Jahrgang 
01-25 (1864)
Seite
282
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Novellen⸗Jeitung.

Die Uebertragungen Grün's entbehren allerdings aber haben die Grünſchen Verſe etwas einfach Kern⸗ manche Feinheiten, wie ſie andere Ueberſetzer oft nach haftes, und die ganze Arbeit verräth den Fleiß und den engliſchen Originalen zu geben wußten; wohl die liebevolle Hingabe des Autors.

Der Mann mit der eiſernen Maske. Von Otto von Wilcke. 8

Durch die vor einiger Zeit zum Abdruck gelangte und auch in dieſen Blättern jüngſt erwähnte Sammlung bisher nicht veröffentlichter Briefe Benjamin Franklin's iſt die ge⸗ heimnißvolle Geſchichte des Mannes mit der eiſernen Maske noch einmal an das Tageslicht gezogen worden, vor welchem man ſie urſprünglich in ſo ſorgfältiger Weiſe, und lange Zeit hindurch auch mit Erfolg, zu bewahren gewußt hatte.

Es würde allerdings ein Curioſum ſeyn, wenn der Zu⸗ fall dem amerikaniſchen Staatsmann, deſſen Thätigkeit ſich während ſeines Aufenthalts in Frankreich doch wahrlich auf andere Ziele richtete, als Jahrhunderte alte Hof⸗ und Staats⸗ intriguen zu entſchleiern, die Löſung einer Frage, welche die Neugier der halben Welt bis dahin trotz allen Eifers vergeb⸗ lich zu erforſchen beſtrebt geweſen war, auf eine gelegentliche Anfrage hin, gleichſam in den Schooß geworfen hätte. Wir ſind jedoch der Meinung, daß der Zufall dies in der That auch nicht gewollt hat, und daß die Mittheilung des Herzogs von Richelieu, der Mann mit der eiſernen Maske ſei ein Sohn des Herzogs von Buckingham und der Königin Anna von Oeſterreich geweſen, weder auf Neuheit noch auf Wahr⸗ heit Anſpruch machen durfte. Was ihm hier der Herzog er⸗ zählte, das hätte Franklin gewiß auch von manchem anderen gleich mittheilſamen Gönner erfahren können.

Es muß hier daran erinnert werden, daß Voltaire der erſte Schriftſteller iſt, welcher dieſes Gegenſtandes gedenkt, indem er in ſeinem Siècle de Louis XIV. folgende Epiſode oder Anekdote, wie er ſie nennt, einwebt:

Einige Monate nach dem Tode des Cardinal Maza⸗ rin(9. März 1661) trug ſich ein beiſpielloſer Fall zu, wel⸗ cher von dem nicht weniger ſeltſamen Umſtande begleitet iſt, daß ſämmtliche Geſchichtſchreiber ihn ignorirt haben. Vom tiefſten Geheimniß umgeben, wurde ein unbekannter Gefan⸗ gener, jung, von ungewöhnlich hohem Wuchſe und ſchöner, edler Geſtalt, nach dem Schloß auf der Inſel Sainte⸗Mar⸗ guerite im provengaliſchen Meere gebracht. Dieſer Gefan⸗ gene trug unterwegs eine Maske, welche am Kinn mit Stahl⸗ federn verſehen war, damit er eſſen konnte ohne ſie abzu⸗ nehmen, denn es war Befehl gegeben, ihn zu tödten, ſobald er ſich demaskire. Er blieb auf der Inſel, bis ein vertrauter Officier, Namens Saint⸗Mars, Gouverneur von Pignerol, im Jahre 1690 zum Gouverneur der Baſtille ernannt wor⸗ den war und ihn, immer maskirt, mit ſich dorthin führte. Vor dieſer Verſetzung machte ihm der Marquis von Louvois einen Beſuch auf der Inſel und ſprach mit ihm ſtehend mit einer an Ehrerbietung grenzenden Haltung. In der Baſtille wußde der Unbekannte ſo gut untergebracht, als es daſelbſt m mich war; man verweigerte ihm nichts, was er verlangte, nnd befriedigte ſeinen Geſchmack für ausgezeichnet feine

[lelon.

Wiſche und Spitzen. Er ſpielte Guitarre, er hielt große Tafel, und der Gouverneur ſetzte ſich ſelten in ſeiner Gegen⸗ wart. Ein alter Arzt der Baſtille, welcher ihn öfters in Krankheiten behandelt hatte, hat ausgeſagt, daß er niemals das Geſicht dieſes Mannes geſehen, obgleich er öfters ſeine Zunge und ſeinen übrigen Körper unterſucht habe.Er war bewunde.»werth gebaut, ſagte dieſer Arzt weiter, ſeine Haut war etwas braun; ſchon durch den Ton ſeiner Stimme erregte er Theilnahme, und niemals ließ er durch⸗ blicken, wer er ſei.

Dieſer Unbekannte ſtarb im Jahre 1703 und ward bei Nachtzeit auf den Friedhof des Kirchſpiels Saint⸗Paul be⸗ graben. Es muß dies Alles um ſo mehr in Erſtaunen ſetzen, als um die Zeit, da man ihn nach der Inſel Sainte⸗Marguerite brachte, keine hervorragende Perſönlichkeit in Europa ver⸗ ſchwunden iſt. Daß der Gefangene aber eine ſolche war, iſt ohne allen Zweifel, denn während der erſten Tage ſeines Aufenthaltes auf der Inſel trug ſich Folgendes zu: Der Gouverneur ſetzte die Gerichte ſelbſt auf ſeine Tafel und zog ſich zurück, nachdem er ihn wieder eingeſchloſſen hatte. Eines Tages ſchrieb der Gefangene mit einem Meſſer auf eine ſil⸗ berne Schüſſel und warf ſie aus dem Fenſter auf einen Fiſcherkahn, welcher ziemlich am Fuße des Thurmes, in wel⸗ chem ſich das Gefängniß befand, am Ufer lag. Der Beſitzer dieſes Fahrzeuges hob die Schüſſel auf und brachte ſie dem Gouverneur. Dieſer, überraſcht, fragte den Fiſcher:Habt Ihr geleſen, was hier geſchrieben ſteht, und hat irgend Je⸗ mand die Schüſſel bei Euch geſehen?Ich kann gar nicht leſen, antwortete der Mann,ich haſel ſoeben erſt gefunden, und es. hat ſie kein Menſch, n. Der Fiſcher wurde ſo lange zurückgehalten, bis die Wahrheit ſei⸗ ner Ausſage erwieſen war, worauf ihn der Gounerneur mit den Worten entließ:Geht, Ihr könnt von Glück ſagen, daß Ihr nicht leſen könnt. Herr von Chamillart war der letzte Miniſter, welcher um dieſes Geheimniß wußte. Sein Schwiegerſohn, der Marſchall de la Feuillade, hat mir er⸗ zählt, daß er bei dem Tode ſeines Schwiegervaters dieſen auf den Knieen beſchworen habe, ihm anzuvertrauen, wer der Mann mit der eiſernen Maske geweſen ſei, er habe aber ge⸗ antwortet, dies ſei ein Staatsgeheimniß, und er habe einen Eid geleiſtet, es niemals zu enthüllen.

So weit Voltaire. Obgleich er dieſe Angelegenheit allerdings mehr anekdotenmäßig als hiſtoriſch behandelt und ihre Glaubwürdigkeit damit nicht wenig beeinträchtigt hat,*) ſo iſt es doch nur zu begreiflich, daß ſeine Erzählung allge⸗ meine Senſation erregte und daß man ſich alsbald in Ver⸗ muthungen über den Träger der eiſernen Maske erſchöpfte. Bald glaubte man hinter ihr Louis von Bourbon, Grafen

*) Selbſt der Styl iſt im Urtert an dieſer Stelle ſo vernachläſſigt, daß man auf einen andern Verfaſſer zu ſchließen verſucht wird.

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