Jahrgang 
01-25 (1864)
Seite
306
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Eduard wollte, daß die Sachen, die Hedwig von denen ihrer Eltern zu behalten wünſchte, von Bri⸗ gitte und Carl eingepackt und nach Reichheim geſandt würden, damit, wenn Hedwig dort einträfe, ſie ſchon alle ſo geſtellt fände, wie ſie es früher dort als Kind geſehen. Durch Hin⸗ und Herfragen hatte Walther von ſeiner Gattin erfahren, welche Zimmer ihre Eltern in Reichheim bewohnt; dieſe ſollten nun mit den ihr ſo theuren lieben Gegenſtänden geſchmückt werden, damit ihr Herz nicht gleich beim erſten Eintreten in ihre liebe, alte Heimath durch ſo viele Verände⸗ rungen verletzt würde. Eduard hatte den Pfarrer Weimuth gebeten, dies zu übernehmen, und ſo konnte er wohl ſicher darauf hoffen, daß Alles nach ſeinen Wünſchen beſorgt und ausgeführt werden würde, be⸗ ſonders da er wußte, daß die Paſtorin ſich noch Alles gut erinnerte, wie ſie es früher bei der Familie von Rothenfels ſo oft geſehen hatte.

Aus dieſem Grunde hatte er Diener und Die nerin vorausgeſandt, ſie ſelbſt reiſten langſamer, blie⸗ ben auch an einigen Orten, die ihnen ihrer hübſchen Lage oder anderer Merkwürdigkeiten wegen auf⸗ fielen, einige Tage; doch wie Alles ſein Ende erreicht, ſo näherten ſie ſich auch endlich dem Ziele ihrer Reiſe.

Je näher ſie Stuttgart kamen, je bewegter wurde Hedwig; alle die Erlebniſſe, die ſie in den drei Mo⸗ naten ihrer Abweſenheit erfahren, ergriffen ſie mit der ganzen Macht der Erinnerung. Als ſie jetzt die Stadt, die Wohnung ihres Vaters erreichte, zitterte ſie ſo, daß Walther ſie aus dem Wagen mehr trug, als führte. Als ſie die Zimmer, wo ihr Vater ſo lange gewohnt, wiederſah, war ſie ſo ergriffen, daß Stunden vergingen, ehe ſie ſich zu faſſen vermochte.

Eduard begann ſchon am andern Tage den Nachlaß des Geheimraths zu ordnen; er fand hier viel Unordnung. Der alte Herr hatte ſeinen Pri⸗ vatangelegenheiten nie beſondere Aufmerkſamkeit ge⸗ widmet; ſeitdem er aber den ſchon lange geführten Proceß mit einem ſeiner Verwandten mütterlicherſeits verloren, hatte er Alles gehen laſſen, wie es gewollt; dies war nun auch der Grund, daß gar kein Vermö⸗ gen vorhanden. Es fand ſich an baarem Nach⸗ laß nicht ſo viel, um die noch unbezahlten Rech⸗ nungen zu berichtigen. Walther that dies ohne Zö⸗ gern aus ſeinen eigenen Mitteln, verſchwieg dies aber Hedwig, ſagte ihr ſtatt deſſen auf ihr Befragen, daß er mit dem vorgefundenen Geld hätte Alles ordnen können; es wäre zwar kein Ueberſchuß geblieben, doch dies thue nichts, und er fügte lächelnd hinzu:Du und ich haben ja doch genug.

So große Unordnung in den Privatpapieren des

306 Rovellen⸗Zeitung.

Barons herrſchte, ſolche Ordnung war in den Amts⸗ acten. In Eduard's Gegenwart ſah ſie der Nach⸗ folger des Geheimraths durch und übernahm ſie; auch die Caſſe, die damit verbunden geweſen, war in ſtrengſter Ordnung.

Als das Geſchäftliche beſorgt, bat Hedwig ſo bald als möglich abzureiſen. Sie ſehnte ſich nach Reichheim; in Stuttgart gab es für ſie nur traurige Erinnerun⸗ gen, keine Freundin hielt ſie zurück. Die Beſuche der wenigen Bekannten, die ſich nur in Beileidsbezeigun⸗ gen über den Verluſt des Vaters und in Glückwünſchen über ihre ſo glückliche Verheirathung wiederholentlich erſchöpften und weder Theilnahme, Mitgefühl, noch Freude dabei empfanden, waren der jungen Frau ſo peinigend, daß ſie denſelben möglichſt bald zu ent⸗ gehen wünſchte. Da Eduard auch ſchon die Benach⸗ richtigung vom Paſtor Weimuth erhalten hatte, daß Alles zu ihrem Empfange bereit, auch daß Johann mit der Leiche eingetroffen und dieſe vorläufig in die Kirche geſtellt ſei, ſo hielt ſie nichts mehr in Stuttgart.

In zwei Wagen traten ſie wieder ihre Reiſe an und nach einigen Tagen erreichten ſie ihr Reichheim. Um den Empfangsfeierlichkeiten von Seiten der Dorf⸗ gemeinde zu entgehen, hatte Eduard den Tag der Ankunft nicht beſtimmt; doch da der Pfarrer ſie in dieſen Tagen ſicher zu erwarten glauben konnte, ſo war er jeden Nachmittag mit ſeiner Frau nach dem Herrenhauſe gegangen, um dort, wenn die Langer⸗ ſehnten einträfen, gleich zugegen zu ſein. Endlich er⸗ tönten eines Tages gegen Abend Poſthörner, und nach einigen Minuten bogen zwei Wagen von der Chauſſee nach dem Garten hinein und hielten am Fuße der Gartentreppe.

Weimuth trat ſchnell zum Wagen, wollte aber

kaum ſeinen Augen trauen, als er Walther erblickte. Als ein recht kranker, leidender, trauriger Mann war er fortgegangen, und jetzt begrüßte der Paſtor einen ſchön, kräftig, glücklich ausſehenden. Er ſprang aus dem Wagen, die beiden Männer umarmten ſich herzlich; Eduard hob die zitternde Hedwig aus dem Wagen und führte ſie der Paſtorin mit den Wor⸗ ten zu:

Hier bringe ich Ihnen meine theure Hedwig! Sie haben ſie ſchon als Kind geliebt, jetzt werden Sie ſie aber noch viel mehr lieben.

Die Paſtorin begrüßte die junge Frau ſehr herz⸗ lich; doch wurde es ihr ſchwer in dieſer hohen und zarten Geſtalt, in dieſen feinen, bleichen, jetzt ſo be wegten Zügen, in den thränenfeuchten Augen das ihrem Geiſte noch ſo deutlich vorſchwebende heitere Kind mit dem roſigen Geſichtchen und den ſchelmiſch lächelnden Augen wieder zu erkennen.

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