Jahrgang 
01-25 (1864)
Seite
276
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jetzigen Menſchenſcheu, ſchon raſch davon eilen; doch dies ſollte ihm nicht gelingen, denn eben, als er an dem Häuschen vorübergehen und ſeinen Weg ſchleunigſt fort⸗ ſetzen wollte, öffnete ſich die Hüttenthüre und eine weibliche Geſtalt erſchien auf der Schwelle. Eduard, wenn er nicht ganz unhöflich ſein wollte, mußte grü⸗ ßen; doch dies unterblieb, denn er ſtand ſtatt deſſen wie feſtgebannt. Die Erſcheinung dieſes lieblichen Weſens, umfloſſen von den Strahlen der Abendſonne, blendete ihn; er glaubte, eine Geſtalt aus Himmels⸗ höhen wäre ihm erſchienen.

Dieſes feine blaſſe Geſicht trug Engelszüge; ihr großes, thränenfeuchtes Auge ſah den Fremden ver⸗ wundert, aber freundlich an. Da dieſer aber unbe⸗ weglich ſtand und ſie nur immer und immer anblickte, wurde ſie verwirrt und erröthete. Eduard blieb noch immer ſtumm. Dieſes peinigende Stillſchweigen unterbrach ſie endlich mit der Frage:

Sie haben ſich gewiß verirrt, denn es iſt ſo ſelten, daß Fremde dieſe Schlucht betreten. Sollten Sie den Weg nicht kennen, ſo kann Ihnen der kleine Toni denſelben zeigen.

Dieſe einfachen Worte ſprach ſie mit einer ſolchen anmuthigen Natürlichkeit, daß Walther's Entzücken noch mehr ſtieg. Er fühlte, daß er antworten mußte, doch dieſer ernſte, in ſeinem Gram ſo tief gedrückte Mann fühlte plötzlich ſeine Bruſt durch ein ſo won⸗ niges Entzücken bewegt, daß es ihm nicht möglich war Worte zu finden; alles Blut ſtrömte ihm zum Herzen, ſein Athem ſtockte, er wurde leichenblaß, ſeine Geſtalt wankte und wäre umgeſunken, wenn das junge Mäd⸗ chen ihm nicht die Hand gereicht und ihn zu einem gro⸗ ßen vor dem Hauſe liegenden Stein geführt hätte. Sie bat ihn ſich zu ſetzen, ging darauf ſchnell in's Haus, kam in einer Secunde mit einem Glaſe Waſſer zurück, reichte es Walther und ſagte mit einem beſorgten, aber überzeugenden Ton:Trinken Sie, es wird Ihnen beſſer werden.

Dies rrat auch ein, denn Eduard fühlte ſich wieder leichter und freier, ſein Athem erweiterte ſich und er gewann bald ſo viel Faſſung, daß er eine Entſchuldigung wegen des Schreckens und der Störung hervorbrachte.

O! thun Sie dies nicht, ſagte ſie freundlich, wenn auch Ihr plötzliches Erſcheinen und Unwohl⸗ werden mich etwas erſchreckt und beſtürzt machte, ſo hat es doch auch ſein Gutes gehabt, es hat mich von den trüben Gedanken, die mich an dem ſo ſchwe⸗ ren Krankenlager der in dieſer Hütte wohnenden armen Frau erfaßt hatten, abgezogen; ich werde jetzt gewiß, ſetzte ſie bei dem fortwährend auf ihr ruhen⸗ den Blicke Eduard's erröthend hinzu,wieder Kraft

Novellen⸗Jeitung.

gewonnen haben, der armen Leidenden beiſtehen zu können.

Dieſe Worte ſprach das junge Mädchen ſo na⸗ türlich, aber mit einer ſolchen Anmuth in ihrem ganzen Benehmen, daß das fein organiſirte Herz Eduard's ſofort den wohlthätigen Einfluß fühlte, den wohl jeder gebildete Mann in dem Umgange mit gleich gebildeten Frauen empfindet.

Er ſtand jetzt auf, erfaßte die Hand des vor ihm ſtehenden Mädchens, dankte ihr herzlich für ihre Freundlichkeit und Hülfe, die ſie ihm erwieſen, und fragte ſie, ob er ihr in irgend etwas bei der Pflege der Kranken beiſtehen könne.

Ein tiefes Stöhnen aus dem Zimmer erſchreckte ſie; das junge Mädchen wandte ſich ſchnell, und ohne ein Wort zu ſagen, eilte ſie in's Haus.

Eduard fofgte ihr, öffnete leiſe die nur an⸗ gelehnte Stubenthür, blieb auf der Schwelle ſtehen und blickte in ein kleines, niedriges, aber ſehr rein⸗ liches Zimmer; die Wände waren weiß getüncht, der Fußboden war mit weißem Sand ſauber beſtreut, worauf jetzt die unterſinkende Sonne ihr purpurnes Licht ergoß. Die Einrichtung war dürftig; der einzige Luxus der Stube beſtand in einem großen bequemen Lehnſtuhl und in weißen Gardinen an den Fenſtern.

Auf einem dürftigen, aber reinlichen Lager lag die abgemagerte Geſtalt einer Frau; ihr längliches, mage⸗ res Geſicht trug noch nicht die Spuren des Alters, ſondern nur die der Krankheit und des Elends. Ihre großen Augen mochten früher in ihrem dunkelen Glanze hübſch geweſen ſein; jetzt waren ſie wie erloſchen, und ihre ungewöhnliche Größe ließ ſie faſt unheim⸗ lich erſcheinen. Ihre eine Hand, die weiß und mager bis zur Durchſichtigkeit geworden war, und ſchon hin gereicht hätte, in ihr die ſchwere, unheilbare Krankheit, woran die Frau litt, zu erkennen, lag ermattet auf der mit weiß und rothearrirten Leinen überzogenen Bettdecke; die andere wollte ein Glas, welches das junge Mädchen hielt, faſſen; dieſe verhinderte es aber und ſagte mit der Stimme der innigſten Theil⸗ nahme:

Liebe Frau, laßt es mir Euch an die Lippen bringen, Ihr ſeid zu ſchwach, Ihr könnt es nicht hal ten, ich will verſuchen Euch mit der andern Hand etwas aufzurichten.

Eduard hatte während dieſer Zeit kein Auge von dem jungen Mädchen gewandt; in ihrer Samariter⸗ pflicht ſchien ſie ihm nur noch anziehender; ihre feine, elaſtiſche Geſtalt, umſchloſſen von einem weißen hohen Kleide, bog ſich über die Kranke, um ihr das Getränk zum Munde zu führen; jetzt ſtreckte ſie den freien

Arm aus, um damit die Frau zu ſtützen. Als er