Jahrgang 
01-25 (1864)
Seite
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ganzen Verkauf beſorgen. Hätte Herr Walther, ſo ſchloß der Doctor ſeinen Bericht, Luſt ſich das Be⸗ ſitzthum einmal anzuſehen, ſo wäre er gern bereit ihn morgen zum Pfarrer zu begleiten.

Eduard war dieſer Mittheilung mit einem regen Intereſſe gefolgt, dankte dem Arzte ſehr und ſagte beſtimmt, daß er morgen hinausfahren wolle, um ſich das Gut genan zu beſehen.

Ueber dieſen erſten Beweis einer wirklichen Theil⸗ nahme freute ſich der gute Grün aufrichtig und be⸗ ſchloß innerlich, auch alles, was in ſeiner Macht läge, zu thun, damit dieſer Kauf zu Stande käme, wovon er ſich ſo ſehr viel Gutes für ſeinen Patienten verſprach.

Mit der Verſicherung, morgen Nachmittag möglichſt

pünktlich zu kommen, empfahl er ſich.

Der morgende Tag erſchien, und zur feſtgeſetzten Stunde fuhren die beiden Herren in Begleitung von Johann dem Dorfe und Gute Reichheim zu. Nach⸗ dem ſie im Kruge abgeſtiegen, gingen ſie zum Pfarrer, fanden ihn daheim, und Eduard lernte in ihm einen ſehr lieben Mann kennen. Nachdem er von dem Wun⸗ ſche der beiden Ankommenden in Kenntniß geſetzt war,

gab er über die näheren Bedingungen des Verkaufs

Aufſchluß.

Es verhielt ſich faſt ſo, wie es Grün geſagt, der Preis war auf 75,000 Thlr. geſtellt, aber gleich baar oder in ſicheren Papieren auszuzahlen.

Hierzu erklärte ſich Walther bereit, im Falle daß das Gut ſeinen Anforderungen genüge.

Der Pfarrer ſchlug vor daſſelbe gleich zu beſehen, bat die Herren aber nach der Beſichtigung bei ihm wieder einzuſprechen, um eine kleine Erfriſchung zu nehmen, er wolle es ſeiner Frau ſagen, daß ſie wäh⸗ rend ihres Fortſeins Alles beſorge.

Nachdem er dies gethan, führte er Walther und Grün durch ſeinen Garten, der in ſeiner kaum voll⸗ endeten Aulage dem Auge noch herzlich wenig darbot; aus dieſem gelangten ſie auf die Chauſſee, die ſie in ungefähr zehn Minuten nach dem Garten des Gutes brachte⸗

Dieſer war ein Park, hatte hübſche Partien ge⸗ habt, jetzt aber war er verwildert, ſchöne Baumgruppen prangten zwar im Grün des Hochſommers, da war aber jahrelang keine verſchönernde, erhaltende Hand an irgend einen Baum gelegt worden, die Stege waren mit Unkraut überwuchert, das Gras der Raſen⸗ plätze war fußhoch, der ganze Garten ſtellte ein Bild der Verwilderung, der Verödung dar.

Das Herrenhaus machte keinen anderen Eindruck. Das lange Leerſtehen hatte ſeine Spuren nur zu deut⸗ lich dem Gebäude aufgedrückt; in ſeinen Formen ge⸗ hörte es einer alten, edlen Bauart an, hatte drei Stock⸗

Novellen⸗Jeitung.

werke und an jeder Seite einen runden Thurm, was das Gebäude burgähnlich erſcheinen ließ; in dem einen derſelben befand ſich die Treppe des Hauſes. Das Haus hatte zwölf Fenſter Front, ſie waren hoch, breit und gewölbt. Vom Garten aus führten zwei breite, ſteinerne Treppen in die mittlere Etage; der Perron, wo ſie ausliefen, war groß, von dieſem trat man in einen Salon, rechts und links waren Zimmer, aus allen dieſen gelangte man in einen Corridor, der ſich in allen Stockwerken wiederholte und die Bequem⸗ lichkeit des Hauſes ſehr erhöhte; auf der anderen Seite, der Gartenfront gegenüber, befand ſich ein ſchöner Saal und ebenfalls größere und kleinere Ge⸗ mächer.

Die Ausſicht, die man aus dieſen genoß, war prächtig. Die Gartenanlagen zogen ſich um's Haus herum und dehnten ſich bis zu einem nicht zu großen See aus. Dieſer war theils von ſchönen Baumpartien umgeben, theils aber auch von Wieſen⸗ flächen, wodurch man Fernſichten auf die nahen Berge, die ſich in ihren verſchiedenen Formen und in der

ausnahmen. Gerade dem Saale gegenüber eröffnete ſich eine ſolche bezaubernde Ausſicht, Eduard ſtand wie gebannt und ſog mit der ganzen Empfänglichkeit ſeiner Seele für alles Schöne dieſen Anblick ein.

Dieſen Augenblick ſtellte er ſich auch in ſeiner vollen Pracht dar; die Sonne warf ihre Strahlen auf den See, das klare, blaue, jetzt ſo ruhige Waſſer lag wie ein glänzender Spiegel zwiſchen von ſonnigem Lichte überzegenen Wieſen ausgebreitet; das Baum⸗ laub ſchattirte vom hellſten bis zum dunkelſten Grün; kahle Steinfelſen wechſelten mit ſchön bewachſenen Bergen, dieſe verſchiedenen Farbentöne gaben der Landſchaft Leben und Abwechſelung. In der Ferne erhoben ſich ſteilere, höhere Berge, die im bläulichen Lichte das Ganze umrahmten, der Himmel war tief blau, nur leichte weiße Wolken ſchwebten wie durch⸗ ſichtige Silberſchleier darüber. Auf den Wieſen weide⸗ ten Kühe, ihre Glocken ertönten hell und klar, auch dann und wann ließ ſich der Ton einer Schalmei oder ein leiſer Geſang der Hirten, die ihre Ziegen auf den Bergen weideten, vernehmen.

Nachdem ſich Eduard lange an dieſem Anblick gelabt, kehrte er nach dem anderen Salon zurück, hier war der Blick aus den Fenſtern auch hübſch, aber ſo ganz anders, daß er davon betroffen wurde, es war ihm, als wenn er in andere Zonen gegangen dort alles Licht, Helle und Glanz, hier nur Schatten und Dunkel. Waſſer ſah man auch hier, aber im dunkel⸗ ſten Grün erſchien es, kein Sonnenſtrahl drang um

dieſe Tageszeit hierher. Trauerweiden, Eſchen und

Bewachſung mit dem ſchönſten Laubholze maleriſch