Jahrgang 
01-25 (1864)
Seite
302
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häute geſchlagen, auf denen die Wurzeln und Blätter eines Weinſtockes mit weißer Farbe abgebildet waren. Außerdem fand man noch Tuch, ein Paar Mokaſſins und einen Sack mit Kopfzierrathen von Adlerfedern, Adlerklauen und Reh⸗ kalbhufen auf Schnüre gezogen bei der Leiche. Der Körper war mumificirt gut erhalten, das Haar roth und nur einige Linien lang, an den Rippen bemerkte man eine Wunde.

ie Führer haben hier eine kleine Schankoirthſchaft errichtet, in der man ſelbſt Zeitungen findet. Einen Han⸗ delsartikel bilden naturwiſſenſchaftliche Gegenſtände; ſo ver⸗ kauft man hier angeblich foſſile Knochen, und in einem klei⸗ nen Waſſertümpel ſind in lebendem Zuſtande die merkwürdi⸗ gen Bewohner der Höhlengewäſſer, die Siredons, Batrachier mit Fiſchleib und Froſchfüßen, und eine kleine blinde Fiſch⸗ art, Cyprinodon, zu ſehn. Sie ſind dieſer Höhle ebenſo eigenthümlich, wie der durchſcheinende fleiſchfarbene Molch der Adelsberger Grotte in Krain.

Die Geiſterkammer hat auch ihre ſtändigen menſchlichen Bewohner, welche ſich in kleinen Zellen längere oder kürzere Zeit hier aufhalten. Es ſind Wiedergeneſende oder Bruſt⸗ kranke, die von den Aerzten in die Grotte geſchickt werden, weil die ſalpetrige Ausdünſtung derſelben einen heilſamen Einfluß haben ſoll.

Von der Geiſterkammer führen einige Stufen nach ei⸗ ner alten Holzbrücke. Sobald man über ſie hinweggeſchritten iſt, kommt man in einen Gang, der ſich mehrmals hin- und herwindet, ſo daß man eine geraume Zeit braucht, um an das Ende zu gelangen, während die gerade Linie ſehr kurz iſt. Dieſer Weg heißt das Labyrinth, am Ende wird er immer niedriger, ſo daß man auf Händen und Füßen faſt platt auf dem Bauche kriechen muß. In dieſemWege der Demuth darf man den Kopf nicht erheben. Nachdem man dieſen Weg durchkrochen, tritt derTeufelsſtuhl, eine Art Balkon, dem Beſucher entgegen; nicht weit davon befindet ſich eine fenſterartige Oeffnung in der Felſenwand. Wenn man mit der Fackel hinein leuchtet, ſieht man einen nach oben und unten im Dunkel ſich verlierenden Schlund, in welchen das Waſſer hineinſickert. Es iſt dies derbodenloſe Abgrund. Um ſeine Tiefe recht anſchaulich zu machen, werfen die Füh⸗ rer große Ballen ölgetränkten Papiers brennend hinein, dieſe ſinken allmählich hinab, ſind noch lange zu ſehn, bis ſie win⸗ zig klein wie ein Stern werden, und verſchwinden endlich ganz. Noch Niemand hat dieſen Abzugscanal unterirdiſcher Waſſer ausgemeſſen, aber mehr als eine ſchauerliche Sage knüpft ſich an ihn, und jeder ſchwarze Führer giebt eine neue zum Beſten, die ſich gewöhnlich darum dreht, wie ein armes lieben⸗ des Sclavenpaar von grauſamen Weißen getrennt werden ſollte, ſich aber, um auf ewig vereinigt zu bleiben, in dieſen Schlund ſtürzte. Onkel⸗Tom⸗Uebertreibungen gehören zu den obligaten Schaudererzählungen in der Mammuthhöhle.

Auf⸗ und abwärts ziehende lange Gänge, die oft von kleinen Gemächern unterbrochen werden, führen endlich in den Mammuth⸗ oder Rieſendom, der eine Höhe von 500 Fuß hat und mit ſeiner ungeheuren Kuppel einen weit aus⸗ gedehnten Raum überwölbt. Wenn man nicht an verſchie⸗ denen Stellen große mit Oel getränkte Papierballen anzün⸗ det, dann iſt es unmöglich, die ganze rieſenhafte Ausdehnung dieſes unterirdiſchen Domes zu überblicken; auch er verliert ſich in der Dunkelheit, und der Menſch fühlt ſich verſchwin dend klein in dieſem abgeſchloſſenen Raume, der an Größe alle durch menſchliche Kunſt entſtandenen Bauwerke über⸗ trifft.

An den Mammuthdon ſchließt ſich die Sternenkammer,

Novellen⸗eitung.

eine dunkle Wölbung, die mit einer glitzernden Subſtanz gleichſam überzogen iſt. Bei richtiger Beleuchtung funkeln einzelne Punkte im dunklen Grunde auf, und man meint, den geſtirnten Himmel vor ſich zu haben. Dieſes Schauſpiel, welches die Mammuthgrotte einzig in ihrer Art aufweiſt, läßt Alles hinter ſich, was man von derlei Beleuchtungen ſehen kann. Bis jetzt bot die Höhle nur Abwechſelungen von Grotten, Kammern und Gängen, aber im weitern Ver⸗ lauf derſelben trifft man kleine Seen und Flüſſe in ihr an. Zunächſt das Todte Meer. Den Eingang zu demſelben bil⸗ den großartige, ſäulenförmig gebildete Stalaktitenmaſſen. Den Ausgang des Todten Meeres durchſtrömt der kleine Fluß Styx, der ſich zuletzt in Felſenritzen und Schluchten verliert. Geſpeiſt werden dieſe unterirdiſchen Gewäſſer ſowohl durch eindringendes Regenwaſſer, als durch Quellen. Der Abfluß geſchieht durch verborgene in den Green River mündende Canäle. In dieſen Gewäſſern fängt man die eigenthümli⸗ chen blinden Fiſche und Siredons, welche wir bereits erwähnt haben.

Auf dem Todten Meere und dem Styx fahren kleine Boote umher. Die Fackeln werfen ihr magiſches Licht über die Waſſerfläche und die von Stalaktiten überzogenen Felſen⸗ wände. Wenn man zum Bootsmann einen recht häßlichen Neger hat, kann man wähnen, daß man den Schiffsmann der Alten, dentrauten Charon, vor ſich habe, dem man den letzten Obolus zahlt, um über den Fluß der Todten zu fahren. In der Mitte des Styx iſt ein Wirbelſtrom, der durch einen unterirdiſchen Abzugscanal verurſacht wird, in welchem ſich ein Theil des Waſſers verliert.

Nachdem man eine halbe Stunde auf dem Styr gefah⸗ ren iſt, macht man gewöhnlich bei einer Sandbank Halt, die der Fluß angeſchlemmt hat, und an der man deutlich die An⸗ ſchwemmungen erkennen kann, welche ſich nach dem jewei⸗ ligen Waſſerſtande gebildet haben. In der Nähe dieſer Sandbank iſt eine kleine Schwefelquelle, deren Einfaſſung mit den herrlichſten Blumen überdeckt ſcheint; dieſe beſtehen aus den verſchiedenen Niederſchlägen und Efflorescenzen, welche ſich aus der Quelle gebildet haben, und ſelbſt ein proſaiſcher Reiſender kann ſich der Wahrnehmung nicht ent⸗ ziehen, daß er wirkliche Blumen vor ſich habe; ſo täuſchend hat die Natur ſie geformt.

Der nächſte Abſchnitt der Grotte heißt der Schneeball⸗ ſaal. Im Lichte der Fackeln erſcheint er blendend weiß, da er mit ſchneeballartigen, kryſtalliniſchen Auswüchſen ganz bedeckt iſt. Durch eine tief aufgeriſſene Schlucht führt ein Weg nach der Feengrotte, die ja in keiner irgend bedeutenden Höhle fehlen darf. Aber der Anblick dieſer Feengrotte dürfte wohl alles Wetteifernde überbieten, ſo herrlich wölben ſich die aus Stalaktiten geformten Säulen zu kühn geſchwun genen Bogen zuſammen; ſie gewähren einen in der That feenhaften Anblick. An allen Wänden ſickert im Fackelſchein glitzerndes Waſſer herab, und nur die herabfallenden Tropfen unterbrechen mit ihrem eintönigen Schall die Todtenſtille. Im Hintergrunde ſteht eine Palmengruppe, deren luftig ge⸗ ſchwungene Wedel vom Winde bewegt erſcheinen, ſo graciös ſind ſie gebildet von der Natur aus dem ſtarren Geſtein. Hinter ihnen rauſcht eine Quelle aus dem Felſen über Stein⸗ blöcke hin. Hätten die Palmen natürliche Farben, und läge der Sonnenſchein der Tropen auf dem ganzen Bilde, man würde glauben, eine Oaſe in der Wüſte vor ſich zu ſehen.

Die Feengrotte gehört zu einem der entfernteſten Punkte der Höhle, denn ſie liegt vier deutſche Meilen vom Eingange entfernt. Wenn man Alles, was auf dem Wege bis dahin

die 2 Rive⸗ des