„Bühnenleitern, die zum Verfall der Schauſpielkunſt
beitragen. In Berlin hatten ſich zu ſeinem Inſtitut ſchon vor Jahren die gewählteren Kreiſe der Theater⸗ beſucher gern hingewöhnt.
Als Schriftſteller iſt Wallner verſtändig genug,
die Urſachen nicht zu verkennen, welche manchen Un⸗ eingeweihten, Dilettanten dieſes Gebietes veranlaſſen ſollten, beſcheiden und anſpruchslos zu ſein. Was er hier darbieten will, ſind nur flüchtige Blätter aus dem nicht mit Sorgfalt conſervirten Buche ſeiner Erinnerungen. Er hat ſeine Kreuz⸗ und Querzüge und die hervorſtechenden Momente ſeines geſellſchaftlichen Lebens zu Hülfe genommen, auch wohl hier und da ſtoffliche Begebenheiten, die ihn mehr oder weniger nah berührten und aus dem Genre der Anekdote in das der Novelliſtik hinüberſchweifen, zuſammengerafft, um für einfache Auſprüche ein un⸗ terhaltendes Bändchen zu concentriren.
Sie werden ſich vielleicht ein wenig getäuſcht fühlen, wenn Sie in dieſer Lectüre nicht ſo viel direct auf das Theaterleben Bezügliches, hinter die Cou⸗ liſſen Blickendes vorfinden, als Sie vielleicht erwartet haben und als man von einem ſo viel erfahrenen, mit intereſſanten Künſtlerperſönlichkeiten vertrauten Veteranen gern empfangen möchte; dagegen zeigen ſich vielleicht manche Piècen, die nicht ganz unpaſſend in einem Kalender oder in irgend einem bunten ro⸗ mantiſchen Sammelwerk der Art am Platze wären. Daneben aber iſt hier und da ein intereſſantes Ma⸗ terial aufgeſpeichert, und man wird des Lesbaren mehr antreffen, wenn man von dem Suchen nach ge— wählten charakteriſtiſchen Momenten und Monumen⸗ ten, von dem Begehren nach einem ſcharf den Gegen⸗ ſtand kennzeichnenden, fein urtheilenden Vortrag ab⸗ ſieht und ſich mit dem Vorhandenen willig arrangirt.
Einiges aber, das Wallner gewiſſermaßen„aus dem Handwerk“ erzählt, muß als ein durchaus dan⸗ kenswerther Beitrag bezeichnet werden. So ſpricht er aus Erfahrung ſehr treffend über die verzweifelten Exiſtenzen bei kleinen wandernden Schauſpielertruppen. „Betrachten wir,“ ſagt er,„das Daſein eines Schau— ſpielers, den Talentloſigkeit oder Unglück einer kleinen wandernden Truppe zugeſchleudert hat. Mit dem Be⸗ ginn des Spätherbſtes tritt er ſein Engagement in einem kleinen Städtchen, oft auch in einem Markt⸗ flecken an. Der Director, ein zu Grunde gegangenes Genie, hat die Führung eines Thespiskarrens über⸗ nommen, weil er als»ausübender Künſtler« ſelbſt nirgend eine Anſtellung gefunden und ein feindliches Geſchick ihm nur den Ausweg zwiſchen Directions⸗ führung und dem Hungertod offen gelaſſen. Die Geſellſchaft kommt acht Tage vor der Eröffnung des
Novellen⸗Zeitung.
Kunſttempels zuſammen, erſtens der nöthigen Proben wegen, zweitens und hauptſächlich, weil man an dem Orte des künftigen Wirkens doch wenigſtens bis zum Tage der erſten Vorſtellung für Obdach und Leibes⸗ nahrung Credit zu finden hofft. Der große Augen⸗ blick naht heran, der Reiz der Neuheit hat das Haus mit Schauluſtigen überfüllt; die jungen Lieutenants der Garniſon treiben ſich vor Anfang der Ouvertüre auf den Bretern herum und verſichern auf Seele⸗ daß die erſte Liebhaberin ein ſüperbes Mädchen ſei. Die Künſtler und deren Vorſtand haben mit den Fingern ein Loch in die Vordergardine gebohrt und ergötzen ſich an dem ſeltenen Anblick des zahlreichen Publicums. Die Vorſtellung iſt beendet. Ueber das Wie? laßt mich mitleidig einen Schleier ziehn. Die volle Caſſe wird getheilt, denn die Geſellſchaft ſpielt republikaniſch auf Theilung der täglichen Einkünfte, und man jubelt über das Glück, einen ſo guten Winterort gefunden zu haben. Schon der folgende Abend liefert den Beweis, wie ſanguiniſch die Hoff⸗ nungen auf den Kunſtſinn der Kleinſtädter geſtellt waren. Die Räume des Hauſes ſind ſehr mittelmä⸗ ßig beſetzt und bei der nächſten Vorſtellung ſchon ſchauderhaft leer. Der Sonntag allein erweiſt ſich als probehaltig, die Einnahme deſſelben wird aber von den Tageskoſten verſchlungen, die im Laufe der Woche in Reſt bleiben mußten, und von den darauf lauernden Gläubigern, als da ſind Zetteldrucker, Licht⸗ zieher ꝛc., mit unerbittlicher Strenge requirirt. Bleibt da für den Mann noch ein Gulden übrig, ſo iſt das ein fröhlicher, glücklicher Tag. So leben denn ſämmt⸗ liche Mitglieder im ſtrengſten Sinne des Worts ſo lange vom Schuldenmachen, bis mit dem Credit die aanze Theaterwirthſchaft zu Grunde geht, und die Kunſtjünger, gewöhnlich um die Neujahrszeit, ein unfreiwilliges Wanderleben beginnen, welches ſich meiſtens bis zum nächſten Herbſt hinaus verlängert. Mit Declamatorien in den Wirthshäuſern oder dem Vortrage einiger Lieder zur Guitarre friſten die Mei⸗ ſten auf bejammernswerthe Weiſe ihr trauriges Da⸗ ſein. Man glaube nicht, daß ich übertreibe. Ich ſelbſt habe das erſte Jahr meiner theatraliſchen Lauf⸗ bahn in dem kleinen Städtchen Krems bei einer ſol⸗ chen Bande zugebracht, die unter der Direction eines gewiſſen Biber ihr Weſen trieb, welcher ein nur zu getreues Original zu dem gezeichneten Bilde abgab.
Niemand kann ſich im gewöhnlichen Leben eine Idee davon machen, wieviel Leichtſinn, wieviel Men⸗ ſchenelend, wieviel Liederlichkeit und Gutmüthigkeit ſich bei einer ſolchen Truppe im grellſten Contraſte zu⸗ ſammengedrängt findet. Und es iſt nicht immer Ar⸗ beitsſcheu und Talentloſigkeit, die hier eine letzte


