich wieder mit ganzer Liebe und großer Thätigkeit ſeiner Beſitzung. Hedwig über⸗ nahm die Oberaufſicht der ganzen inneren häuslichen Wirthſchaft; ſie war gleich ihrem Manne früh auf, und wie man ihn auf Feldern und Wieſen, in den Ställen ſah, ſo erblickte man ſie in Milch- und Vor— rathskammer. Waren dieſe häuslichen Geſchäfte für den Tag beſeitigt, ſo beſorgten ſie ihre Schreibereien und Rechnungen; dann vereinigten ſie ſich, beſprachen dann Alles und überlegten, wie den armen Kranken
und Bedürftigen am beſten und zweckmäßigſten Hülfe und Erleichterung ihrer Leiden geſchafft werden könnte.
Hedwig ſah man faſt täglich in die Hütten der Armuth und der Leiden gehen, und überall, wo ihr Fuß hintrat, ſchien neues Leben, neuer Segen zu erſtehen.
So wie ſie von den Dorfbewohnern geliebt und verehrt wurde, ſo wurde ſie es auch von ihrer ganzen Dienerſchaft. Brigitte, Carl, Johann beteten ſie faſt an,
Die Erſtere nahm dieſelbe Stelle bei der jungen Frau ein, wie ſie es früher bei dem jungen Mädchen gethan. Nur hatte ſie jetzt noch für die Bedürfniſſe des kleinen Toni zu ſorgen.
Carl, der in ſeiner Jugend die Kunſtgärtnerei erlernt, war von Eduard zum Obergärtner ernannt.
Er that Alles, um ſich die Zufriedenheit ſeines ſo gütigen Herren zu erwerben; die ſchönſten Blumen zog er für ſeine Herrin, die ſchönſten Früchte und Gemüſe für ſeine Herrſchaft.
Der treue Johann ſollte ſeine alte Stellung be— halten; er liebte ſeine gnädige Frau faſt eben ſo, wie ſeinen Herrn, und auch den kleinen Toni hatte er in ſein Herz geſchloſſen.
Dieſer erwiderte dieſe Neigung. Wenn er nur konnte, war er bei Johann; alle ſeine kleinen Kümmer⸗ niſſe, alle ſeine Freuden theilte er ihm mit. Der Knabe gedieh an Körper und Geiſt.
Hedwig und Eduard liebten ihn herzlich und
ſorgten für ihn, als wenn es ihr eigen Kind geweſen wäre. Er bekam nun Unterricht bei'm Schullehrer des Dorfes und mit dem fünfjährigen Oskar, dem Sohne des Paſtors, auch einzelne Stunden bei demſelben. Unterricht in der Muſik und im Zeichnen gab ihm Hed⸗ wig ſelbſt; zu Beidem hatte er viel Anlage; ſie er— freute ſich an ſeinen Fortſchritten; ſie war unendlich ſtolz, wenn ſie mit ihrem kleinen Schüler ihrem Eduard ein leichtes vierhändiges Stückchen vorſpielen, ihm eine kleine nach der Natur gezeichnete Landſchaft zei⸗ gen konnte. Mit dem Pfarrhofe verkehrte die Gutsherrſchaf ſehr freundſchaftlich; auch mit dem Dr. Grün un ſeiner liebenswürdigen Frau ſahen ſie ſich häufit ſonſt hatten ſie faſt gar keinen Umgang. Sie warg ſich ſelbſt genug; ihre vielſeitigen Kenntniſſe un Talente verkürzten ihnen auf alle mögliche Weiſe 3 Zeit.
Wenn ſie des Abends allein waren, ſpielte und ſang Hedwig, was ihren Mann immer mit neue Entzücken erfüllte, oder Eduard las ſeiner Frau er belehrendes Buch vor, worüber ſie nachher ihre ch ſichten austauſchten. Der helle Verſtand und


