Jahrgang 
01-25 (1864)
Seite
299
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Vierle Die Der Förſter begleitete mich in meine Wohnung. Wir wollten dort nachſehen, ob meine Stiefeln ſämmt⸗

was lich vorhanden waren. 1:

3 Wenige Schritte vor dem Hauſe bemerkten wir, als daß die Thür deſſelben ſich öffnete, daß in der Oeff⸗ ich nung mein Wirth erſchien, daß dieſer aber, als er * uns gewahr wurde, eiligſt in das Haus zurücktrat. * Ich hatte darauf keinen Werth gelegt, der För⸗ eſtoh⸗ ſter dagegen lief in dem Augenblicke, in welchem ehen? mein Wirth zurückgetreten war, ohne ein Wort zu Taſche ſagen und ohne mich weiter zu beobachten auf die ällige Thür zu und war im Umſehen ebenfalls im Hauſe

In verſchwunden.

tin Noch einen Umſtand muß ich erwähnen.

8 ge⸗ Der Förſter war kaum in das Haus eingetreten

Soh⸗ oder vielmehr geſprungen, ſo näherte ſich demſelben voon der andern Seite ein Junge, der ein Paar Stie⸗ feln trug. Wir kamen faſt gleichzeitig vor der Thür

an, doch trat der Junge vor mir ein und gab die

ori Stiefeln an das Dienſtmädchen meines Wirthes ab,

welche, wie mir es ſchien, ſo eben aus der Wohnſtube b auf den Flur getreten war.

M Ganz unwillkürlich war mir, als ich das ſah, der Gedanke durch den Kopf gefahren, daß mein Wirth an in der Dieb ſein könne, daß derſelbe in Ermangelung vi eigenen Schuhwerks meine Stiefeln benutzt habe. g Das Mädchen wollte ſich entfernen. Ich hielt ben ſie zurück. Sie konnte mich nicht anſehen, ſie weinte. evul⸗ Weshalb that ſie das? War ſie Mitwiſſerin zuͤpi und hatte die Furcht und die Angſt die Thränen Nui⸗ herausgepreßt? Uenen Ich glaubte ein Recht zu haben dies anzunehmen, 1 le es ſchien ja ſo ganz natürlich zu ſein. Indem ich ſie du am Arme feſthielt, ſagte ich daher: dunMädchen, wo iſt das Holz hingekommen? ühren.

3 Sie richtete ihren Kopf hoch. In ihrem Geſicht hl w war eine Ueberraſchung deutlich ausgedrückt. Die Augen waren zwar geröthet und die Wangen naß,

Hal. e. 2

hut aber der Ausdruck war klar und frei, von Scham oder .;

f Ane Furcht keine Spur aufzufinden. Das machte mich un war⸗ 4. 4 2

5 it ſicher. Noch mehr wurde ich das, als das Mädchen

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voller Verwunderung, aber mit Sicherheit die Frage an mich richtete:

a ſeWas denn für Holz?

Sie ſagte das ſo unbefangen, mit ſo überzeu⸗ daſſelbe gender Wahrheit, daß ich an ihre Unſchuld glauben

mußte. Beller Aber das Weinen mußte doch eine Veranlaſſung vercde⸗ haben. Sie ſollte mir dieſe ſagen.

Ach, Herr Aſſeſſor, erwiderte ſie auf meine Frage,wiſſen Sie's denn noch nicht? Die Mutter iſt ja geſtorben. Mittag hat ſie noch Suppe ge⸗

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geſſen, darnach wurde es ihr ſehr übel und um vier Uhr war ſie verſchieden. Die gute, alte Frau hat viel ausſtehen müſſen, es war ſchrecklich anzu

Das Mädchen konnte nicht weiter ſprechen; ein neuer Thränenſtrom erſtickte ihre Stimme, und auf dem Hofe hörten wir in dieſem Augenblicke den För⸗ ſter laut ſchreien:Millionenhund, ich ſchlage Dich neunundneunzig Klaftern tief in die Erde, wenn Du noch einen Mucks thuſt. Vermaledeiter Malefizſpitz⸗ bube, das ſoll mein Holz nicht ſein? Jede Faſer er⸗ kenne ich wieder.

Ich ließ das Mädchen ſtehen und eilte auf den Hof, um wenigſtens zunächſt die rohen Zornesaus⸗ brüche des Förſters zu verhindern. Die Ruhe des Sterbehauſes ſollte durch denſelben nicht geſtört werden, er hatte dazu kein Recht.

Als ich auf den Hof trat, kam mir der Förſter bereits entgegen. Er trug in der einen Hand ein Stück Holz, mit der andern hatte er den Arm meines Wirthes gepackt, ſo feſt und ſicher, als ob er ein un⸗ gezogenes, widerſpenſtiges Kind am Fortlaufen hätte hindern wollen.

Beide Männer befanden ſich in großer Aufre⸗ gung. Das Geſicht des Förſters war hochroth, das meines Wirthes leichenblaß gefärbt und entſtellt. Das Auge des Letztern war unſtät, es blickte ſuchend um⸗ her. Einige Momente blieb es auf einem Fenſter des Hauſes haften. Ich wußte, daß hinter dieſem Fenſter die arme alte Mutter Ruhe gefunden hatte, daß ſie hier ſchlief, um nie wieder aufzuwachen. Dann richtete ſich ſein Blick ſcheu und voller Angſt auf mich, einen Moment ſpäter auf den Förſter.

In dieſem Blicke führte der Mann aber eine ent⸗

ſetzliche Sprache, zu deren Verſtändniß man gar keiner Worte bedurfte. Die freie Hand, die, krampfhaft zur Fauſt geballt, gleichzeitig zum Schlag hochgeho⸗ ben wurde, das Zuſammenbeißen der Zähne, die con⸗ vulſiviſchen Zuckungen der Geſichtsmuskeln, die rothe Färbung des Auges, welches aus der Höhle heraus⸗ trat und Schreck einflößte: alles das ließ mit Sicher⸗ heit darauf ſchließen, daß in die Bruſt dieſes Mannes ein grenzenloſer Haß eingezogen, daß dieſelbe von dieſem Augenblicke an von Gefühlen einer Todfeind⸗ ſchaft erfüllt wurde. Mich überkam bei dieſen Wahrnehmungen eine Furcht, wie ich noch nie gefühlt hatte, eine Ahnung, daß dieſe kurze Scene das Vorſpiel, die Einleitung zu einem entſetzlichen Drama ſein werde.

Ich forderte den Förſter auf, meinen Wirth frei⸗ zu laſſen und, indem ich ihm mit kurzen Worten den Tod der alten Frau mittheilte, ſich ruhig zu verhalten und mir auf mein Zimmer zu folgen.