Jahrgang 
01-25 (1864)
Seite
274
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Ueber alle dieſe Verſchönerungen wurde das Nützlichſte nicht vergeſſen; in dem Grade, wie Walther im Garten und Hauſe verſchönte, verbeſ⸗ ſerte er auch die Aecker, Wieſen, Hofgebäude und den Viehſtand. Im Spätherbſt erkannte man kaum das Gut wieder, es wurden förmliche Wallfahrten von⸗ der Stadt aus nach Reichheim unternommen, jeder wollte ſich ſelbſt von dem Fabelhaften mit eignen Augen überzeugen.

Der Verkehr zwiſchen Walther und dem Doctor war ein reger geblieben; bei jedem Beſuche ward es bei Grün mehr zur Gewißheit, daß er die edlen Züge ſeines Patienten ſchon irgendwo geſehen, bis er ſich plötzlich des jungen vornehmen Engländers Sir Edward Carlton Richton, mit dem er in Bonn ſo viel verkehrt, erinnerte.

Es fiel ihm wie Schuppen von den Augen, und er verſtand jetzt nicht, wie ihm dies hatte ſo lange verborgen bleiben können.

Da aber Walther immer ſeine Schweigſamkeit über ſeine Perſon bewahrte, nie ſeiner Vergangenheit erwähnte, auch nie hatte merken laſſen, daß er ſchon früher Deutſchland kennen gelernt; der Doctor auch nicht im geringſten ahnte, daß er im erſten Augenblick von ſeinem Kranken erkannt worden ſei: ſo hütete er ſich auch durch irgend eine Sylbe zu verrathen, was ihm jetzt klar geworden; auch ſchloß er richtig, daß Eduard durch ſchwere Schickungen getroffen ſein müſſe, und es wohl für einen Unberufenen unerlaubt ſei den Schleier des Geheimniſſes lüften zu wollen.

Eben ſo gern, wie Eduard mit dem Doctor ver⸗ kehrte, liebte er auch die Geſellſchaft des Pfarrers; des Abends, wenn die Tagearbeit beendet, ging er nach dem traulichen Pfarrhofe, um mit Weimuth ſich ein wenig zu unterhalten. Je mehr er dieſen Mann kennen lernte, deſto mehr lernte er ihn ſchätzen und achten; nicht allein, daß es ein wirklich gelehrter Mann war, machte ihm denſelben ſo werth, nein, das wahre Erkennen ſeines heiligen Berufs, die Treue in ſei⸗ nem Amte, wie er vom frühen Morgen bis zum Abend nur beſtrebt war, ſeine Pflichten zu erfüllen, ſtellte ihn ſo hoch in Eduard's Augen.

Es wurde ihm ſehr bald eine wirkliche Entbeh⸗ rung, wenn er den Pfarrer einen Tag nicht geſprochen, er ſehnte oft im Laufe des Tages den Abend herbei, um ſich an ſeiner Unterhaltung erquicken zu können.

Doch bei all dieſer Zuneigung blieb er über ſeine Perſon Weimuth gegenüber ebenſo verſchloſſen, als er es gegen den Doctor war; dies war nicht Mangel an Vertrauen, nein, es war eine unerklärliche Scheu, die ihn von der Mittheilung abhielt. So ſehr ſein Herz nach einem geiſtlichen Zuſpruch und Troſt verlangte,

Novellen⸗Zeitung.

ſo war es ihm doch nicht möglich ſein Herz in einer freien Mittheilung zu erſchließen und ſein tiefes Weh einem menſchlichen Auge darzulegen. Er glaubte noch immer, Jeder würde und müßte ihn dann fliehen; er, der Mörder ſeines Freundes, er, ein mit dem Mutterfluch Beladener, wie konnte er hoffen, Theil⸗ nahme und Mitgefühl zu erhalten?

In dieſen krankhaften Vorſtellungen und Anſich⸗ ten überſah er freilich gänzlich, daß jeder vernünftige und vortreffliche Menſch ihn nie tadeln, ſondern ihm nur die tiefſte Theilnahme ſchenken würde. Da ſeine Anſichten dem aber ſo ganz entgegen waren, ihm auch bei ſeiner Abgeſchloſſenheit keine anderen werden konn⸗ ten, ſo hörten die ſelbſtgeſchaffenen Vorwürfe, die quälenden Geviſſensbiſſe nicht auf.

Mehrere Male ſeit ſeines Bruders letztem Briefe hatte er dieſem und ſeiner Mutter geſchrieben, die⸗ ſelbe in den wärmſten Worten um ihre Vergebung gebeten; ihm war nie eine Antwort bis jetzt gewor den. Daß ſolche Thatſachen ſeiner kranken Seele nie Heilung bringen konnten, war klar; eine vorüber⸗ gehende Ruhe vermochte wohl in ſeinem Herzen ein zuziehen, aber von Dauer war ſie nicht.

Die einzige Nachricht, die er noch in Frankreich in der letzten Zeit ſeines Aufenthalts aus England erhalten, war von ſeinem dortigen Anwalt. Dieſer bat ihn, ihn der gegebenen Vollmacht über die Mit⸗ beaufſichtigung ſeiner Güter und ſeines Vermögens zu entbinden. Der Grund dazu wäre vorgeſchrittenes Alter und ſeine jetzt ſchwache Geſundheit. Er ſagte dann noch weiter, wenn er ihm noch zuletzt einen Rath ertheilen dürfte, ſo wäre es der, daß er ſeinem Bruder Sir Hugh eine General⸗Vollmacht geben möchte; die Verwaltung ſeines Vermögens könnte er keinen beſſern Händen anvertrauen; nur eins wollte der Anwalt, wie er ſagte, auf dringendes Bitten Sir Hugh's beſorgen, das wäre die Zuſendung der Gelder für Lord Edward an den Banquier; dann bat er ihn, die Acte über die Entziehung ſeiner Vollmacht und die General⸗Vollmacht für Sir Hugh an denſelben direct zu ſenden; er reiſe auf mehrere Monate in's Bad und wäre daher längere Zeit nicht anweſend.

Auf den Inhalt des erwähnten Schreibens that Eduard, was von ihm gewünſcht worden; dies hatte er noch beſorgt, ehe er Frankreich verließ. Seit dieſem Augenblick ſchien nun jede Verbindung zwiſchen Eduard und ſeinem Vaterlande abgeſchnitten zu ſein; ſeine Gelder trafen immer richtig ein, aber nie ein Wort von den Seinigen.

Manches Mal, wenn ſein Schmerz und die Sehn⸗ ſucht nach ſeiner geliebten Heimath recht rege war und an dem Innerſten ſeines Herzens nagte, kam