Jahrgang 
01-25 (1864)
Seite
293
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Vierte

ſagte ihr, daß Toni käme. Dieſer wurde auch ſchon von Walther zum Bette geführt; der Kleine kniete leiſe und ſtill weinend nieder, er wußte ja, er dürfe ſein liebes Mütterlein nicht ſtören, auch wußte er ja, der Engel, der ſein Mütterchen in den Himmel zum lie ben Gott und zu ſeinem dort ſchon wohnenden Vä⸗ terchen tragen wolle, wäre kein böſer. Die Sterbende legte ihre rechte Hand ſegnend auf das Haupt ihres Kindes, mit der andern faßte ſie die Hand Hedwig's und die Eduard's und vereinigte dieſe Beiden ſo in der ihrigen; ſie erflehte des Himmels Segen über ſie und ihren Sohn herab, und als wenn es ſich von ſelbſt verſtände, daß die vor ihr Knieenden eins würden, bat ſie, daß ſie ihrem Sohne Vater und Mutter werden möchten; darauf betete ſie, worin die Umſtehenden mit ganzem Herzen einſtimmten; noch ein Athemzug, und die Seele hatte ihre irdiſche Hülle verlaſſen, war zu ihrem himmliſchen Vater heimge⸗ gangen.

Schon einige Augenblicke waren entflohen, die Knieenden verharrten noch immer in ihrer Stellung, Hedwig weinte ſehr, auch in Eduard's Auge ſchim⸗ merte eine Thräne, und er war tief bewegt.

Als er jetzt auf das geliebte Mädchen ſah, deren Hand noch immer mit der ſeinigen vereint in der der Todten lag, ſah, konnte er ſeiner Liebe nicht län ger gebieten. Leiſe fragte er Hedwig, ob ſie ihm ihre Haud, die die Dahingeſchiedene hier mit der ſeinigen vereinigt, für's Leben ſchenken wolle.

In dem von Thränen umflorten Blick, den ſie jetzt zu Walther aufſchlug, las er die heiße, innige Liebe, die ſie ihm entgegen brachte; wonnetrunken zog er ſie an ſeine Bruſt, und der erſte Kuß beſiegelte ihren Bund.

Geſprochen wurde wenig; wozu auch viele Worte, wo die Blicke ſo beredt ſprechen! Doch plötzlich, als

wenn Hedwig ſich eines Unrechts bewußt würde, ent⸗

zog ſie ſich den Armen Eduard's, eilte zu Toni, um faßte ihn weinend, küßte ihn herzlich und ſagte: Gott hat Dein Mütterlein zu ſich genommen, wir wollen Dir aber Vater und Mutter ſein, wollen Dich lieben und für Dich ſorgen.

Das Kind konnte vor Weinen nicht ſprechen,

umſchlang aber mit ſeinen beiden kleinen Armen das junge Mädchen ſo feſt, als wenn er ſie nie wieder laſſen wolle.

Gerührt betrachtete Eduard die Beiden; bemühte ſich dann aber, den Kleinen zu beruhigen und Hed⸗ wig von der feſten Umſchlingung zu befreien. Eduard gelang dies durch ſeine freundlichen Worte; auch das junge Mädchen ſuchte ſich zu faſſen und ſah ein, daß Walther Recht habe, wenn er zum Fortgehen ermahnte;

Folge.

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es war bereits dunkel in dem Stübchen geworden; jetzt fiel es ihr ſchwer auf die Seele, daß Brigitte noch nicht gekommen.

Eine plötzliche, ſchreckliche Angſt überfiel ſie, ſie wußte ſelbſt nicht warum. Der Vater hatte zwar in den letzten Tagen zuweilen über Schwindel geklagt, doch der Arzt hatte auf ihr Befragen es für unbe⸗ deutend erklärt. Eben wollte ſie gegen ihren gelieb⸗ ten Eduard ihrer Beſorgniß Worte leihen, als Carl, der Bediente, faſt athemlos herein geſtürzt kam und das Fräulein in ſtockenden Worten bat, ſo ſchnell wie möglich nach Hauſe zu kommen, der Geheimrath wäre ſehr unwohl geworden, und der Arzt bereits bei ihm.

Kaum hörte Hedwig dieſe Botſchaft zu Ende, als ſie, ohne eine Sylbe zu ſprechen, aus dem Zimmer flog. Eilig gab Walther Carl die Weiſung, Toni mitzunehmen, das Haus zu ſchließen und ihnen zu folgen. In der größten Angſt und Haſt ſuchte er Hedwig zu erreichen; wie leicht konnte ſie nicht auf dieſem ſchmalen Steig in der ſchon herrſchenden Dun⸗ kelheit in ihrer Aufregung den Weg verfehlen und verunglücken! Bei der Biegung um einen Felſen ſah er den Schimmer ihres weißen Kleides; er rief, nahm auch wahr, daß der Gegenſtand ſtand; er lief ſo ſchnell, als er vermochte, und erreichte auch in einigen Se⸗ cunden die Geliebte. In der größten Eile ſetzten ſie ihren Weg zuſammen fort, Keiner ſprach einen Ton; endlich ſtanden ſie vor dem Hauſe. Hier zögerte Hed⸗ wig einen Augenblick, als wenn ſie Kraft zum Ein⸗ treten ſammeln wollte, nahm Walther's Hand und zog ihn mit ſich in des Vaters Zimmer. Dieſes war ſchwach erleuchtet, auf dem Bette lag der Vater ſtarr und regungslos, der Arzt ſtand vor ihm, in ſeiner Hand noch die Lanzette haltend, mit der er eben einen Aderlaß vollzogen, Brigitte ihm gegenüber, hielt ein Glas Waſſer in der Hand und bemühte ſich dem Kran⸗ ken etwas einzuflößen.

Hedwig und Eduard traten zu Brigitte und warfen einen ängſtlich forſchenden Blick auf den Arzt, um in ſeinen Zügen zu leſen, welche Nachricht ſie erfahren ſollten. Der Doctor ſah ſehr beſorgt aus, doch durch eine Bewegung zeigte er ihnen an, daß noch Leben vorhanden. Eben ſchlug auch der Baron die Augen auf, und als er ſeine Tochter mit Walther Hand in Hand vor ſich ſtehen ſah, glitt ein Freudenſtrahl über

ſeine bleichen Züge; er ſtreckte die Hand nach ihnen

aus, ſie beugten ſich tief bewegt über ihn, er ſegnete ſie, und als wenn er dadurch mehr Kräfte gewonnen,

ſagte er verſtändlich:

Mein Sohn, ich übergebe Dir mit vollem feſten Vertrauen mein geliebtes Kind. Mache ſie glücklich, ſei ihr treuer Stab und Leiter in jedem Lebensereig⸗