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ſein ſcheint, doch darf man darüber nicht zu ſehr jubeln, denn viele Sachkundige wollen behaupten, daß dies mehr ein Zu⸗ fall als ein ſicher zu berechnender Erfolg ſei, denn trotz aller Vorſichtsmaßregeln könne ſie doch eines Tages wieder in Eu⸗ ropa Fuß faſſen, und es wäre dann vorauszuſehen, daß ſie auf dem neuen Terrain, wie gewöhnlich eine wandernde einge⸗ ſchleppte Epidemie, ſoviel neuen Nahrungsſtoff finden würde um ſich ſelbſt zu regeneriren und in ihrer alten Furchtbarkeit auf⸗ zutreten. Ueber den großen, namentlich ſüdlichen Seeſtädten wird dieſes Damoklesſchwert immer hangen bleiben, und bei unſerm vorgeſchrittenen Verkehr und bei der Freiheit des modernen Lebens ließe ſich keine Einengung des Uebels er⸗ warten. Sie hat Europa ehedem, im Lauf mehrerer Jahr⸗ hunderte oft genug heimgeſucht, und als man ſchon bemerken wollte, daß ſie, wie jetzt mehr und mehr, ſelbſt in ihrer aſia⸗ tiſchen Heimath anfing, ſchwächer und gutartiger zu werden, brach ſie doch ſelbſt im achtzehnten Jahrhundert noch einmal zu uns herein. Andere meinen, ſie bildete ſich bei uns ganz von ſelbſt, ſo z. B. in Marſeille, wo ihre Kataſtrophe von 1720 hiſtoriſch geworden iſt.
Es iſt intereſſant auf dieſes Unglücksgemälde zurück⸗ zublicken, zumal es eigentlich ganz in unſere moderne Zeit fällt. Wir wollen dabei alles Gräßliche, Verletzende ver⸗ meiden.
Die Epidemie brach im Monat Juni zu Marſeille aus. Sie traf zunächſt nur die Frauen, die Kinder, die Armen, überhaupt die Schwachen.
Im Juli verſuchte man noch das Bekanntmachen zu unterdrücken, ganz ähnlich wie heute, wo man im übrigen Deutſchland ſehr wenig davon erfuhr, als vor einigen Jahren einige ſchwäbiſche Kreiſe von einer ſchonungsloſen typhöſen Krankheit gelichtet wurden.
Die Marſeiller Schöppen ließen Nachts die Todten heimlich wegſchaffen, die Kranken wegbringen, die Thüren der angeſteckten Häuſer vermauern, das unheilvolle Geheim⸗ niß wurde indeß von den vermauerten Thüren nur zu laut gepredigt.
Das Jahr war reich an Stürmen, aber ein ſchrecklicher fand am 21. Juli ſtatt. Der Blitz ſchlug vielfach ein, eine Menge Kirchen wurden getroffen. Von nun an entwickelte ſich eine ſtarke Sterblichkeit. Der ſcharfe Miſtralwind, der darauf folgte, verhinderte das natürliche oft Geneſung brin⸗ gende Aufbrechen der Peſtbeulen. Der Schrecken ſtieg aufs Höchſte. Alle Scham verſchwand inſofern, als man floh. Der Kaufmann reiſt nach der Meſſe von Beaucaire, der Richter verläßt die Stadt, es giebt keine Juſtiz mehr. Die Reichen reiſen ab(ein Schauſpiel, welches wir neuerdings bei der Cholera oft geſehen haben und welches mit ſeinen nachtheiligen moraliſchen Wirkungen heute bei den ungeheuer geſtiegenen Verkehrsmitteln noch viel ſchlimmer um ſich grei⸗ fen würde, als vor etwa zehn Jahren), die Hülfsquellen ver⸗ ſiechen ſomit der armen Bevölkerung mehr und mehr. Selbſt die Wehmütter überlaſſen die hülfsbedürftigen Frauen ihrem Schickſal, Alles entweicht aus der verdammten Stadt.
In welche Verzweiflung geräth aber der große Haufe,
Novellen⸗Zeitung.
ſelbe befalle vorzugsweiſe die Erſchöpften und Furchtſamen. Ein kleiner Neger, ſagt Savareſi, der auf einer Treppe vor einem Schatten erſchrak, bekam in Folge dieſer Gemüthsbe⸗ V wegung am folgenden Tage die Peſt. Dieſe Beobachtungen laſſen ermeſſen, in welchem Maße die Bevölkerung von Marſeille die Empfänglichkeit für die Krankheit hatte, da die Erſchöpfung des Elends im höchſten Grade, die Furcht mit der ganzen Kraft der ſüdlichen Einbildung, der Schrecken über die Abſperrung vorhanden waren.
Als der berühmte Chirac, Leibarzt des Regenten, zu Rathe gezogen wurde, erklärte er, man müſſe vornehmlich heiter ſein. In neuerer Zeit hat ſich ergeben, daß auch ge⸗ ſundes Bier und kräftige Fleiſchnahrung ein Gegenmittel iſt. Heiterkeit empfahlen auch die Aerzte von Montpellier, welche die Anſteckung in ſolchem Falle ſogar ganz beſtritten, ein Beweis, welche enorme Macht das Gemüth über den Körper hat. Im Allgemeinen liefen diejenigen, welche geiſtig höher ſtanden, ein kräftiges und angeſpanntes Leben führten und gute Koſt hatten, weniger Gefahr als die Andern. Die Gat⸗ tin eines deutſchen Arztes, eine junge unerſchrockene Frau, lebte im Hauptſitze der Peſt und berührte die Kranken ohne Nachtheil. Die Municipalbeamten, welche der Krankheit überall trotzten, wurden gar nicht von derſelben ergriffen.
Die reichen Benedictiner ſperrten ſich ab, ſchloſſen ſich ein. Da ſie ſich mit großen Vorräthen verſehen hatten, ſo
welchen niederſchlagenden Eindruck macht es, als das Par⸗ lament Marſeille und ſein Weichbild mit einem Truppen⸗ cordon abſperrt, die ſtrengſten Verbote erläßt und ſelbſt To⸗ desſtrafe verhängt! Die in dieſem großen Krankenheerde, in V einer dichten Volksmaſſe zuſammengedrängte Geißel wüthet um ſo entſetzlicher.
vermauerten ſie ſelbſt die Thüren und kümmerten ſich nicht darum, ob man draußen lebe oder ſterbe.
Etwas Düſtreres war nicht denkbar, als der Anblick dieſer Stadt, wo ſich zunächſt Jeder abſchloß. Auf den öden öffentlichen Plätzen brannten Scheiterhaufen, durch welche man die Luft zu reinigen glaubte, welche aber die drückende Auguſthitze noch verdichteten und ihren unheimlichen Schein weithin warfen. Auf den Straßen circulirten lächerliche und leichenhafte Schatten, die Aerzte, in dem ſonderbaren Co⸗ ſtum, welches ſie erfunden hatten und wodurch ſie ihre Furcht nur zu ſehr kundgaben. Auf Stelzſchuhen einherſchrei⸗ tend, mit umwundenem Mund und Naſe, in Wachsleinwand eingefaßt gleich ägyptiſchen Mumien, gewährten ſie einen ſchrecklichen Anblick.(Ein ganz ähnliches Coſtum, nur mit Hinweglaſſung der Stelzen und mit etwas mehr norddeut⸗ ſchem Anſtand des moraliſchen Muthes getragen, haben wir bei uns auch geſehn, als vor etwa 30 Jahren die Cholera in Magdeburg wüthete.) Dieſe Vorſichtsmaßregeln halfen ihnen jedoch nicht viel, denn von vierzig Aerzten, die von Paris entſendet wurden, ſtarben dreißig, und nur gegen vieles Geld und das Verſprechen einer Penſion für die Ueberleben⸗ den konnte man andere finden.
Bei der allgemeinen Flucht der Beamten war das Be⸗ nehmen des Biſchofs Belgunce und der Schöppen, beſonders zweier, Eſtelle und Moutier, um ſo rühmlicher. Dieſe wacke⸗ ren ſtädtiſchen Beamten führten ſelbſt die Todtengräber mit gezogenem Degen in die Häuſer und zwangen ſie zur Arbeit. Ein andrer, der ſich freiwillig unſterblich machte, und deſſen Name von Zeitalter zu Zeitalter fortleben wird, iſt der Che⸗ valier Roge, ein unerſchrockener, erfinderiſcher und thatkräf⸗ tiger Mann. Er gab ſein Vermögen hin und ſetzte tauſend⸗ mal ſein Leben in ſchrecklichen Gefahren auf's Spiel. Er kam davon. Der Herr Biſchof glaubte die Stadt zu retten, indem er ſie dem heiligen Herzen weihte. Am 16. Auguſt machte er mit der ganzen Geiſtlichkeit eine ſchreckliche Pro⸗ ceſſion, führte ein großes Schauſpiel der Buße auf; indem
Die franzöſiſchen Aerzte der ägyptiſchen Armee, welche er in ſeiner Predigt davon ausging, daß die Plage eine
die Krankheit in der Nähe beobachtet haben, behaupten, die⸗ Strafe des Himmels ſei, machte er einen tiefen Eindruck auf
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