Jahrgang 
01-25 (1864)
Seite
288
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Novellen

ſammeln, um den Geiſt jener Zeiten näher kennen zu lernen, der in ſo mancher Hinſicht wirklich vor dem neuern und ſubtilern Schmeichelgeiſt gegen die Großen manche gute Seite voraus hatte. Daß ungebildete und inhumane Geiſtliche hier⸗ in leicht zu weit gehen konnten, iſt ſehr natürlich. Hier iſt ein ſolches Beiſpiel aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts. Der Vater des letztverſtorbenen Herzogs von Braunſchweig war ein großer Freund von der Jagd, und beſuchte in dieſer Hinſicht nicht ſelten den wildreichen Harz. Dies geſchah auch einſtmals an einem Sonntage, obgleich laut ſeiner eige⸗ nen Edicte das Jagen am Sonntage bei harter Geldſtrafe verboten war. Indeß wollte es der alte Herzog dennoch bei ſeinem Prediger in Blankenburg, in deſſen Umgebung die Jagd gehalten war, gleichſam wieder gut machen, daß er noch am nämlichen Sonntage den Gottesdienſt beſuchte, ob er gleich ein wenig zu ſpät kam. Er fürchtete deßhalb wirklich die kleinen Seitenhiebe ſeines Conſiſtorialraths, deren er ſonſt ſchon gewohnt war; allein diesmal ſchwieg der Con⸗ ſiſtorialrath, und der Herzog glaubte am Ende der Predigt allen Kritiken entgangen zu ſein, als der Prediger das weit⸗ läuſige Edict des Herzogs gegen die Sabbathſchänder, die ſogar am Sonntage zu jagen pflegten, hervorzog, und es in extenso nebſt den darin enthaltenen Strafgeſetzen wörtlich ablas. Der Herzog, ein von Natur frohgelaunter Herr, nahm dies dem Geiſtlichen nicht übel, machte aus der Sache einen Scherz, und ſandte dem Prediger die Strafgel⸗ der ſelbſt zu, die er laut des Edicts wegen der an einem Sonntage geübten Jagd zu bezahlen hatte. Der Geiſtliche nahm die Gelder an, und ſandte ſeinem Landesherrn eine OQuittung mit den Worten zu:daß er die von Sr. Durch⸗ laucht wegen des Jagdunfugs am Sonntage von Rechtswegen zu erlegenden Strafgelder richtig erhalten habe.

In einer weſtphäliſchen Stadt hatte der Magiſtrat die Contribution auf dreizehn Beiträge eingerichtet, und der letzte Beitrag wurde der dreizehnte Monat genannt. genannten dreizehnten Monat wollten ſich die Bauern durch⸗ aus nicht gefallen laſſen, ſondern ſchickten heimlich einen De⸗ putirten zum Könige nach Potsdam. Der Monarch erblickte ihn kaum, ſo fragte er ihn, woher er komme, und was er wolle.Aus Weſtphalen, war die Antwort,und ich will Eure Majeſtät nur fragen, wie viel Monate im Jahre ſind. Der König lachte und ſagte:Wißt Ihr's nicht, ſo ſeht in den Kalender! Der Bauer antwortete:Ja, im Kalender ſtehen nur zwölfe. Aber unſer Magiſtrat hat dreizehn gemacht. Friedrich ließ ſich das erklären, und gab ihm hierauf eine Ordre folgenden Inhalts mit:

Ueberbringer dieſes, der Schulze N**, ſoll von nun an Aſſeſſor eures Collegii mit Sitz und Stimme ſein, und ſoll darauf ſehen, daß nur zwölf Abgabe⸗Monate und kein dreizehnter eingeführet werde, dafür ſollt ihr ihm jährlich 200 Thlr. aus eurer Kämmerey geben und ihm die Reiſe vergüten. Friedrich.

Kleine Kritiken. Der Hausgeiſt. Eine nachdenkliche Geſchichte, von Robert Urban. Breslau, bei Trewendt. 1864. Es iſt in der That eine nachdenkliche, ernſt⸗komiſche Er⸗ zählung in Verſen, die in ihrer trockenen Kürze gar nicht

Zeitung.

ohne Eigenthümlichkeit ſind. So ſchildert, um ein Beiſpiel von dieſen Verſen zu geben, der Autor eine Feuersbrunſt.

Draußen ſtürmen ſchon die Glocken, Feuerruf erſchallt, Aus dem Schlummer aufgeſchrocken irret Jung und Alt. Drängt in Maſſen durch die Gaſſen, ſuchet hier und dort, Was ſie faſſen, will nicht paſſen, nichts am rechten Ort. Statt zu helfen hindern Alle durch verkehrte That,

In dem ungewohnten Falle weiß ſich keiner Rath.

Nur allein ein Leineweber ſitzt mit kaltem Blut

Hoch auf einem Mauerſtreber mitten in der Gluth. Commandirt nach allen Seiten; ruhig tönt und hell

Seine Stimme zu den Leuten:Waſſer, Waſſer, ſchnell! Und er lenkt die Feuerſpritze bis hinauf zum Knauf.

Eben flammt die Giebelſpitze lichterlohe auf.

Und den Spruch, eh er verſenge, der dort oben ſtund,

Lieſt die ganze Menſchenmenge wie aus einem Mund: Gottlieb Kuhn in Chriſto heiß ich, hab dies Haus gebaut- Anno 1630 und auf Gott vertraut.

Es dürfte der Probe genug ſein, denn man wird leicht ſehen, daß ſelbſt für den einfachſten Stoff eine ſolche Form leicht eine zu monotone Wirkung macht. Uebrigens hat der Verfaſſer eine ſittlich-poetiſche Tendenz durchaus im Auge gehabt, und wenn ſie auch mehr erſtrebt als klar herausge⸗ arbeitet iſt, ſo bleibt doch der Eindruck frivoler Seichtigkeit und Ungeſundheit von dem Büchelchen, das zierlich ausgeſtat⸗ tet iſt, fern. O. B.

Gedichte von Ernſt Meyer. Leipzig, bei Otto

Purfürſt. Es ſind dieſe Lieder zum Beſten des Hermann⸗Denk⸗

Dieſen ſo⸗

mals herausgegeben. Allerdings ſollte man denken, daß ſie mehr epiſcher als lyriſch⸗erotiſcher Natur wären, doch halten ſie vorzugsweiſe die letztere Gattung ein. Da durch die moderne Lyrik hauptſächlich der Zug der größten Subjectivität geht, ſo verbindet ſich damit am lieb⸗ V ſten das Liebeslied. Zum Nachtheil der Realität, die man in Gedichten mit Recht ſehr liebt, geſchieht dies aber in zu vorherrſchendem Maße. Man durchblättere neuere Gedicht⸗ ſammlungen und man wird die Liebe und ihr Lippen⸗ und Augenſpiel, ihr ganzes Seufzeralphabet und den vollſtändi⸗ gen Apparat ihrer ſtereotypen Ausdrucksweiſe auf allen Sei⸗ ten antreffen. Es iſt für die Dichter das Allerleichteſte, die geſammte Erſcheinungswelt immer nur mit Bezugnahme auf die Stimmungen ihres Herzens zu betrachten, und ſo macht es ihnen wenig Kopfbrechen, in jedem Blümchen und Blätt⸗ chen eine Anſpielung auf ihre Sehnſucht oder Erinnerung zu erblicken. Wenn die Empfindungen und Empfindeleien, die dabei zu Tage treten und ſich ganz von ſelbſt ergeben, auch ungemein winzig ſind, ſo füllen ſie doch den Raum aus, und man ſpart dabei, was man freilich nicht ſo bequem ha⸗ ben kann, wirkliche Gedanken. Die Lyriker ſollten ſich nur in zwei Fällen Liebeslieder geſtatten: wenn ſie durch eine beſondere poetiſche Situation, oder durch eine mächtige, mit Kämpfen verbundene Leiden⸗ ſchaft hervorgerufen würden. Ihr Charakter würde dann möglicher Weiſe etwas Feſſelndes hab

Dies fehlt den meiſten und auch danen der vorliegenden

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Sammlung, die übrigens ſprachlich corxecter als gewöhn⸗ lich iſt 8 S. B.

Redigirt unter Verantwortlichkeit von Ouo Sriedrich Dürr in Leipzig. Verlag

der Dürr'ſchen Buchhandlung in Leipzig. Druck von J. in Leipzig.