Jahrgang 
01-25 (1864)
Seite
292
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geweſen, und durch ihn hatte er den Pfarrer Weimuth kennen und achten gelernt. Daß der junge Mann bürgerlich war, war ihm freilich nicht lieb, aber er war ja ein Ausländer und beſaß ein großes Vermö⸗ gen, und was ihm einen beſonderen Werth noch in den Augen des Geheimraths verlieh, war, daß er der Beſitzer ſeines geliebten Reichheim war.

Dieſes Gut gehörte ſeit langer Zeit denen von Rothenfels; dem Baron war es zwar erſt durch Heirath zugekommen, doch ſeine Frau war ebenfalls eine von Rothenfels geweſen. Daß ſeine Hedwig durch die Verbindung mit Eduard wieder Herrin die⸗ ſer Beſitzung werden könnte, beſiegte alle andern Be⸗ denken; auch daß er ſeiner Tochter kein Vermögen hinterlaſſen konnte, war ein Grund, der ihm die Heirath mit dem jungen Manne ſehr wünſchenswerth machte.

Hier ſtand alſo Eduard kein Hinderniß entgegen, im Gegentheil, der alte Geheimrath hätte es gern⸗ geſehen, wenn er ſich bald erklärte, daher verſtimmte auch ihn das wechſelnde Benehmen Eduard's, welches ſeinem beobachtenden Auge nicht entgangen war. Be⸗ ſonders, als er zu bemerken glaubte, daß Hedwig's Frohſinn, auch ihre Geſundheit darunter zu leiden begann, wurde der ernſte, faſt gleichgültig ſcheinende Mann unruhig; er fürchtete für die Geſundheit ſei nes geliebten Kindes! Er wußte durch den Ausſpruch eines ſehr geſchickten Arztes, daß die Anlage zu der verderblichen auszehrenden Krankheit, der ſeine theure Gattin erlegen, auch in der Conſtitution Hedwig's verborgen ſchlummerte und ſie leicht durch Kummer, Gram oder Anſtrengung erfaßt und geknickt werden konnte. Dieſe Sorge machte ihn noch verſtimmter und düſterer und trieb ihn zu dem Entſchluß, wenn Walther nicht bald mit ſeinen Abſichten erklärend hervorträte, mit ſeiner Tochter die Schweiz zu ver⸗ laſſen. Die Trennung, hoffte er, würde dann auch wohl Vergeſſenheit in das Herz ſeiner Hedwig ſenden.

So waren wieder vierzehn Tage verfloſſen, ohne daß ſich die Situation des kleinen Kreiſes merklich geändert. Eduard kämpfte mit ſeinen widerſtreiten⸗ den Gefühlen; er vermochte zu keinem feſten Entſchluß zu gelangen; ſeine Liebe wuchs mit jedem Tage, und doch ſchwieg er noch!

Hedwig blieb ſich anſcheinend gleich, nur dem Auge der Liebe konnte es nicht entgehen, daß ſie litt, und nicht allein geiſtig, ſondern auch körperlich. Ihr ſonſt ſo elaſtiſcher Gang wurde langſamer und ſchlaffer, ihre Wangen bleicher, ihr ſonſt ſo frohes, glänzendes Auge trüber, ihre Heiterkeit hatte nicht die frühere Natürlichkeit; oft, wenn ſie ſich unbemerkt glaubte, ſaß ſie gedankenvoll, und man ſah dann wohl,

Novellen⸗Zeitung.

daß ſie ſchwer kämpfte, ſah ſie dann aber plötzlich ihren Vater kommen, ſo ſprang ſie auf, ging ihm freundlich entgegen und ſuchte, wie früher, froh und heiter zu ſein. Gegen Eduard war ſie artig, doch was ſie in ihrem Herzen für ihn fühlte, ſollte er nicht merken, dies verbot ihr ihr mädchenhafter Stolz; doch oft, wenn Walther's Benehmen, obgleich der Mund noch ſtumm blieb, ſeine ſo heiße Liebe bekun⸗ dete, dann hatten ſich, ihr zwar unbewußt, ihre wah⸗ ren Gefühle auch dem liebenden, ſcharf ſehenden Auge Eduard's verrathen und ihn mit den wonnigſten Em⸗ pfindungen erfüllt; warum er dann nicht denſelben Worte gab, war ihm oft ſelbſt wunderbar und eben nur allein in ſeinen uns ſo wohlbekannten, ihn immer aufs neue quälenden Zweifeln zu ſuchen.

Schon ſeit einigen Tagen hatte der Geheimrath erklärt, er wolle nach Stuttgart zurückkehren; nur die innigſten Bitten ſeiner Tochter, den Ort nicht eher zu verlaſſen, bis die arme Röſig von Gott abgerufen ſei, ließ ihn noch zögern. Die Kranke, nachdem ſie ſich einige Wochen merkwürdiger Weiſe wohler gefühlt, war ſeit wenigen Tagen ſo ſchwach geworden, daß der Arzt ihrem Tode jede Stunde entgegen ſah. Hed⸗ wig und Eduard waren während der ganzen Zeit ihre treuen Pfleger geweſen; die jungen Leute hatten ſich beeifert ihr in jeder Weiſe das Sterben und Schei⸗ den von ihrem geliebten Kinde zu erleichtern. Hedwig ermüdete nicht, ihr geiſtige und körperliche Erquickung zu reichen. Stundenlang ſaß ſie bei dem ſchönſten Wetter in dem kleinen niedrigen Stübchen, an dem Bette der Kranken, las ihr aus der Bibel vor, be⸗ tete mit ihr, ſprach ihr Troſt und Muth zu; auch für ihre körperliche Stärkung hatte ſie immer eine kleine Erfriſchung bereit. Walther ſtand ihr, ſo gut er vermochte, in Allem bei; beſonders das feſte Ver⸗ ſprechen, welches er der Kranken hinſichts ihres Toni, daß er ihn zu ſich nehmen, erziehen und immer für ihn ſorgen wolle, gegeben, hatte das Herz der armen Mutter erleichtert und es bereit gemacht freudig zu ihrem Gotte hinüber zu gehen.

Eines Tages hatten Eduard und Hedwig, wie gewöhnlich, den Nachmittag bei der Kranken zugebracht; dieſe war heute ungewöhnlich ſchwach, und gegen Abend, als die Sonne ſchon zu ſinken begann, be⸗ merkten ſie, daß die Kranke immer ſchwächer und ab⸗ gebrochener athmete; ſie ahnten, daß der ernſte, uner⸗ bittliche Tod ſein Opfer fordern wollte. Leiſe bat Hedwig Eduard, den kleinen Toni herein zu holen. So leiſe ſie den Namen auch geſprochen, ſo war das Ohr der Mutter ſelbſt im Todeskampf noch ſcharf; ſie ſchlug die ſchon erlöſchenden Augen nochmals auf und ſah ſich verlangend um. Hedwig, dieſes ſehend,