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Novellen⸗
einer Stimme, die in der Gerichtsſtube viel zu laut war„das heißt warten. Herr Aſſeſſor, welche Sünde V hat Sie denn heute im Garne gehalten? Vier Stun⸗ den ſchon ſtehe ich auf dem Anſtande. Verdammter Dienſteifer!“
Dieſe rohen Aeußerungen, die nicht im Geringſten zu meiner vorigen Stimmung paßten, machten mich verdrießlich und, wie ich glaubte, eine Zurechtweiſung nothwendig. Ich wollte ihm ſagen, daß es einer Rechtfertigung nicht bedürfe, hatte aber kaum einige Worte geſprochen, als mich der Förſter unterbrach.
„Aſſeſſor, Gerichtsmann, thun's keinen Fehlſchuß,“ ſagte er.„Mohrenelement, ſparen Sie das Pulver und Blei, das Gericht muß offen, der Beamte am Platze und zugänglich ſein, das weiß ich.“
Der Förſter hatte vollkommen Recht. Ich durfte mich mit ihm auf einen Streit nicht einlaſſen; mir blieb auch keine Zeit einen Ausweg zu ſuchen, da der För⸗ ſter nach einer kleinen Pauſe fortfuhr: V
„Der Millionenhund könnte ſchon brummen. Kreuzſchwerenoth, Aſſeſſor, wiſſen's denn nicht: raſche Juſtiz, gute Juſtiz. Das kennt ja mein Hans, und der hat nicht geſtudirt, ſtraf' mich, auch das Pulver nicht erfunden.“
„Nun,“ fragte ich ärgerlich,„was führt Sie, Herr Förſter, denn eigentlich hierher?“
„Kriegen's wohl Stand, Aſſeſſor? Na warten's.“
Der Förſter beſah einige Minuten mit größter Aufmerkſamkeit meine Fußbekleidung. Er wurde da⸗ bei auffallend ernſt, ſchüttelte wiederholt mit dem Kopfe und fragte dann:
„Aſſeſſor, haben's geſtern die Stiefeln an den Läufen gehabt?“
Ich wußte nicht, wie ich das Benehmen des Mannes und dieſe Frage mir deuten ſollte. Ich be⸗ ſaß mehr als ein Paar Stiefeln, traf in der Regel I keine beſondere Auswahl, und war ſo außer Stande anzugeben, ob ich am Tage vorher gerade dieſelben oder andere Stiefeln benutzt hatte. Während dir das durch den Kopf ging, waren einige Minuten im Schweigen verfloſſen.
Der Förſter war einige Male im Zimmer hin— und hergegangen, er blieb plötzlich vor mir ſtehen, ſah erſt nochmals auf meine Stiefeln, dann mir feſt in’s Geſicht und fragte endlich:
„Aſſeſſor, ſind's geſtern Abend bei mir im Forſt war, wider Willen entlehnt ſein. 2
geweſen?“
Ich mußte dieſe Frage verneinen, denn ich hatte bis ſpät gearbeitet und war daher nicht aus meinem Zimmer gekommen.
„Na, ſtraf' mich,“ verſetzte der Förſter,„dann ſind entweder Ihre Stiefeln allein hinausgelaufen,
Jeitung.
oder ein Anderer hat ſie an den Läufen gehabt. Die Fährte paßt, weiß Gott, auf's Haar.“
„Aber ſo erklären Sie doch,“ entgegnete ich,„was dies Alles zu bedeuten hat.“
„Erklären? Das fehlte noch, das ſollen Sie als Juſtizmann thun. Halten's nur die Löffel offen, ich will da eine ſchöne Geſchichte hineinſchreien. Haben's Acht: die Stiefel, die Sie da an den Beinen tragen, haben mich malefizmäßig beſtohlen. Hören's, beſtoh⸗ len! Na, erklären's doch. Wollen's die Fährte ſehen? Hier“— er langte ein Stück Papier aus der Taſche —„iſt's Conterfei. Hoher ſpitzer Abſatz, einbällige Sohle und eine Schnabelſpitze. Alles ſtimmt. In Neitzſch werden ſolche Stiefeln nicht gemacht, bin ſchon bei allen Schuſtern geweſen, haben mir das ge⸗ ſagt. Hier giebt's nur breite Abſätze und breite Soh⸗ len, aber keine Schnabelſpitzen.“
Mein Erſtaunen, meine Ueberraſchung bei dieſer Mittheilung war ungeheuer groß. Ich ſollte im Forſt geweſen ſein und dort geſtohlen haben! Das war mehr, als ich erwartet hatte.
Es konnte ſich natürlich wohl kaum darum han⸗ deln, dieſen Verdacht von mir abzuwenden, aber ich
mußte doch außerordentliche Maßregeln ergreifen, um den Dieb und gleichzeitig die Fortnahme meiner Stie⸗
feln, an der ich nicht zweifeln konnte, auszumitteln.
Durch vieles Fragen und durch eine Menge Antworten, welche ich einzeln nicht wiedergeben will, erfuhr ich in Kürze Folgendes: In geringer Entfer⸗ nung vom Forſthauſe lagerte ein großer Haufen Nutz⸗ hölzer. Von dieſem Haufen war in der vergangenen Nacht ein Stück fortgenommen. In dem feſten, leh⸗ migen Boden hat man eine Fußſpur deutlich abgedrückt gefunden, und dieſer Abdruck ſollte mit meinem Stie⸗ fel Aehnlichkeit haben, von demſelben herrühren. Der Träger dieſes Stiefels mußte den Diebſtahl ver⸗ übt haben.
Dieſe Folgerung war durchaus nicht ohne Halt. Meine Stiefeln waren in Berlin gearbeitet und hatten eine Form, die in Neitzſch nicht bekannt war. Das ſogenannte Conterfei befand ſich aber damit in genaueſter Uebereinſtimmung.
Ich ſelbſt war nicht fortgekommen. Eben ſo wenig hatte ich meine Stiefeln verliehen; ſie mußten mir alſo entweder entwendet, oder, was faſt daſſelbe
Beides war möglich, da ich auf meine Mali dungsſtücke bis dahin wenig Aufmerkſamkeit verwen⸗ der hatte. A
Umſtände, welche eine beſtimmte Perſon hätten verdächtigen können, waren mir für den Augenbl
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nicht bekannt; ſie mußten erſt aufgeſucht wer


