Jahrgang 
01-25 (1864)
Seite
290
Einzelbild herunterladen

Novellen

lich. Im Oſten begann ſich jetzt der Himmel röthlich zu färben; immer heller, lichter wurde es; die Mor⸗ genröthe verkündigte den baldigen Aufgang der alles erquickenden, erwärmenden Sonne; hin und wieder zwitſcherte und ſang ſchon leiſe ein Vögelchen ſein Morgenlied; hin und wieder ſah man ſchon einen Hirten ſeine Heerde auf die Berge führen; ihre Glöck⸗ chen und ſein Geſang tönten froh und heiter in die ſchöne, immer mehr erwachende Natur. Unbewußt hatte Eduard den Weg zum Berge, auf deſſen Spitze die Capelle ſtand, eingeſchlagen.

Eben, als er den Gipfel erreichte, trat die Sonne in ihrer ganzen Pracht und vollem Glanze über die hohen Felſen, die ſie noch verbargen, hervor, vergol⸗ dete mit ihren erſten Strahlen das heilige Kreuz des kleinen Gotteshauſes, und ſchien ſo den müden Er⸗ denpilger zum Eintritt in daſſelbe einzuladen. Die Kirchthüre war halb geöffnet, Eduard trat zögernd ein, als er aber den Altar geſchmückt mit dem Bilde des Heilandes, wie er alle die Müden und Beladenen

Zeitung.

Heimwege wählte er wieder den Steig durch die Schlucht. Seine Hoffnung, dort Hedwig zu finden, betrog ihn nicht. Toni, der Eduard ſchon von ferne geſehen, kam freudig auf ihn zugelaufen und er⸗ zählte ihm, daß Fräulein Hedwig bei ſeiner Mutter wäre, auch ſagte der Kleine, daß es ſeiner armen Mutter heute nicht beſſer als geſtern ginge. Walther wollte nicht ſtörend eindringen, und ſetzte ſich daher mit dem Knaben auf eine Raſenbank am Hauſe. Aus dem kindlichen Geplauder hörte Eduard, wie ſchön ſich Hedwig benommen, und was ſie ſchon Alles für die arme Frau gethan. So war ein Weilchen vergangen, als ſie die Hüttenthür aufmachen hörten. Hedwig trat heraus, um Toni eine Beſtellung zu machen; Walther war, um ſie zu begrüßen, Toni ge⸗ folgt; als Hedwig ihn ſah, wurde ſie etwas verlegen, faßte ſich aber gleich, erwiderte ſeinen Gruß freund⸗ lich und bat ihn einzutreten; er nahm die Einladung an, blieb wie am vorigen Tage und begleitete ſie wieder heim. Auf dem Wege wurde Hedwig geſprä⸗

zur Erquickung zu ihm zu kommen einladet, erblickte, chiger, ſie erzählte von Allerlei, und Walther hörte ihr vergaß er Alles, warf ſich auf die Stufen des Altars mit immer geſteigertem Vergnügen zu. Als ſie ihrer nieder und betete lange und inbrünſtig. Als er ſich Wohnung nahe waren, ſagte ſie⸗Darf ich Sie heute wieder erhob, war er ruhig; Friede war in ſein Herz bitten bei uns einzutreten? Mein Vater, dem ich von gezogen, die ſchwarzen Gedanken waren von ihm ge unſerem Zuſammentreffen geſagt, wünſcht ſehr Ihre

nommen. Ihr Name hat ein großes

Seine Vorſätze waren erſchüttert; er wollte wie der umkehren; er ſagte ſich, er dürfe nicht fort. Hatte er nicht Pflichten hier übernommen? Hatte er nicht Hedwig verſprochen den kleinen Toni zu ſich zu neh⸗ men, wenn er ganz Waiſe geworden? Er mußte blei⸗ ben und warten, bis die arme Kranke ihren letzten Seufzer ausgehaucht, dann konnte er den Kleinen zu ſich nehmen, dann konnte er fort.

Mit dieſen Entſchlüſſen trat er den Rückweg an; jetzt war ſchon Alles belebt; die Thätigkeit hatte überall begonnen. In Walther erwachte eine wirk⸗ liche Sehnſucht nach Arbeit und Beruf; in dieſer Stimmung gedachte er ſeines Reichheim, und bei der Erinnerung dieſes Namens fiel ihm plötzlich der Name von Rothenfels, den ihm das Fräulein als den ihrigen genannt, ein. War ihr Vater nicht auch Beamter, hatten ſie nicht auch geſtern in der Unter⸗ haltung erwähnt, daß Stuttgart ihr Wohnort ſei? Sollte es möglich ſein, daß der frühere Beſitzer Reich⸗ heims mit dieſem Baron ein und dieſelbe Perſon ſei?

So denkend hatte Eduard ſeine Wohnung er⸗ reicht; ſein Johann erwartete ihn ſchon längſt; das Frühſtück ſtand bereit; Walther genoß etwas, ging darauf in ſein Schlafzimmer, um der Ruhe zu pflegen; er fühlte ſich matt und müde. Am Nachmittage machte er ſeinen gewöhnlichen Spaziergang; auf dem

Velänütichaft zu machen. Intereſſe in ihm erregt; er vermuthet in Ihnen den jetzigen Beſitzer ſeines frühern Reichheim.

Ja, mein Fräulein, der bin ich. Gern folge ich Ihnen, denn Sie als die ehemaligen Beſitzer mei⸗ nes lieben Reichheim kennen zu lernen, macht mir das Gut noch viel werther.

Sie hatten das Haus erreicht; Hedwig ging voran und bat Eduard ihr zu folgen, ſie öffnete ſchnell eine Thür und ſagte im Eintreten:Hier, lieber Papa, bringe ich Dir Herrn Walther, den Beſitzer unſeres lieben Reichheim.

Bei dieſen Worten eerhob ſich der Geheimrath. Er war ein ſchon bejahrter Mann, ſeine Geſtalt groß und hager; auf ſeinem Geſicht lag ein tiefer Ernſt, faſt Düſterheit; doch er begrüßte den Fremden zu⸗ vorkommend freundlich, indem er ihm die Hand bie tend ſagte:Es iſt mir angenehm Sie kennen zu lernen; es iſt merkwürdig, daß wir uns hier treffen, ich werde mich aber frenen von Ihnen ſelbſt von allen den Verbeſſerungen, ie Sie auf Reichheim nach den Briefen des Pfarrers Weimuth vorgenommen, zu hören. Bitte, nehmen Sie Platz und ſeien Sie dieſen Abend unſer Gaſt.

Während die beiden Herren ſich eifrig unter⸗ hielten, war Hedwig beſchäftigt zum Abendeſſen ihre Anordnungen zu treffen. Eduard, der trotz des leb⸗