Jahrgang 
01-25 (1864)
Seite
258
Einzelbild herunterladen

258

wendig, daß er die Streitenden ſchon der Welt wegen aufſuchen müßte, ſein Gang blieb aber langſam; ſo durchſchritt er das Haus, ohne ſie anzutreffen.

Er betrat den Garten, hatte aber kaum einige Schritte gethan, als er zwei unmittelbar aufeinander folgende Schüſſe fallen hörte; er eilte nun dem Schalle nach, und erreichte auch bald einen freien Platz, wo er eine Geſtalt am Boden liegend, eine andere über ihr gebeugt erblickte. Er trat näher.

Die Scene, die ſich ſeinem Auge darſtellte, war erſchütternd. Der Mond ſchien hell, und in dieſem Lichte ſah er, daß ſein Bruder bei ſeinem Freunde, der dem Anſcheine nach eine Leiche war, kniete. Die größte Verzweiflung, der tiefſte Schmerz war auf Edward's todesbleichem Geſicht ausgedrückt, er war bemüht,

können, Als er jetzt ſo nahe Schritte bei ſich vernahm, rief er um Beiſtand, daß man ihm helfe, ſeinen Freund nach dem Schloſſe zu bringen.

Hugh trat nun heran, legte ſeine Hand auf das Herz von William, um zu ſehen, ob noch Leben vor⸗ handen. Obgleich er noch einen ſchwachen Schlag vernahm, ſo verbehlte er dies doch ſeinem verzweif⸗ lungsvollen Bruder, und ſagte im Gegentheil:Hier iſt es zu ſpät, das Leben iſt entflohen, Du aber, Edward, rette Dich.

Dieſer war der Unterſuchung des Bruders mit größter Erregung gefolgt, bei ſeinem Ausſpruche fiel er wie vernichtet zuſammen. Hugh ſtützte ihn und that Alles, um ihn zur ſchleunigen Flucht zu überreden; hiervon wollte Edward nichts wiſſen, doch der Andere ſtellte ihm ſo eindringlich vor, daß ſein Bleiben keinen Nutzen, nur großen Schaden und Nachtheil über ſe e Familie bringen würde!

Dies allein vermochte Richton, dem D nes Bruders nachzugeben; jetzt hörte man auch ſchon das Geräuſch von Stimmen, Zeit war nicht zu ver⸗ lieren, Hugh drängte zur Flucht, Edward konnte nur noch Grüße für die Mutter ſagen und ſich von Hugh ſchwören laſſen, ibm ſofort nach Paris Nachricht zu ſenden, wenn William doch noch zum Leben wieder erwachen ſollte.

Die Stimmen kamen immer näher; Edward um⸗ armte nur noch den Bruder und eilte in's Gebüſch, um ſo den Ausgang des Parkes zu gewinnen. Hier er⸗ wartete ihn ſein treuer Diener John mit den Pfer⸗ den, den er, als er die Tafel verlaſſen, dahin beſtellt, um heimzureiten. Er ſchwang ſich auf ſein Pferd und jagte mit der Verzweiflung im Herzen davon. Als er auf ſeinem Gute ankam, befahl er dem guten

rängen fei

die lebloſe Geſtalt etwas aufzurichten,er rief ihn bei Namen, ſchien überhaupt nicht faſſen zu daß dies vergebliche Bemühungen waren.

Novellen⸗Zeitung.

John, der ihm nur mit Mühe hatte folgen können, dem Kutſcher zu ſagen, daß er ſofort anſpanne, er ſelbſt möchte ſo bald als möglich nach ſeinem Stu⸗ dirzimmer kommen. Als John nach zehn Minuten bei ſeinem Herrn eintrat, fand er dieſen eifrig ſchrei⸗ bend; er ſah beim Eintreten des Dieners nur auf, ſchrieb noch eine kleine Weile eifrig fort, faltete das Papier, ſiegelte, adreſſirte und gab es dem Diener mit den Worten:Dieſer Brief wird meiner Mutter, ſobald ſie heimkehrt, übergeben, ich reiſe ſofort. Du packſt einige Wäſche, Kleider und Deine Sachen; ſo⸗ bald dies geſchehen, fährſt Du nach der Stadt, gehſt zu meinem Anwalt Hrn. Wilſon, giebſt ihm dies Paket und bitteſt Dir zu übermorgen früh Nachricht an mich aus; haſt Du dieſe, ſo reiſeſt Du ſofort über Dover und Calais nach Paris, wo ich Dich in dem Dir bekann⸗ ten Hoôtel erwarte. Hier haſt Du Geld; ehe Du fort⸗ reiſeſt, bemühe Dich zu erfahren, wie es dem Sir William Raleigh geht. Iſt der Wagen bereit?

Da John dies bejahte, machte ſich Edward reiſe⸗ fertig, gab dem Diener die Reiſecaſſette, warf noch einen recht ſchmerzlichen Abſchiedsblick im Zimme mer umher, gab John die Hand und ſagte ꝛzuuDu, mein treuer John, folgſt mir und wirſt mich nicht in meinem Unglück verlaſſen.

Nachdem der Diener ſeinem Herrn das rei Verſprechen, Alles gewiſſenhaft zu beſorgen und ihn überall, wohin es auch ſei, zu begleiten, gegeben hatte, eilte Edward den Wagen zu erreichen, warf ſich hinein, gab den Befehl zum Abfahren, und ſo fuhr er in die Nacht, in die weite Welt, vielleicht zu einer Nimmer⸗ wiederkehr, hinaus.

Zuerſt lehnte er ſich tief im Wagen zurück, als wenn er nichts mehr ſehen, nur mit ſeinem Schmerze allein ſein wollte. Doch in dieſer Stellung verweilte

ſer nicht! lange, ohne einen letzten Abſchiedsblick konnte fer nicht von ſeiner geliebten Heimath ſcheiden.

Mit Wehmuth ſah er die Kirche, das Schulgebäude, die Hauſer ſeiner Inſaſſen nach und nach ſeinen Blicken entſchwinden, Alles lag ſtill und friedvoll in dem ſilbernen Lichte des Mondes, nur allein in ſeinem Herzen war Schmerz, Qual und Unruhe. Auch ſelbſt die bitterſten Vorwürfe verſchonten ihn nicht, denn immer und immer ging er ſein Benehmen gegen Ellen, ſein Handeln gegen William durch. Wäͤre er in einer ruhigen Gemüthsſtimmung geweſen, ſo würde er ſich ſelbſt von allem Vorwurf frei geſprochen haben, doch die Erinnerung an ſeinen von ihm erſchoſſenen Freund raubte ihm jede ruhige Ueberlegung, jeden Troſt. Jetzt hatte er das Ende ſeiner Beſitzungen erreicht; noch einen langen Blick auf alle ihm ſo wohlbekannten Gegenſtände werfend, noch ein herzzerreißendes Lebe⸗

woll um ſchall

weng ſpt leich