Jahrgang 
01-25 (1864)
Seite
270
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270 Novellen

Inſchriften bemalt und gemahnen an Menageriebuden. Oft fahren die Deichſeln zuſammen, es bricht etwas, man hört Schelten und Fluchen, und die Pferde ſtürzen auf dem er ſchrecklichen Pflaſter nieder. Jeden Tag ſieht man irgend ein verunglücktes Pferd auf dem Pflaſter liegen, und wenn ein ſolches Thier am Sonntag Morgen ſtürzt, darf es wegen der Strenge des Sabbaths erſt am Montag fortgeſchafft werden! Beim Aſtor⸗Hauſe oder von Wall⸗Street den Broad zu durchkreuzen gehört zu den größten Wagſtülcken. Damen müßten von dieſem Verſuch gänzlich abſtehen, wenn nicht zu ihrem Beiſtande ein T rupp Müßiggänger aufgeſtellt wäre, deren Pflicht es iſt, Damen als Begleiter zu dienen. Sie tragen das Zeichen der Polizeileute, ſind auch ſolche, zu meiſt ſtarke Männer mit böflichen Manieren. Sie tragen lange Frackröcke und runde Lederkappen und führen die Da men quer über die Straßen durch das dichteſte Gedränge ſicher hindurch.

So lebhaft zeigt ſich die Außenſeite der Stadt, der in Bezug auf Ausdehnung und Gedeihen vom Geſchicke keine Grenzen angewieſen zu ſein ſcheinen. Der Krieg mit den Südſtaaten mag ſo lange fortdauern, wie er wolle, die ganze Union mag in einzelne kleine Staaten und Nationen zerſallen, das Sternenbanner mag in ſeine S treifen und Sterne auf gelöſt werden, ja die Capitale des Weſtens mag zu einer Hanſeſtadt mit kleinem Ländergebiet herabſinken, ſie wird doch der Mittelpunkt amerikaniſchen Lebens und Treibens bleiben.

Zu dem ungeheuern, unverhältnißmäßigen Fortſchreiten der Stadt geſellt ſich nun jetzt als belebendes und bereichern⸗ des neues Element der Bürgerkrieg. Durch Brand und Verwüſtung wied der Süden entvölkert, im Weſten liegt Alles lahm, und der Schmerzensſchrei, welcher aus beiden Hauptſtädten dieſer Landſtrecken, aus Neuorleans und St. Louis herübertönt iſt grauenvoll.

Ganz anders mit Newyork. Hierher ſcheint gegenwär tig ganz Amerika zu wallſahrten, obgleich die Stadt bei den eingebornen Amerikanern im üͤblem Ruf ſteht und für einen Vereinigungspunkt von Elend und Corruption gilt, in dem die geſetzloſen rohen Irländer und diegottloſen Deutſchen in ſo großer Zahl wohnen. Die ſchlechteſten Subjecte der alten Welt haben ihr Stelldichein in Newyork. Sie alle und die meiſten Eingebornen ſelbſt halten ſich in Newyork nur auf, um ihr Glück zu machen. Dieſe Stadt iſt ihnen wie ein Schiſf, das man benutzt und es dann wieder verläßt. Die ganze Bevölkerung befindet ſich in einem wogenden, ab und zuziehenden Zuſtande; ſte wurzelt nicht im Boden. Stadt iſt ihr Kaufladen, ihre Durchfahrt, in der man Geld verdient. Aber wie wenige denken daran, hier ihre alten Tage in Ruhe hinzubringen und ihre Kinder zu erziehen!

Bei alledem iſt Newyork bereits eine übervöllerte Stadt, in der es an Wohnungen fehlt. Gerade jetzt wieder ſteigen fünf oder ſechs der wahrhaft koloſſalen Gaſthöfe aus dem Boden empor, die beſtimmt ſind, nicht etwa durchreiſende Fremde, ſondern einheimiſche Familien aufzunehmen. Für einen großen Theil der Amerikaner hat das Gaſthofsleben einen größern Reiz als das enge Heiligthum einer Häuslich keit. Der hohe Preis der Miethwohnungen, des Arbeits⸗ lohnes, die Theurung des Brennmaterials und die ſchlechten Dienſtboten ſind eben ſo viele Urſachen, aus denen amerl kaniſche Familien noch mehr in ihrem Drang zum Leben unterſtützt werden und ſo zu dem

communiſtiſchen Gaſthausleben gelangen

way

Die

ſocialen vereinigten, beinahe n. Ein häusliches

Jeilung.

Familienleben nach deutſchen Begriff faſt zur Ausnahme geworden.

Im Gefolge dieſes Yankee Zigeunerlebens ausſchweifende, frivole und luxuribſe Sitten. den Tag hinein und fröhnt dem Vergnügen. ger als zwanzig Theatern wird engliſch und italieniſch geſpielt und geſungen. In Bezug auf andere Vergnügungsorte erreicht Newyork beinahe Paris, dem es bald am Volkszahl gleich ſein wird. Alles ſcheint ſich ſeit dem Ausbruch des Bürgerkriegs zu verdoppeln, und ſämmt liche öffentliche Säle ſind vom October bis zum April bereits für Geſellſchaftsunterhaltungen im Voraus belegt. Spiel höllen und Bälle aller Art waren nie ſo zahlreich beſucht wie jetzt; franzöſiſche und italieniſche Kriegsabenteurer haben ihre beſondern Tanzarten und Champagnerdiners eingeführt, undAlles gedeiht.

Hand in Hand mit dieſem Luxus, dieſer Verſchwendung, dieſem wüſten Leben geht ein ſieberhaftes Jagen nach Geld. Newyork iſt wahrlich jetzt nichts anderes als ein großes Spiel⸗ haus. Beſucht man an einem Sonnabend Nachmittag die Concerte im neuen Centralpark, ſo erſtaunt man üͤber die große Zahl neuer Caroſſen mit herrlichen Pferden beſpannt, die vielleicht geſtern von ihren Eigenthümern erworben wun den, um morgen ſchon verloren zu ſein. Aber der Gepanke an dieſesMorgen ſcheint bei all den Leuten nicht vorhan den. Daswie gewonnen, ſo zerronnen iſt in Newyork an der Tagesordnung,

Dabei zweifelt kein Menſch daran, daß der große Ban

en iſt bei den Yankees

finden wir Man lebt in In nicht weni deutſch, franzöſiſch

kerott eintreten muß, an dem das Papiergeld(die Green backs) nicht mehr werth iſt als ein dürres Blatt.

Darum dieſes Jagen nach Vergnügen aller Art, denn leder will vor dem großenKrach auch ſein Theil genießen.

Das Streben in den meiſten amerikaniſchen Städten mit Ausnahme von Boſton geht jetzt dahin, den engliſchen Urſprung zu verleugnen und franzöſiſche Sitten und Ge⸗ bräuche nachzuäffen. Viel von der angelſächſiſchen Unter nehmungskraft, Stärke und Beſtändigleit liegt zu Boden; an der Oberfläche zeigt Jung⸗Amerika Pariſer Lack und ſchwärmt für franzöſiſche Aeußerlichkeiten. Jetzt gleicht der Yankee Amerikaner einem halbfranzöſirten John Bull.

Das Land⸗ und Badeleben in Saratoga und Newport iſt jetzt bei den Newyorkern Mode geworden. Der Bürger, welcher 10 Monate in ſeinem ungeheuren Logirhauſe in der fünften Avenue eingeſperrt iſt, ſehnt ſich nach friſcher Luft. Und geht er ſelbſt auch oft widerſtrebend, die Königin ſeines Hauſes wünſcht und befiehlt es. Denn unter den Colonnaden am Ocean iſt es Mode noch einmal ſo viel Juwelen anzuſtecken, noch ſchwerere Seidenkleider und größere Crinolinen zu tra gen als daheim auf dem Broadway. Liebliche ſchattige Ruhe plätze und nette Villen giebt es genug auf dem friſchgrünen Staaten Island oder am Geſtade von Jerſey und der Bucht von Newyork. Aber der eigentliche Newyorker iſt ebenſo wenig von ſeiner Avenne fortzubringen als der Pariſer von ſeinem Boulevard, und die ſchönen Landhäuſer der Umgegend werden meiſt von neuen Anſiedlern aus der alten Welt be⸗ wohnt. Das Klima iſt ſo herrlich, wie man es nur wün⸗ ſchen kann, und die Reinheit des amerikaniſchen Himmels läßt ſich nur mit dem Italiens vergleichen, ſelbſt im Winter. Aber mehr oder weniger faul iſt dennoch Alles, und der große Krach wird nicht ausbleiben.

So lautet im Weſentlichen ein dem Engliſchen entlehn. ter Augenzeugenbericht in der Chronik der Reiſen. Gs iſt zu wünſchen, daß der Verfall oder direct geſagt der Bankerott