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ſagte und that, geſchah mit einer Einfachheit, als wenn Alles ſo ſein müſſe, und nicht anders ſein könne.
Da Hedwig bemerkte, daß ihre Dienerin ſich über die Anweſenheit eines fremden Herren wunderte, ſagte ſie:„Ja, liebe Brigitte, ich habe heute eine unver⸗ hoffte Hülfe bei der Pflege der Röſig erhalten; dieſer Herr hatte ſich verirrt, und da er hier das Leiden ſah, ſo trieb ſein gutes Herz ihn, zu bleiben und zu hel⸗ fen; nun muß ich aber gehen, ſonſt wird es zu ſpät.“
Bei dieſen Worten ſetzte ſie einen einfachen Stroh⸗ hut auf und band einen leichten Shawl um, küßte darauf den kleinen Toni, bat ihn ſich recht ſtill zu verhalten, ſah nach der noch ruhig ſchlafenden Kran⸗ ken, gab Brigitten die Hand und mit einer leichten Handbewegung lud ſie Eduard ein, ſie zu begleiten, und ſo traten ſie in den ſchönen Abend hinaus.
Der Anblick, der ſich ihnen darbot, war wunder⸗ bar ſchön; die Sonne war untergegangen; nur das Abendroth zeigte noch, wo die Königin des Tages hinabgeſtiegen, und überzog die hohen Felsſpitzen mit einem roſigen Scheine; tiefe Schatten lagen aber ſchon in den Schluchten, hin und wieder ſah man weiße Nebel aus der Tiefe herauf ſteigen, um ſich als Wolkengebilde an die Berge zu lehnen. Der Mond kam prächtig über die Berge heraufV; ſeine jetzt noch große und faſt roth erſcheinende Kugel ſtieg all⸗ mählich höher und höher und verſprach einen ſchönen Abend, eine köſtliche Nacht; Alles athmete Ruhe und Frieden in der Natur; das Rauſchen des Baches war das einzige Geräuſch, was man vernahm.
Nachdem Hedwig und Eduard einen Augenblick dieſen Anblick genoſſen, betraten ſie den ſchmalen Steig, um einer hinter dem andern den Ausgang der Schlucht zu erreichen. Leikas, als Leiter dieſer klei⸗ nen Geſellſchaft, ging voran, Hedwig folgte ihm und Eduard ſchloß den Zug.
Schweigend verfolgten ſie ihren Weg, doch als die Schlucht ſich erweiterte und der Weg breiter wurde, trat Walther Hedwig zur Seite und bot ihr den Arm. Unbefangen nahm ſie ihn, und ebenſo unbe— fangen begann ſie eine Unterhaltung.
Eduard ſagte nur dann und wann ein Wort. Ihm war ſo eigen; er konnte nicht viel ſprechen; die Wonne, die ſein Herz fühlte, mochte er nicht in Worte faſſen; es war ihm, als wenn dann Alles wie ein ſchöner Traum zerrinnen müſſe. Kaum konnte er es faſſen, daß es Wirklichkeit wäre, daß er an der Seite des lieblichſten Mädchens, das er jemals geſehen, gehe. Mit einem unbeſchreiblich ſeligen Ge⸗ fühle horchte er auf ihr Geſpräch; ſie ſprach ſo wahr und innig und dabei ſo natürlich und unbefangen,
Novellen⸗
Zeitung.
da war keine Künſtelei, kein Zieren; da war nichts Erlerntes, nichts Fremdes, wie man es ſo oft bei ſehr jungen Mädchen, namentlich jetzt, wo die Erzie⸗ hung der Töchter außer dem Hauſe immer häufiger iſt, finden kann.
Hedwig hatte den großen Vorzug genoſſen im Hauſe erzogen zu werden. Ihre Mutter, eine von wahrer Geiſtes⸗ und Herzensbildung belebte Frau, hatte die Erziehung ihrer Tochter, ihres einzigen Kindes, allein geleitet, indem der Unterricht theils von derſelben ſelbſt, theils von einigen tüchtigen Leh⸗ rern ertheilt worden. Das reichbegabte Kind war eine eifrige Schülerin geweſen, und hatte ſich unter der milden, aber auch ernſten Hand der Mutter zur Freude Aller, die ſie kannten, entwickelt. Kaum hatte das junge Mädchen das funfzehnte Jahr erreicht, als ſie der harte Schlag traf, ihre Mutter zu verlieren. Sie war nun auf ſich ſelbſt angewieſen, denn ihr Vater, der immer ein abgeſchloſſener, düſterer Mann geweſen war, wurde es durch den Tod ſeiner Frau noch mehr; er lebte nur ſeinen Geſchäften und über⸗ ließ die Tochter ſich ſelbſt. Dank dem wahren chriſt⸗ lichen Glauben, den die Mutter in Hedwig's Herz ge⸗ pflanzt; Dank der geſunden Bildung, die ſie erhalten hatte, verſank ſie auch nicht ganz in Troſtloſigkeit über ihren Verluſt. Als der erſte Schmerz überwunden, nahm ſie ſelbſt ihre weitere Ausbildung in die Hand; ſie lernte eifrig weiter, vernachläſſigte aber dabei auch nicht das Hausweſen, welches ſie vereint mit ihrer treuen Brigitte beſorgte. Brigitte hatte Hedwig von ihrer Geburt an gepflegt; ſie hatte ſehr jung ihren Mann und ihr einziges Kind verloren, und hatte als hülfloſe Frau den Dienſt einer Amme im Hauſe des Barons von Rothenfels, des Vaters von Hedwig, angenommen. Sie hatte die Kleine zuerſt genährt und gepflegt, ſpäter gewartet, behütet und immer von ganzem Herzen geliebt. So hatte ſich Hedwig bis auf den Tag, wo wir ſie mit Eduard vereint den Thalweg entlang gehen ſehen, immer herrlicher ent⸗ faltet.
Jetzt empfand Walther ſo ganz jenen Einfluß, den ein von einem heiteren Geiſt und ſchönen Lebens⸗ verſtändniß durchwehter Sinn für Höheres, eine edle Weiblichkeit im Bunde mit den Grazien ebenſo rei⸗ zend als unbewußt über ihre ganze Umgebung verbrei⸗ tet. Sie feſſelte ihn ganz durch die ernſte, ſinnige Anmuth ihres Seins und den hellen Verſtand, der ſich in allem, was ſie ſagte, ausſprach. So war die Wohnung Hedwig's erreicht worden.
„Gern,“ ſagte ſie jetzt,„würde ich Sie bitten, bei uns einzutreten, doch mein Vater befindet ſich nicht ganz wohl, ſieht dann, aufrichtig geſagt, nicht


