Mein Wirth begleitete uns.
Die Einzelnheiten der Unterhaltung, welche in meinem Zimmer geführt wurde, will ich nicht wieder— geben. Es wird genügen, wenn ich bemerke, daß mein Wirth zugeſtand, den Diebſtahl ausgeführt und bei der Ausführung meine Stiefeln benutzt zu haben.
Er gab an, daß er durch die Krankheit ſeiner alten Mutter in große Noth gekommen und durch dieſe zur That verleitet ſei; er wollte Erſatz leiſten und bat mich zuletzt ſogar fußfällig, ſeine That zu verheimlichen, ihn nicht zu brandmarken, nicht für immer unglücklich zu machen und in Verzweiflung zu ſtürzen.
Der Förſter, dieſer alte, eiſenfeſte Mann, war tief bewegt. Er wollte ſeine Anzeige zurücknehmen und über Alles Stillſchweigen beobachen.
Ich konnte und durfte das nicht thun, ich mußte die Unterſuchung einleiten, das Holz, ſoweit daſſelbe ſich noch vorgefunden hatte, in Beſchlag nehmen, den Dieb der geſetzlichen Strafe nicht entziehen.
Unter den obwaltenden Umſtänden konnte das hart erſcheinen, es war aber von meiner Seite nicht zu ändern.
Als ich meinem Wirthe dies erklärt hatte, hörte er auf zu bitten. Er unterſchrieb haſtig das von mir aufgenommene Prootokoll und eutfernte ſich darauf, ohne noch ein Wort zu ſagen.
Auch der Förſter ging fort.
Ich war allein mit meinen Gedanken, die ſich unausgeſetzt mit meinem Wirthe beſchäftigten.
Etwa eine Stunde mochte ich ſo ſtill geſeſſen haben, als auf der Straße ein ganz ungewöhnlicher Lärm entſtand. Ich hörte eiliges Laufen, die Thü⸗ ren haſtig aufreißen und ein lautes, wirres Durch⸗ einanderſchreien, erſt entfernt, dann näher und immer näher kommend und endlich vor meinem Hauſe Halt machend.
Dieſer Lärm verſetzte mich unwillkürlich in eine fieberhafte Aufregung, denn ich glaubte die Entſtehung deſſelben in einer gewaltthätigen Handlung meines Wirthes, entweder gegen ſich ſelbſt, oder gegen den Förſter, ſuchen zu müſſen und befürchtete, daß der Haß, den ich aus ſeinen Augen herausgeleſen hatte, ſchon Frucht getragen habe, die Rache bereits ge⸗ ſühnt ſei.— Was konnte der Auflauf denn auch anders bedeuten?
Ich trat an das Fenſter, erblickte unter mir die Straße voller Menſchen, groß und klein, Kopf an Kopf, die ſich durch einander drängten, gegenſeitig ſtießen und pufften und dabei ſo laut, aber auch ſo verwirrt ſchrieen, daß kein Wort zu verſtehen war.
Novellen⸗Zeitung.
Mit einem Male ertönte aus dem Menſchen⸗ knäuel heraus ein Schlag mit ſo furchtbarer Gewalt, daß die Fenſter klirrten und ich erſchrocken zuſam⸗ menfuhr, unmittelbar darauf aber über meine Angſt und über meinen Schreck laut lachen mußte.
Der Schlag war nämlich auf die große Trom⸗ mel des Stadtmuſikus gefallen und ſollte anſcheinend eine Aufforderung zur Ruhe und Aufmerkſamkeit dar⸗ ſtellen, denn nach einer kleinen Pauſe ertönte ein zweiter Schlag, und bald darauf gab auch die Poſaune ein Lebenszeichen von ſich.
Das gab vollends Aufklärung.
Der Stadtmuſikus hatte ſich vor dem Hauſe ein⸗ gefunden, um dem Schützenkönig eine Abendmuſik zu bringen.
Hatte er noch nicht erfahren, daß der Schützen⸗ könig ein Dieb war? Hatte er auch davon noch keine Kenntniß, daß das Haus ein Sterbehaus war, daß die Ruhe der Todten nicht geſtört werden durfte? Und wo war der Beſitzer des Hauſes, der zugleich Leidtragender, Dieb und König war? Weshalb hin⸗
derte er das Vorhaben nicht?(Fortſetzung folgt.)
Gedicht von Theodor Storm*).⸗
Abſchied. 1853. Kein Wort, auch nicht das kleinſte, kann ich ſagen, Wozu das Herz den vollen Schlag verwehrt; Die Stunde drängt, gerüſtet ſteht der Wagen, Es iſt die Fahrt der Heimath abgekehrt.
Geht immerhin— denn eure That iſt euer— Und widerruft, was einſt das Herz gebot;
Und kauft, wenn dieſer Preis euch nicht zu theuer, Dafür euch in der Heimath euer Brod!
Ich aber kann des Landes nicht, des eignen, In Schmerz verſtummte Klagen mißverſtehn; Ich kann die ſtillen Gräber nicht verleugnen, Wie tief ſie jetzt in Unkraut auch vergehn.—
Du, deren zarte Augen mich befragen,— Der dich mir gab, geſegnet ſei der Tag! Laß nur dein Herz an meinem Herzen ſchlagen, Und zage nicht! Es iſt derſelbe Schlag.
*) Aus: Gedichte von Theodor Storm. Vierte vermehrte Auflage, Berlin, Verlag von Heinrich Schindler.


