Jahrgang 
01-25 (1864)
Seite
256
Einzelbild herunterladen

und von einer tiefen Traurigkeit befangen.

256

Die ſtatiſtiſche Geſellſchaft in Paris, alſo gerade da wo der wundeſte Fleck liegt, hat Ziffern zuſammengeſtellt, die laut reden. Dieſen zufolge werden in 18 verſchiedenen Staaten Europas 3,800,000 Soldaten unter den Waffen erhalten. Sie koſten alljährlich 3,220,000,000 Francs, auf jeden Kopf kommen 844 Francs. Von je 76 Seelen wird ein Mann ausgehoben. Die Koſten verſchlingen mehr als 32 Procent der geſammten Staatseinnahme.

Wenn die Mächte ſich darin verſtändigten, die Hälfte dieſer unproductiven Soldatenmenge zu entlaſſen, alſo 1,900,000 Mann weniger auf den Beinen zu erhalten, ſo würden ſie dieſe Schaaren in productive Menſchen umwan⸗ deln, die jährlich 1,600,000 Francs erſparen. Für dieſe Summe könnte alljährlich das europäiſche Eiſenbahnnetz um 1500 deutſche Meilen ausgedehnt oder es könnten Schulden getilgt werden. Dieſe ſind zu nicht geringem Theil eine Folge der ſtehenden Heere und erfordern an Zinſen jährlich 2,300,000,000 Francs; dieſe Zinſen repräſentiren ein Ca⸗ pital von 57,000,000,000 Francs. Daſſelbe könnte bei Reducirung der Heere auf die Hälfte in 36 Jahren abbezahlt oder es könnte der überall hohe Steuerdruck vermindert wer⸗ den. Jene 1,900,000 Mann, die man ganz nutzlos unter den Waffen hält, würden, wenn als nützliche Arbeiter beſchäf⸗ tigt, an jedem Arbeitstage(jeder zu 15 Ngr. gerechnet) etwa 10,000,000 Francs verdienen. Um dieſelbe Summe wird jetzt Europa täglich verkürzt. Die Nachtheile, welche dieſe ungeheure Steigerung der Heere auch in ſittlicher Beziehung im Gefolge hat, ſind nicht minder hoch anzuſchlagen als die wirthſchaftlichen. 1

Die erſte Aufführung des Othello.

Es war im Jahre 1602. Königin Eliſabeth ſtand am Ende ihrer glorreichen Laufbahn; ſie war ſiebenzig Jahre alt Unaufhörlich ſtieg die blutige Geſtalt ihres Günſtlings Eſſex, den ſie dem Henkerbeile überliefert hatte, vor ihr auf, verfolgte ſie im Wachen wie im Traume und machte ſie tief betrübt und lebensmüde.

Die Höflinge erſchöpften ihre Erfindungsgabe, die Tochter Heinrich's VIII. zu zerſtreuen; Feſt folgte auf Feſt, man wollte Eliſabeth an ihre Jugend glauben laſſen, und die alte Königin tanzte mechaniſch, den Tod im Herzen.

Endlich bereitete die von den Poeten jener Zeit hoch⸗ geprieſene Lady Derby der Königin ein prächtiges Feſt auf ihrem Schloſſe. Ein neues Werk des Meiſters William Shakeſpeare, Othello, der Mohr von Venedig, ſollte zum er⸗ ſten Mal aufgeführt werden und zwar am 30. Juli 1602.

Der größte Saal des Schloſſes war zum Theater ein⸗ gerichtet worden. Ein in Bridgewater⸗Houſe aufgefundenes Manuſcript hat die Namen der Glücklichen aufbewahrt, welche dem Feſte von Harefield und auf dieſe Weiſe der er⸗ ſten Vorſtellung des Othello beiwohnen durften.

Und es war eine köſtliche Vorſtellung. Unter der Lei⸗ tung des Verfaſſers ſelbſt, von ihm bis in die kleinſten Ein⸗ zelnheiten überwacht, ging das Meiſterwerk aller Meiſterwerke in Scene. Tief erſchüttert, in athemloſer Süpannung lauſchte der Hof, für einen Augenblick die Wirklt über die Kunſt vergeſſend. Welchen Eindruck aber bra die Vorſtellung auf Eliſabeth hervor? Der furchtbare Ir: u des Mohren

Novellen⸗Zeitung.

zeigte ihr ihr eigenes Spiegelbild. Wie er den Einflüſte⸗ rungen des Jago und ſeinem eigenen Argwohne, ſo hatte auch ſiedieſem Ungeheuer mit den grünen Augen ihr Ohr geliehen, das ſelbſt die Nahrungsmittel hervorbringt, die ihm zur Speiſe dienen. Getrieben von der Eiferſucht, hatte ſie Eſſex verfolgt, ſie war auf Raleigh, auf Lord Hudſon, auf Leiceſter eiferſüchtig geweſen. Unter einem Vorwande hatte ſie Shakeſpeare's Freund, Lord Southampton, in den Tower geſchickt, deſſen Verbrechen einzig darin beſtand, ſich ohne ihre königliche Genehmigung vermählt zu haben. Die Eifer⸗ ſucht lag der Königin im Blute, ſie war ein Erbtheil ihres Vaters Heinrich VIII., der auf einen bloßen Verdacht hin ihre Mutter, Anna Boleyn, dieſe andere Desdemona, dem Schaffot überlieferte. Die Eiferſucht, welche das Geſpenſt ihres Lebens geweſen, ſollte ihre finſterſten Schatten noch auf ihre letzten Tage werfen. Noch düſterer, als ſie gekom⸗ men, verließ die Königin das Schloß der Gräfin Derby, Shakeſpeare's Meiſterwerk hatte ſie bis in die tiefſte Seele getroffen, immer tiefer verſank ſie in Trübſinn, und als ihr endlich von einer von Gewiſſensbiſſen gequälten Hofdame der Ring überbracht wurde, den Eſſex derſelben einſt anver⸗

traut und den dieſelbe ihr aus Haß gegen ihn nicht übergeben

hatte, da riß der letzte Faden, der Eliſabeth am Leben hielt.

Eſſex erſchien ihr unaufhörlich an Desdemona's Seite, und

dieſen fortwährenden Aufregungen erliegend, ſtarb Englands große Königin im Jahre 1603 und mit ihr der letzte Spröß⸗ ling des Hauſes Tudor.(S. Bl.)

Miscellen.

Frau von Monteſpan entzweite ſich oft mit der Fraß von Maintenon, und es kam zuweilen zu ſehr heftigen Auf tritten.

Schickt es ſich wohl für Sie, rief einſt die Erſter daß Sie mir immer widerſprechen? Sie ſind ja nur die un bedeutende Gouvernante meiner Kinder.

Wenn es unrühmlich iſt, die Gouvernante ſolcher Kit der zu ſein, antwortete die Frau von Maintenon,w viel unrühmlicher muß es ſein, wenn man die Mutter iſt

Solche Zänkereien kamen täglich vor. Frau von Mo teſpan war zu lebhaft, zu aufbrauſend und zu eiferſücht zum ſich mäßigen zu können, und Frau von Maintenon

ſtolz, um ſolche Behandlung mit Geduld zu ertragen.

Der König von Frankreich, Ludwig XIV., war beiß gleich zugethan, und gerieth über ſolche Zwiſtigkeiten oft Verlegenheit..

Es fällt mir bei weitem nicht ſo ſchwer, ſagte er weilen,der Friedensſtifter von ganz Europa zu werden, zwiſchen dieſen beiden Frauen Friede zu ſtiften.

Als Dr. Franklin im Begriff war, die vorläufigen Tre tate mit den engländiſchen Commiſſarien zu unterzeichn, bat er, daß es ihm erlaubt ſei, ſich auf einige Augenblicke entfernen. Er verließ die Verſammlung und kam hald i rauf in einem ſchlechten Kleide zurück, anſtatt des reichen, u er vorher angehabt hatte. Man fragte ihn um die Urſac und ſeine Antwort war:In dieſem Kleide hat mich We derburne(ehemaliger Kanzler in England) vor dem gehein Rath gehöhnet, und in eben dieſem Kleide will ich den Tre tat der Unabhängigkeit von Amerika unterzeichnen!

. Medigirt unter Verantwortlichkeit von Outo Friedrich Dürr i Zig. Verlag

der Dütr'ſchen Buchhandlung in Leipzig. Druck von A. Edelmann in Leipzit

1