Poeten ziemlich ſpäterer Epoche. Doch die Auswahl iſt nicht ſo ausgedehnt, daß ſie hätte zur Aufnahme ſchwacher Productionen nöthigen müſſen.
Grün hat nun ferner ſeinem Büchelchen eine
Abhandlung vorausgeſchickt, die er nach engliſchen
Quellen zuſammengeſtellt und welche ſich mit einer ſehr intereſſanten Unterſuchung des eigentlichen Ge⸗ genſtandes, nämlich des ſagenhaften und doch nicht unhiſtoriſchen Robin Hood beſchäftigt. Oft hat man in oberflächlicher Annahme geglaubt— und auch manche Erläuterer waren der Meinung—, dieſer Ro⸗ bin, der ſtets ein Geächteter, ſtaatlich Verfolgter ge⸗ nannt wird, ſei ein Wildfrevler, ein blos durch un⸗ gewöhnlichen Muth ausgezeichneter Raubſchütz und gelegentlicher Räuber geweſen.
Auffallend bliebe aber bei ſolcher Annahme die große, ganz allgemeine Verehrung, die Robin als populärſter Volksheld ſeit Jahrhunderten, ja ſogar noch heute bei der Nation genoß und noch genießt. Man ſchwur bei ſeinem Namen, feierte Feſte an beſtimm— ten Tagen ihm zu Ehren, ſo z. B. um die Weih⸗ nachtszeit und im Mai, und es war der Regierungs⸗ gewalt nie möglich, dieſes halb heilig gewordene, der klerikalen Partei unangenehme Andenken zu verlö⸗ ſchen. Einem blos kühnen, wenn auch immerhin von großmüthigen Charakterzügen geadelten Freiſchützen konnte das Volk unmöglich eine ſo begeiſterte Hingabe widmen. Der Grund mußte wo anders liegen.
Es ſcheint ſich nun mit ziemlicher Sicherheit herauszuſtellen, daß Robin Hood, der keineswegs, wie manche meinen, adliger hoher Abkunft war, ein Vertreter und Märtyrer für die alte angelſächſiſche Freiheit in England geweſen iſt. Normannenherzog Wilhelm der Eroberer zog mit ſeinen Kriegsvölkern aus der Normandie nach Britannien hinüber und un⸗ terwarf die Sachſen dort. Der Volksſtamm wurde unter ihm und ſeinen Nachfolgern mit Hülfe der herübergekommenen franzöſiſchen Ritter und Hofſchran⸗ zen gänzlich unter drückt, verſprengt, ſeiner Beſitzun⸗ gen und auch vieler ſeiner Grundrechte beraubt und zog ſich zum Theil in die Wälder zurück, zum Theil verfiel er einer Art Knechtſchaft. Einzelne Helden⸗ figuren aber vertheidigten die alten Privilegien und Menſchenrechte, wurden Freijäger und auch gelegent⸗ lich Räuber und Rächer gegen die vornehmen Unter⸗ drücker, und man ächtete und verfolgte ſie. Haupt⸗ ſächlich trieben ſie in den großen Forſten ihr Weſen, denn die Normannenherrſchaft hatte alle Wälder für königliches Eigenthum erklärt und grauſame Strafen auf jeden Uebergriff gegen dieſe neuen Tyrannenrechte geſetzt. Keiner durfte in Waffen angetroffen werden draußen im freien Wald, und dieſes Fahnden auf
Novellen⸗Zeitung.
Wilddiebe galt im Grunde der ſich zurückziehenden, in einen Hinterhalt flüchtenden Volkskraft, die ſich bewaffnete, um gegen die neue Herrſchaft, wenn es galt, Front zu machen. Grauſam waren die Maß⸗ regeln gegen dieſe Geächteten, und es gingen lange Zeitläufe und Geſchlechter darüber dahin, ehe ſich der unterdrückte angelſächſiſche Stamm mit den neuen Ankömmlingen zu einer friedlichen Volkseinheit miſchte.
Sicher iſt nun Robin Hood ein ſolcher Volks⸗ heros und Märtyrer für die angelſächſiſchen Rechte und perſönlichen Freiheiten geweſen und zwar wahr⸗ ſcheinlich der bedeutendſte von Allen, ſtets den Armen, Bedrückten zugethan und immer in offener Fehde ge⸗ gen Gewalt und ſervile Polizeiherrſchaft der Norman⸗ nen. Chriſtlich fromm und echt religiös im einfachen Gemüth, warf er doch auch herrſchſüchtige, das Volk ausſaugende Biſchöfe nieder, herrſchte über eine Bo⸗ genſchützenſchaar von oft mehreren Hundert Köpfen, beſtand viele Abenteuer und Kämpfe mit ſächſiſchem Löwenmuth und gewaltiger Körperkraft und endete endlich, der Sage nach, in hohem aber ungebeugtem Alter durch die verrätheriſche Schändlichkeit einer Kloſterſchweſter, der er ſich in einem Krankheitsfall anvertraute, die ihn aber, um der Tyrannenpartei gefällig zu ſein, an einem Aderlaß verbluten ließ. Man ſcheint endlich darüber einig, daß er Ende des dreizehnten Jahrhunderts zur Zeit Eduard's I. gelebt hat, und die Volkslieder beſingen in ſeinem Gefährten⸗ kreiſe auch noch manchen andern impoſanten Recken, ſo z. B. den berühmten Klein John, zum Spott ſo genannt, da er 7 Fuß hoch und ein Herkules war und den ehrlichen deutſch⸗ſächſiſchen Namen John Klein trug. Man vermuthet ſein richtiges Grab und Rieſenſkelet aufgefunden zu haben, drei Stun⸗ den von Caſtleton in Derbyſhire. Er hat der Chronik nach ſeinen Hauptmann Robin überlebt.
Wie immer bei ſolchen Gelegenheiten hat das Volk und ſein Dichtermund ſeinen Liebling Robin glorificirt und viele Großthaten, die vielleicht lange vor ihm von andern Kämpen geſchehen und in ähn⸗ licher Tendenz der Oppoſition ausgeführt ſind, auf Robin übertragen. Aber es verfuhr dabei mit vieler merkwürdiger und, wenn man vlll, echt engliſcher Realiſtik. Weit davon entfernt nämlich, den gewal⸗ tigen Mann als den Stärkſten und Unüberwindlichen unter den Sterblichen ſimſonartig hinzuſtellen, erzäh⸗ len viele Balladen, wie er auch unter ſeinen Gegnern ebenbürtige und unter den Männern des Volks, mit denen er unbekannter Weiſe oft aus Muthwillen und um ihre Tüchtigkeit zu prüfen, anband, noch größere Kräfte als die ſeinigen gefunden hat. So erwies es ſich bei John Klein und bei mehreren Andern, die
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