Jahrgang 
01-25 (1864)
Seite
307
Einzelbild herunterladen

Imts⸗ dach⸗

=

Vierte

Auch Hedwig vermochte nicht das junge, dazumal funfzehnjährige Mädchen, welches ihr als achtjährigem

Kinde ſo ſehr ſtattlich erſchienen, in der jetzt vor ihr

ausſehenden Frau wiederzuerkennen. Sie erwiderte die Begrüßungen des Paſtorenpaares ſehr freundlich, doch ſagen konnte ſie nur ſehr wenig, das Herz war ihr zu voll.

Schmerz und Freude drangen mit ſtürmiſcher

Gewalt auf ſie ein, und als ſie die Zimmer betrat, wo ihre geliebte Mutter, ihr theurer Vater geweilt, g

wo ſie als fröhliches Kind geſpielt, getanzt und gelacht hatte, als ſie jetzt Alles ſo wie dazumal eingerichtet ſah, da fiel ſie ihrem Manne um den Hals, um ihm zu danken.

Nachdem ſich die Paſtorin überzeugt, daß auch für die leiblichen Genüſſe alles beſorgt und vorberei⸗ tet ſei, empfahl ſie ſich mit ihrem Manne, weil ſie fühlten, daß das junge Paar gewiß am liebſten mit ſich allein ſein würde.

Als ſich Hedwig gefaßt und ausgeruht hatte,

wollte ſie Alles ſehen. Am Arme ihres geliebten

Mannes durchſchritt ſie das ganze Haus; Alles war

ihr darin noch wohl bekannt, denn ehe noch Walther die Thüren öffnete, wußte ſie ſchon immer, welche Tapete das Gemach haben müſſe, ob es groß oder klein ſei. Ebenſo wußte ſie auch auf dem Gutshofe Beſcheid, und den alten Verwalter, der ſchon zu ihres Vaters Zeiten hier gewirthſchaftet, ſie als Kind ge⸗ kannt, entzückte ſie förmlich, als ſie ihn an den Schim⸗ mel, worauf er ſie ſo oft hätte reiten laſſen, an die ſchöne braune Nanni, ſeine beſondere Lieblingskuh, erinnerte. Bei dieſer Rundſchau fühlte ſich Hedwig

ſo glücklich, wie ſie es nach dem Tode ihrer Eltern nie

für möglich gehalten hätte, ſein zu können. An der

Seite ihres ſo heiß geliebten Mannes, in ihrem ſo 5

unendlich theuren Reichheim, wo der Geiſt der theu⸗ ren Abgeſchiedenen ſie umſchwebte, wieder ſein zu können, es wieder ihr Eigen nennen zu dürfen, gab

ihrem Herzen ein unbeſchreiblich ſchönes, beruhigen⸗

es Gefühl.

Und wie beglückt fühlte ſich Walther, als er von en Lippen ſeiner Hedwig ſolche Verſicherungen hörte, a ihren ſeelenvollen Augen die Beſtätigung dieſer ſas! In dieſer Freude vergaß er alles; die entſetzliche Vergangenheit erſchien ihm als nicht dageweſen. Im Hauſe blieb Alles ſo, wie es Eduard einge⸗ richtet; der große Saal war ganz nach engliſchem Heſchmack mit vielen Ruhe⸗ und Arbeitsplätzen zum

Folge. 307

Thür erweitert worden; durch dieſe trat man in den Wintergarten, der mit den ſeltenſten tropiſchen Ge⸗

wächſen angefüllt war. Der mittlere Raum war frei ſtehenden kleinen, zwar noch jugendlich, doch behäbig

geblieben, damit die ſchöne Ausſicht auf den See und die Berge dem Auge unbenommen bliebe. Rechts vom Saale war das Wohnzimmer von Hedwig mit den Möbeln ihrer Mutter und ganz, wie ſie es ſchon als Kind gekannt, geordnet; neben dieſem war ein reizendes Boudoir für die junge Frau nach den von Eduard geſandten Zeichnungen und Anordnungen ein⸗ gerichtet und durch den Paſtor Weimuth auf's Ge⸗ treueſte ausgeführt worden. Auf der linken Seite des Saales war Walther's Arbeits⸗ und Studirzim⸗ mer, dabei ein Cabinet, wo er die Männer, die in Geſchäften zu ihm kamen, und ſeine eigenen Dienſt⸗ leute empfing. Dieſem gegenüber, nur durch den Corridor getrennt, war eine Garderobe für Eduard und die Bibliothek; aus dieſem kam man in den Gartenſalon, der ebenfalls ſehr hübſch eingerichtet war. Hier wurde gefrühſtückt und des Abends der Thee eingenommen; von dieſem gelangte man in's Billard⸗ und von hier in's Muſikzimmer, und das daran ſtoßende kleine Gemach war nur für den klei⸗ nen Toni beſtimmt; da konnte er ſein Weſen treiben und war immer unmittelbar bei Hedwig. Im obern Stock war ein großes Zimmer zum Schlafgemach des jungen Paares mit Eleganz, Wohnlichkeit und Bequem⸗ lichkeit eingerichtet; daneben war Toni's Schlafcabi⸗ net, ſehr einfach aber nett mit allem Nöthigen aus⸗ geſtattet; daran ſtieß Brigittens Stube. Im untern Stockwerk war ein Eßſaal und für den Winter eine Eßſtube; außerdem füllten Logirzimmer und zwei Ge⸗ mächer für Johann und Carl den Raum aus; im Souterrain war die Küche, die nöthigen Vorrathsräume und die Zimmer für die ſämmtliche Hausdienerſchaft.

Alles dies war nun von Hedwig in Augenſchein genommen; ſie war von Allem entzückt und tief ge⸗ (rührt von den Aufmerkſamkeiten ihres Gatten. Sie nahmen jetzt das Abendbrod ein, gingen noch ein⸗ mal den Garten durch und begaben ſich dann zur Ruhe.

Am andern Morgen beſuchte Hedwig den Pfarr⸗ hof, die Kirche; ſie betete innig an dem Sarge ihres Vaters und ging zu den Leuten, die ſie noch von ihrer Kindheit her kannte. Rührend war es, wie ſie ſich alle freuten, ſie wieder zu ſehen; jeder wollte ſie als 8* gekannt, ihr irgend einen kleinen Dienſt erwie⸗ ſen haben; jeder hatte ein Wort der Freude, ſie nun wieder als liebe Herrin zu haben; aber auch manches

gemelnen Wohnzimmer eingerichtet, wo Eleganz und Wort der herzlichſten Theilnahme ging über die Lip⸗ hemüthlichkeit vereinigt herrſchten; ein Greenhouſe pen der biedern Männer und Frauen.

ir noch angebaut, das mittelſte Fenſter war zur

Wie innig beglückte es aber Hedwig, als ſie die ᷣ‿