Jahrgang 
01-25 (1864)
Seite
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der zu verwechſeln und aus derſelben Folgen herleiten zu können, denen man dadurch vorzubeugen ſuchte, daß man das ältere Kind nöthigte, eine Maske zu tragen.

Man kann ſich bei dem Allem ferner ſchwerlich verheh⸗ len, daß das ganze Verfahren eine unnöthige Grauſamkeit involvirt haben würde. Wie viele Baſtarde hat es in der Welt gegeben und mag es noch geben, von deren Erzeugern weder ſie ſelbſt noch Andere jemals eine Ahnung gehabt ha⸗ ben. Sollten Anna von Oeſterreich, ihre obenerwähnte Freundin und der ſchlaue Mazarin kein anderes Mittel haben erſinnen können, den läſtigen Zeugen eines Fehltritts von gefahrbringenden Anſprüchen abzuhalten, als das plumpſte und in Bezug auf den Zeugen ſelbſt erbarmungsloſeſte von allen, ihn unter einer Maske hinter Schloß und Riegel zu legen?

Endlich haben wir noch auf eine Lücke hinzuweiſen, welche in den ohnehin ſehr vagen Angaben des Herzogs von Richelieu in die Augen fällt. Er erzählt Benjamin Frank⸗ lin, Mazarin habe nach dem Tode des Cardinals Richelieu das Kind der Frau von Motteville entriſſen und bis zum Alter von ſechzehn Jahren im Gefängniß gehalten. Da nun aber der Cardinal im Jahre 1642 ſtarb, ſo war das Kind, das, wie wir geſehen haben, 1626 oder 1627 geboren ſein mußte, beim Tode deſſelben ſchon 15 bis 16 Jahr alt. Einen leicht möglichen Irrthum, bei welchem es ſich um einige Jahre handelt, hier auch zugegeben, bleibt immer noch die weitere Frage übrig: was hat man mit dem unglücklichen Geſchöpf bis zum Jahre 1661 angeſtellt, in welchem nach Voltaire der Mann mit der eiſernen Maske auf die Inſel Sainte⸗ Marguerite gebracht wurde? Ueber dieſen Zeitraum von etwa neunzehn Jahren fehlt jeder Nachweis, und dieſer Man⸗ gel entkleidet die Hypotheſe, welche wir in Obigem vollſtän⸗ dig widerlegt zu haben meinen, des letzten Reſtes ihrer an ſich ſchon geringen Glaubwürdigkeit.

Der Herzog von Richelieu wußte offenbar von der gan⸗ zen Angelegenheit nicht mehr als das übrige Publicum, wollte ſich aber vor einem Fremden nicht die Blöße geben, über ein Staatsgeheimniß nicht unterrichtet zu ſein. Ben⸗ jamin Franklin, welcher vielleicht nur in der Abſicht danach gefragt hatte, um das Geſpräch in Fluß zu erhalten, faßte die Mittheilung in echt republikaniſcher Weiſe auf, das heißt, ſie war ihm vollkommen gleichgültig. Die eigentliche Wahrheit würde gerade ihn jedenfalls lebhafter intereſſirt und zu ein⸗ gehenderen Betrachtungen veranlaßt haben, als diejenigen ſind, welche er in ſeinem Briefe an Mr. John anſtellt.

Die wirkliche Geſchichte des Mannes mit der eiſernen Maske iſt zweifelsohne vielen unſerer Leſer nicht unbekannt, und wir würden auch nicht geglaubt haben, hierüber noch et⸗ was enthüllen zu können, wenn die Aufnahme, welche die bezügliche Stelle der Franklinſchen Briefe bei einem Theile der Preſſe gefunden hat, uns nicht den Beweis geliefert hätte, daß der nach unſerer Ueberzeugung wahre Zuſammenhang der Dinge noch nicht zur allgemeinen Kenntniß gelangt iſt, obſchon er der vollgültigſten Bürgſchaften nicht ermangelt. Dem mit einer kleinen Doſis Wahrheit durchwirkten Märchen leiht ſich freilich das Ohr williger dar, als einem Stück treckener Special⸗ geſchichte, das nur zufällig an ſeinem Ende eine blaſſe roman⸗ tiſche Färbung erhält, und das unglückliche Opfer der Liebes⸗ ſünde einer Königin erweckt ungleich lebhaftere Theilnahme als ein politiſcher Agent, welcher ſich überliſten ließ und in die ihm gelegte Falle ging. Es iſt in der That in hohem Grade auffällig, wie man eben in dieſer Angelegenheit gegen die geſchichtlichen Data und alle darauf bezüglichen Andeu⸗

Novellen⸗Zeitung.

tungen, welche ſich im Laufe der Zeit verlautbarten, eine ſo vollkommene Gleichgültigkeit beobachtet hat, daß jene heute nach faſt zwei Jahrhunderten den Glauben an das Märchen noch nicht zu beſiegen vermochten. Die Menge hat dieſes förmlich unter ihren Schutz geſtellt, während nur Einzelne es unternahmen, die Thatſachen zu prüfen.

Wir beginnen auch dieſen Abſchnitt unſerer Mitthei⸗ lungen mit einem Citat. Die Herausgeber derHistoire abrégée de l' Europe, einer wahrſcheinlich in Monatshef⸗ ten ſeiner Zeit zu Leyden erſchienenen hiſtoriſchen Zeitſchrift, hatten im Jahre 1687 folgenden Brief italieniſchen Ur⸗ ſprungs erhalten, welchen ſie im Monat Auguſt deſſelben Jahrganges bei dem ArtikelMantua abdruckten:

Meine Herren,

Einer meiner Freunde erzählt mir, in derHistoire abrégée de l' Europe geleſen zu haben, daß deren Verfaſſer nicht an das Gerücht glauben will, daß der Herzog von Man⸗ tua ſeine Hauptſtadt zu verkaufen beabſichtigte. Sie befin⸗ den ſich hierüber im Irrthum. Es iſt gewiß, daß die Ver⸗ handlungen über dieſe Angelegenheit ſchon ziemlich weit ge⸗ diehen waren. Der Secretair des Herzogs, welcher das ganze Vertrauen ſeines Gebieters genoß, hat ihm das Vor⸗ haben zwar ausgeredet, aber es iſt ihm, wie Sie ſehen werden, theuer zu ſtehen gekommen.

Dieſer treue Miniſter überzeugte den Herzog, daß es ebenſowohl ſein Intereſſe wie ſeine Ehre erfordere, ſein Her⸗ zogthum zu behalten, und bewirkte auch eine Sinnesänderung, ja, er brachte ihn ſogar dahin, ſich mit den übrigen italieni⸗ ſchen Fürſten zu verbinden, um die Abſichten Frankreichs zu vereiteln. Er brachte auch eine Zuſammenkunft zwiſchen dieſen Fürſten zu Stande, welche im vergangenen Winter während des Carnevals in Venedig ſtattfand. Man wählte eben dieſe Zeit, um alles Auffällige zu vermeiden, da es ja nichts Ungewöhnliches iſt, daß Fürſten und vornehme Per⸗ ſonen dabei in Venedig anweſend ſind. Der Secretair ging hierauf nach Rom, wo er ſich einige Zeit aufhielt, und von da an faſt alle italieniſchen Höfe ſowie nach Venedig und Genua, und fand überall ein ſo geneigtes Gehör, daß es ihm ſchon gelungen war, die ſämmtlichen Mächte den franzöſiſchen Intereſſen zu entfremden. Endlich begab er ſich in gleicher Abſicht nach Turin und in der Meinung, daß ſeine Schritte geheim geblieben ſeien, beſuchte er auch öfters den Marquis d'Arcy, den franzöſiſchen Geſandten am Hofe Savoyens. Was bliebe aber den Augen Frankreichs verborgen? Der Marquis war von Allem genau unterrichtet, noch ehe der Secretair in Turin ankam. Er erwies ihm jedoch alle mög⸗ lichen Artigkeiten, bewirthete ihn ſehr oft und lud ihn endlich zu einer Jagd ein, welche eine oder zwei Meilen von Turin ſtattfinden ſollte. Der Secretair, welcher keine Zeit zu ver⸗ lieren hatte und die Abweſenheit des franzöſiſchen Geſandten für ſeine Pläne auszubeuten gedachte, entſchuldigte ſich an⸗ fänglich damit, daß er keine Pferde habe. Da aber der Ge⸗ ſandte ihm die ſeinigen anbot, wagte er nicht länger, ſich zu weigern, um keinen Verdacht zu erregen. Am Tage der Jagd reiſten ſie zuſammen ab, aber ſie waren noch nicht eine Meile von der Stadt entfernt, als der Secretair von 10 bis 12 Reitern umringt wurde, welche ihn andere Kleidung und eine Maske anzulegen nöthigten und nach Pignerol brachten. Er täuſchte ſich allerdings keinen Augenblick darüber, wer ihm dieſen Streich geſpielt habe, es war aber auch vergeblich, hier Widerſtand zu leiſten. Allein in Pignerol war er Ita⸗ lien noch zu nahe, und obgleich er ſehr ſorgſam bewacht wurde, fürchtete man doch, die Mauern könnten ſprechen, und

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