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Vierle Folge. 265
Rings um ihr Haupt ein Goldſchein glühte, Aus ihrem Aug' ſprach Himmelsgüte,
Und ihre ſüße Stimme klang
Wie eines Engels Troſtgeſang:
„Mein Sohn, ich bin es, Deine Mutter! Ach, Deine Klagen riefen mich
Her aus dem Haus des ew'gen Friedens— Von Deinem Schmerz erlöſ' ich Dich!
Dich liebt' ich treu in dieſem Leben,
Du warſt auch mir ſo hold ergeben— Doch auch die Mutter, theurer Sohn,
Muß treten vor des Schöpfers Thron!
Dem Kinde gönn' der Mutter Antlitz, Dem Jüngling gönn' den Roſenplan; Du ſuche einen andern Leitſtern: Dem Mann gehört die Heimath an! Mit Gott, Du Blüthe meiner Seelk, Zur Mutter Dir die Heimath wähle! Die Heimath liebe treu und traut, Wie einſt die Mutter und die Braut!“
Sie ſpricht's und kehrt auf ſanften Schwingen Heim nach der lichten Himmelsau; Der Mond vollendet ſeine Wallfahrt,
Und Stern um Stern erliſcht im Blau. Schon ſingt mit glöckchengleichem Schlage Waldvöglein ſeinen Gruß dem Tage,
Schon küßt der Sonne Roſenlicht Des Sängers bleiches Angeſicht.
Aus ſeinem Wundertraum erwacht er, Und wie er ſtaunend um ſich ſchaut, Die alte Gluth belebt ihn wieder, Im Herzen wird die Ahnung laut: „Wo bin ich, wo? O, daß ich wüßte, Wer mich ſo heiß und innig küßte, Mir ſang ſo ſchön ins Herz hinein! Du Vaterland, mein Edelſtein!
So küßt' und herzt' mich einſt die Mutter, Als ſie das Kind am Arme wiegt;
So ſang mir einſt die Allerliebſte,
Da ſie ſich hold an mich geſchmiegt!
Du biſt die Sonn' aus lichten Sphären, Die ich als Mutter will verehren,
Du biſt der Stern mit goldnem Schein, Mein neues Liebchen ſollſt Du ſein!
So höre mich, Du heil'ge Seele,
Du, deren Aug' ſüß an mir hing: Ich will mein eignes Herz verfluchen, Daß es die böſe Qual umfing',
———yy—
Nie ſoll ihm Gottes Gnade winken, Es ſoll in ew'ger Nacht verſinken, Wenn ich noch Etwas treu und heiß Wie Dich, Land meiner Väter, preiſ'!
So höͤre mich, Du heil'ge Seele,
Du, der ich einſt mein Lied geweiht: Dies Auge, das noch ſonnig leuchtet, Erblinden ſoll's für alle Zeit,
Und dieſe Zunge Gott verdamme
Zum Stummſein und zur Höllenflamme, Wenn ich noch Eins beſing' ſo gern, Wie dich, mein theurer Heimathſtern!
So hör' mein neues Glück, o Heimath, Was ich dir ſchwör' am Muttergrab:
Die Strahlen meiner Liebe ſteigen
Zugleich mit mir zur Gruft yinab;
Dort will ich keine Ruhe haben,
Wenn ſie ohn' jene mich begraben,
Wenn ich nicht immer ſing' und ruf.
⸗Du ſchönſtes Land, das Gott erſchuf!“«“—
Er ſpricht's und nimmt die goldne Harfe, Bekreuzt das Grab mit frommer Hand Und wandert dann hinaus ins Freie, Hinaus ins grüne Vaterland!
Und horch, dort in der dunklen Ferne, Schon klingt es wie der Sang der Sterne: „Wie ſchöͤn ſeid ihr, wie himmliſch ſchön, O Heimathsthäler, Heimathshöh'n!“
Literariſche Briefe von Otto Banck.
Rückblicke auf meine theatraliſche Lauf⸗ bahn und meine Erlebniſſe. Von Franz Wallner. Berlin, Verlag von Gerſchel. 1864.
Franz Wallner iſt Ihnen jedenfalls als Schau⸗ ſpieler eine vertraute, angenehme Erſcheinung, und Sie werden ſich, wie ſo mancher Theaterfreund, an ſeinen heiter komiſchen, gemüthvollen und deshalb oft zugleich rührenden Leiſtungen, beſonders die im öſter⸗ reichiſchen Dialekt, erbaut haben. Ein langes, thätiges Wanderleben, ſo wie ſein früheres Engagement am Petersburger Theater hat ſeinen Ruf ſchneller als gewöhnlich begründen helfen, und auch als Theater⸗ director offenbart er viel Geſchick und ein kundiges Auge für die Zeitbedürfniſſe des Publicums. Er iſt ein Freund von tüchtigem, natürlichem Zuſammen⸗ ſpiel und ſchon in ſo fern keiner von den vielen


